Invest in people and not concrete!

Der erste Teil unseres Expeditionstags stand ganz im Zeichen der Videodokumentation. Durch unsere ausführlichen Begehungen und teilnehmenden Beobachtungen kennen wir das Gebiet mittlerweile In- und Auswendig. Wir haben durch verschiedene Plätze sowie auch “Videowalks” versucht das Gebiet repräsentativ zu visualisieren. Welche Aspekte für das Quartier prägnant sind, welche Orte gerne genutzt werden, aber auch jene welche ins Schattenlicht fallen. Bijlmer ist ein Quartier der Gegensätze und genau diese Bilder wollen wir durch Bewegung illustrieren.

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Auch für eine/einen geübteN Kamerafrau/mann ist es teilweise nicht einfach die Hand während eines Videowalks ruhig zu halten. Bei den Märkten sowie auch stark frequentierten Orten entschieden wir lieber verdeckt zu filmen, da die Einheimischen wie auch schon aus vergangen Erfahrungen der letzten Tage nicht positiv darauf reagieren. Wie wir von Nathifa und Zuwena aus dem Bijlmer Bookstore gestern erfahren haben ist dies unter anderem auch auf die Boulevard Medienformate zurückzuführen, da sie Bijlmer mit ihren Videoreportagen gerne in ein schlechtes Licht rücken wollen, um zu polarisieren. 

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Um die “lokale” Kultur auch geschmacklich kennenzulernen haben wir uns entschieden in ein surinamisches Restaurant essen zu gehen. Nach dem leckeren Mittagessen und einem ausführlichen Spaziergang trafen wir unseren nächsten Gesprächspartner – Tim Verlaan.

Tim ist Assistenzprofessor für Stadtgeschichte an der Universität von Amsterdam und konzentriert sich auf die Stadterneuerungsagenden amerikanischer und westeuropäischer Städte in der Nachkriegszeit. Zuvor war er als Assistenzprofessor für Architekturgeschichte an der Freien Universität Amsterdam sowie als Gastwissenschaftler an der New Yorker Fordham University, am Institut für raumbezogene Sozialforschung in Berlin und am Leicester Center for Urban History tätig.

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Neben aktuellen Problematiken in Bijlmer, welche wir auch in den vorherigen Blogs erwähnt haben, setzten wir in unserem heutigen Gespräch einen gesonderten Fokus auf die Geschichte von Bijlmer. Bereits in unserem Forschungsantrag haben wir erzählt, welche Teile von den damaligen Gebäuden abgerissen wurden. Heute erkennt man leider die berühmte Honeycomb-Struktur der Bijlmermeer nicht mehr. Was wir jedoch nicht gewusst haben, ist dass mit dem Abriss der Gebäude, auch die Community der BewohnerInnen zerrissen wurde. Die ursprüngliche Idee war, die Mittelklasse zu motivieren, in den renovierten, aber auch neugebauten Gebäuden anzusiedeln und somit die Probleme, welche die PolitikerInnen auf die Segregation zurückführten, zu lösen. Jedoch wie Prof. Verlaan sagt, ist Gentrifizierung kein natürlicher Prozess. Obwohl man einen Mix von Kulturen und Lebensstile schafft, heißt es nicht automatisch, dass eine gemeinsame neue Community entsteht. Das galt vor etwa 30 Jahren so, aber auch heute noch erzählten uns BewohnerInnen, dass die Neuzugezogene nur da wohnen, aber nicht Teil der Gesellschaft sind und auch keine Interesse daran haben die vorhandenen Einrichtungen gemeinsam zu nutzen. Da man die Architektur als prioritär empfunden hat wurden bei der Planung und Ausführung die Wünsche, Bedürfnisse und Gewohnheiten der BewohnerInnen im anfänglichen Planungsprozess nicht berücksichtigt. Somit entstanden architektonisch schöne praktische Durchgangsräume und Laubengänge, welche früher recht belebt waren und für verschiedenste gemeinnützige Tätigkeiten genutzt wurden. Heute kategorisieren wir diese als Räume, welche im Schattenlicht fallen. 

Die Probleme in den 80er und 90er Jahre bezogen sich auf Kriminalität und Sicherheit und hinterließen einen schlechten Ruf auf der Bijlmermeer. Jedoch hat sich dieser laut Tim Verlaan grundsätzlich bei der älteren Generationen eingeprägt. Die junge Generation will nach Bijlmer ziehen. Der größte Pull-In-Faktor ist wie bereits im gestrigen Blogeintrag erwähnt, die Leistbarkeit und Größe der Wohnungen. Ein anderer potentieller Anreiz ist die Vernetzung. In Amsterdam ist das Fahrrad ganz beliebt und es verwundert uns nicht, dass Bijlmer sehr gut an das Radnetz zur Innenstadt angebunden ist. Aber auch öffentliche Verkehrsmittel wie U-Bahn und Bus bewegen die BewohnerInnen schnell zu deren Zielort. 

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Man soll aus der Vergangenheit lernen – Dies lernten wir auch in unserem heutigen Interview. Nachdem sich Prof. Verlaan zurückerinnerte, erzählte er über das “buzzling” Bijlmer Viertel in den 1980er Jahren und wir bekamen den Eindruck, dass man nicht alles ändern sollte. Tim’s Empfehlung für die Zukunft: “Invest in people and not concrete!”. Und wir stimmen vollkommen zu! Nach diesem Interview, den BewohnerInnengesprächen aber auch den beliebten Initiativen von Henno Eggenkamp, sind wir der Meinung dass die informelle Nutzung des öffentlichen Raums gefördert und begrüßt werden soll, anstatt verboten und vernachlässigt. 

Wir bedanken uns herzlich bei Tim Verlaan für seine Unterstützung und hoffen, dass wir auch in der Zukunft raumplanerische Themen gemeinsam diskutieren können. 

Euer Amsterdam-Team,

Gabi und Martin 

 

 

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2 Kommentare zu “Invest in people and not concrete!

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