Bijlmermeer ist einzigartig! Gespräche über Mode, Freiraum und Gesellschaft.

In unserem heutigen Blogeintrag erzählen wir euch über zwei Bijlmerperspektiven – jene des 75-jährigen Henno Eggenkamp und vom 16-jährigen Michael.

Bild_Interview

Beide Männer wohnen direkt in Bijlmermeer und neben Alter und ethnischer Zugehörigkeit, unterscheiden sie sich auch in ihrer Lebensperspektive. Sowohl Henno, als auch Michael, sehen die Raw Facts gleich und wollten vor uns nichts “euphemistisch” darstellen bzw. ausblenden. Bei der Frage was den Menschen hier prioritär ist, haben sich zwei Aspekte hervorgehoben: Mode und Haare! Wenn man Einheimische in Bijlmer treffen will, muss man einen der vielen Friseursalons (nur in Grubbehoeve waren das sieben) besuchen. Ironischerweise hat uns Michael – seine Worte – ausnahmsweise erlaubt ein Foto mit ihm zu machen, da er heute beim Friseur war. Zusätzlich hat er uns empfohlen heimische Modegeschäfte wie SMIB zu besuchen, da sie seiner Meinung nach die lokale Kultur repräsentieren und “günstig” sind.

smib

Zu unseren Fragen über die Leere und dem Mangel an Menschen im öffentlichen Raum, haben wir von beiden gleiche Antworten bekommen – “Die BewohnerInnen isolieren sich”. Beide könnten genau verorten in welchen Gebäuden, welche Art von Personen leben:

  • Kikkenstein und Kruitberg – laut Henno – die Menschen ohne Ausbildung, Neuankömmlinge und Problemverursacher. Interessanterweise gehörte dieses Quartier auch nicht zu den “oft besuchten” von Michaels Gebieten. Zwischen den beiden Gebäuden hatten wir beim Spazieren ebenso diesen Eindruck da sich die BewohnerInnen attackiert gefühlt hatten und wir sogar bedroht wurden.
  • Kleiburg, in dessen Nähe wir auch Michael getroffen haben, beschrieb Henno als das Gebäude der “Jungen und Kreativen”. Dieses Beispiel haben wir bereits in unserem Forschungsantrag im Detail erläutert, aber auch im gestrigen Blog haben wir angedeutet, dass in Kleiburg hauptsächlich StudentInnen und junge Familien wohnen.
  • Im Gegensatz wird das Nachbargebäude Grubbehoeve hauptsächlich von Singles jeder Altersgruppe bewohnt. Hier befindet sich auch das BijlmerMuseum, Henno’s Wohnung, zahlreiche Friseursalons und in unmittelbarer Nähe die einzige Bar in der Gegend.
  • Der Rest des G-Buurtes – Gooirood, Groeneveen, Gravestein und Geldershoofd sind laut beiden ziemlich durchgemischt und modernisiert worden. Obwohl beide über Segregation des gesamten Gebietes erzählten, haben sie zugegeben, dass es hier mehrere Versuche gab eine soziale Durchmischung zu schaffen. Eines davon war eine Limitierung von Seiten der Politik dass sich in Gravestein und Geldershoofd nicht über 30% Schwarze ansiedeln dürfen. Diese ist bis heute gültig, wird jedoch laut Henno umgegangen.

Map_Gebäude

Beide Personen haben uns ein ähnliches Bild von Bijlmer gezeigt, jedoch empfehlen sie sehr diverse Lösungen, welche unserer Meinung nach von deren Erfahrung geprägt sind.

Henno Eggenkamp , geboren 1945, wohnte bis 1969 illegal in Amsterdam South, da er aber aus seinem ehemaligen Apartment rausgeworfen wurde, blieb ihm keine andere Möglichkeit als nach Bijlmer zu ziehen.

