(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT VI: KIRCHE SFANTUL NICOLAE

DIE SCHIEFEN TÜRME VON SULINA

An der Strada II ragen verdeckt vom Blätterwerk hoher Bäume, zwei leicht schiefe Türme in den Himmel. Auf beiden sitzt ein kleines Kreuz. Ein weißer Zaun umgibt das Grundstück, auf dem das alte Bauwerk unscheinbar steht. Am linken Ende verschafft uns ein kleines Tor, es lässt sich kaum vom Zaun unterscheiden, Zutritt zum Gelände.

Das Bauwerk ist von einem wackligen Holzgerüst umgeben, so als würde es restauriert werden, doch der Garten ist wild verwachsen. Für uns fühlt es sich wie ein Ort an, der schon seit einigen Jahren sich selbst überlassen wurde, ein Ort den man vielleicht schon längst aufgegeben hat.

Wir schlüpfen unter das Holzgerüst und betrachten die Fassade genau. Das Gebäude sieht von der Nähe viel brüchiger aus, als von der Ferne. Die eingesetzten Materialien gliedern das Bauwerk in drei Ebenen. Die unterste Ebene besteht aus bröckelnden Backsteinen, danach folgt weißer Putz der mit orangener Farbe verziert wurde. Ganz oben sitzen die gräulichen Holztürme mit verrosteten Metallkuppeln. 

Ein Fenster im Erdgeschoss steht offen, durch die Gitter spähen wir in die alte Kirche. Die Gewölbe sind mit dunklen Malereien geschmückt. Obwohl nur wenige Farben dabei verwendet wurden, lässt der Lichteinfall der Fenster verschiedene Schattierungen entstehen.

So klingt es vor der Kirche:

 

GESCHICHTE EINER VERLASSENEN KIRCHE

Wie fast alle Kirchen in Sulina ist auch diese (Nicht)Sehenswürdigkeit nach dem Schutzpatron der Fischer, „Sfantul Nicolae“, benannt. Sie befindet sich direkt neben der griechisch-orthodoxen Kirche der Stadt. 1868 errichtete man sie auf dem Grundstück einer älteren Kirche und sie wurde bis zum Bau weiterer orthodoxer Kirchen gleichermaßen von rumänisch-, griechisch- und russisch-orthodoxen Christ*innen besucht. Außen und Innen enthält sie Elemente antiker Architektur, wie z.B. Dreiecksgiebel, Säulen und Oculusfenster. 

Im Jahre 2010 begann man mit den Restaurierungsarbeiten, kurze Zeit später wurde die Arbeit jedoch aus unerklärlichen Gründen wieder eingestellt. Auch wenn das Holzgerüst noch steht, die Kirche verfällt dahinter weiter. Sie ist die Einzige unserer (Nicht)Sehenswürdigkeiten bei der keine Aneignungsprozesse sichtbar sind. Wir vermuten, dass dahinter vor allem der Respekt vor diesem heiligen Ort überwiegt.

 

EIN ORT DER STILLE

Die Kirchen in Sulina haben heute noch einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Sie bilden Treffpunkte an denen sich die Bewohner*innen der Stadt regelmäßig austauschen und ihre Traditionen und Rituale pflegen. Obwohl die Stadt tatenlos zuschaut wie historische Gebäude nach und nach in sich zerfallen, ist bei den Kirchen noch wenigstens der Wille vorhanden diese zu restaurieren. Die Sf.Nicolae Kirche ist, auch wenn darin schon lange kein Gottesdienst mehr stattgefunden hat, ein spiritueller Ort für die Bewohner*innen Sulinas und wird immer eine Kirche bleiben. Selbst wenn sie eine Umnutzung erfahren würde. Diese starke Prägung ist für uns eine große Qualität dieser (Nicht)Sehenswürdigkeit.

Neben der kirchlichen Atmosphäre bewundern wir die Einfachheit dieses Sakralbaus. Das Gebäude wirkt für eine Kirche fast schon unscheinbar und unaufdringlich. Hinter der Architektur steckt nicht der Wille Macht und Reichtum zu präsentieren, sondern der Gemeinde einen Ort der Ruhe und Spiritualität zu schaffen. Nicht die prunkvollen Verzierungen, sondern die verschiedenen Texturen und Farben sorgen für variierende und harmonierende Muster. Die verwendeten Materialien, wie Holz, Putz und Backstein sind dabei gewöhnlich, finden sich aber auch in den Fassaden der alten Wohnhäuser an der Stada I und II wieder.

Schreibe deinen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*
*