Er ist eine kreative Persönlichkeit und neben verschiedenen Jobs als Regisseur, TV-Produzent und Chef eines Radiosender, Produzent mehrerer Ausstellungen und Festivals, ist er auch der Gründer des BijlmerMuseums. Er beschreibt sich als “Stadtmacher” und ist der Meinung, dass ihn keiner mag, nichtsdestotrotz erzählt er stolz wie seine Projekte in der Gegend von der gesamten Nachbarschaft geschätzt und genutzt werden. Wenn über Nutzungen im öffentlicher Raum die Rede ist, ist Henno der festen Meinung, dass das Angebot nicht den Wünschen der BewohnerInnen entspricht. Er sieht die diversen Spiel- und Sportplätze, aber auch alleinstehende Bänke im Grünen als “Geldverschwendung”. Sein Wunsch – Eine Nachbarschaft, wo sich Menschen gern im Freien unterhalten. Er bezieht sich auf die Barbecueplätze und betont seine zwei “selfmade” Erholungsorte. Der erste liegt direkt vor dem BijlmerMuseum im Grünen und unterscheidet sich von den zahlreichen Bänken der Gemeinde nur mit einem Tisch dazwischen. “Es sei das, was die Menschen wollen” – sagte der Stadtmacher. Während des 2-stündigen Interviews konnte man verschiedene Personen sehen die diesen Ort zum Verweilen aufsuchten.

Pergola

Der zweite Ort, den der Gründer des BijlmerMuseum ansprach, ist der einzige Erholungsort mit Sitzmöglichkeit unmittelbar am Wasser. Auch hier stimmen wir zu und glauben, dass eine Gestaltung der Uferbereiche attraktiv für die BewohnerInnen sein könnte. Nach Untersuchung des Gebietes ist dies auch unser Lieblingsort im Gebiet geworden und perfekte Platz für unsere Interviews mit BewohnerInnen.

steg

Michael, geboren 2004 in der Nähe von Bijlmer, befindet sich gerade in seinem Abschluss Schuljahr, arbeitet nebenbei in einem Supermarkt und zielt auf ein Medizinstudium an. Seine Familie sind Migranten aus Ghana. Wir wollen etwas detaillierter auf ihn eingehen, da er uns sehr überrascht und fasziniert hat. Michael haben wir spontan mit seinem Fahrrad auf dem Fußweg getroffen und ihn gebeten eine Mental Map für uns zeichnen. Diese betitelte er mit “My Beautiful Bijlmer” – und laut seinen Erzählungen ist Bijlmer der beste Wohnort – nicht aufgrund der Wohnungen oder Infrastruktur, sondern aufgrund der Menschen. Auch mit ihm haben wir lang über Nutzungen im öffentlichen Raum gesprochen. Er erzählte uns über seine Kindheit mit vielen Aktivitäten wie Fußballspielen und Grillen im Freien. Jedoch nutzt er dieses Angebot nicht mehr, da er der Meinung ist, dass das soziale Leben entweder privat in den Wohnungen oder durch Social Media stattfindet. Auch diverse öffentliche und private Organisationen wie seine Schule, die Black Archives, die Bijlmer News usw. schaffen es Menschen zu vernetzen ohne spezielle Orte dafür gestalten zu müssen. “Grün sei für die Gänse” – stellte der jungen Schüler fest und zeichnete seine Radroute weiter.

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Bijlmer ist einzigartig! Nach unserem heutigen Tag hat sich dieser Satz am stärksten hervorgehoben. Ja – viele Menschen konnten wir auch heute nicht treffen, jedoch haben wir zumindest die Gründe dafür von “Insidern” gehört. Ob wir erfolgreich mit den Mental Maps sein werden, lässt sich in den nächsten Tagen herausfinden. Die ersten Interviews liefen jedoch reibungslos und wir hoffen, dass wir in den nächsten Tagen auch interessante Ergebnisse bekommen werden.

 

Wir hoffen, dass ihr auch weiterhin unsere Blogeinträge mit Interesse verfolgt!

 

Euer Amsterdam-Team,

Gabi und Martin

 

 

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2 Kommentare zu “Bijlmermeer ist einzigartig! Gespräche über Mode, Freiraum und Gesellschaft.

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