GORIZIA UND NOVA GORICA – TRANSALPINA ODER EUROPA? – TEIL 2

SEXTO GIORNO / ŠESTI DAN 25.05.2019

 

Teil 2

 

Der Tag beginnt wieder sonnig und wir versuchen uns zu sammeln. Bis dato haben wir eine Reihe von Gespräche und Interviews mit Italiener bzw. mit in Gorizia Lebende geführt. Slowenen zu kontaktieren erwies sich als deutlich schwerer. Besonders die Tonaufnahme schreckt Viele in Nova Gorica ab, also entschließen wir uns heute vermehrt das Gespräch mit Slowenen in Nova Gorica aufzusuchen. Hinzu kommt, dass heute Abend eine Veranstaltung namens „GO!borderless!“ bzw. „è storia“  am Europaplatz/Transalpina Platz stattfindet, die die „Wiedervereinigung“ mit Lesungen, Autoreninterviews, Konzerte, etc. zelebriert, v.a. weil Gorizia und Nova Gorica 2025 zur Kulturhauptstadt Europas kandidieren möchten. Daran möchten wir natürlich auch teilnehmen. Nicht nur, weil man dort möglicherweise gesprächigere Personen trifft, sondern weil auch der politische Rahmen, der dort thematisiert werden soll, für unsere Expedition von herausragender Bedeutung sein könnte.

Als allererstes bringen wir die Fahrräder, die wir in Nova Gorica gemietet haben zurück. Im Anschluss spazieren wir in Richtung Zentrum, in die Delpinova ulica und unterhalten uns mit Petra.

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unsere Route am sechsten Tag

Sie kommt aus einem Dorf südlich Nova Goricas, namens Renče. Sie fährt fast jede Woche mit dem Auto, über einen Grenzübergang im Süden bei einer Ortschaft namens Miren, nach Gorizia. Sie überquert die Grenze, um in Gorizia Eis zu essen, einkaufen zu gehen und v.a. um ihren Freund in Gorisca Brda, nördlich von Gorizia, zu besuchen. Ihre Freunde kommen aus Nova Gorica. In Gorizia kennt sie niemanden. Wenn sie zum Europaplatz geht, dann nur um einen Zug zu nehmen. Sie denkt aber, dass der Platz bedeutend für die Bewohner Nova Goricas ist, weil sie die Einigung beider Städte versinnbildlicht. Sie wünschte sich, dass der Platz  mehr belebt werden würde, weil er derzeit zu leer wirkt. Sie würde den Platz attraktiver für junge Menschen gestalten und vorschlagen, dass auf dem Platz mehr Verantstaltungen stattfinden sollen. Die anderen Übergänge seien weniger bedeutend. Wenn also der Europaplatz mit seiner Symbolkraft für jüngere Leute ausgebaut werden würde, wäre das genug. So viele jüngere Leute gäbe es im gesamten Umfeld gar nicht, um sie auf mehrere ausgebaute Übergänge zu verteilen.

Sie wiederholt auch mehrmals, dass beide Städte nicht ausreichend miteinander verbunden seien. Politiker und “bedeutendeLeute” beider Städte würden bereits versuchen beide Städte mehr miteinander zu verbinden. Es läge auch ein bisschen an den kulturellen Unterschieden. Sie glaubt, dass Slowenen anpassungsfähiger seien, da Slowenen meist beide Sprachen sprechen, während es seltener sei, dass man auf Gorizianer trifft, die Slowenisch sprechen. Zudem beobachtet sie, dass viele Italiener die Casinos entlang der Grenze besuchen. Die einzigen Italiener, die sie kennt, sind Casinobesucher. Mit diesen “Menschentyp” will sie nichts zu tun haben, da sie sich nur für sich selbst interessieren.

Es sieht so aus als wäre der Austausch zwischen jüngeren Bewohnern der Gegend sehr träge und dass eindeutig ein öffentlicher, aktiv bespielter Raum mit Attraktionen fehlt – nicht nur für junge Menschen, sondern allgemein. Da der öffentliche Raum auf italienischer Seite sehr residentiell und auf slowenischer Seite sehr verlassen wirkt. Hinzu kommt noch die räumliche Trennung des Bahnhofs und Nova Goricas mit den Gleisen – nur auf slowenischer Seite – welches wie eine weitere Barriere den Bahnhof von der Stadt enfernt.

Wir lassen uns im Zentrum Nova Goricas auf der Terrasse einer Bar nieder und arbeiten an unserem Blog. Plötzlich fahren zwei sehr bunte PKWs, begleitet von einer sehr lauten slowenischen Musik, in die Fußgängerzone ein. Auf allen Seiten der PKWs steht Tito und es hängen Fahnen hinaus. Sie halten direkt vor der Bar an und steigen singend und breit lächelnd aus. Sie tragen weiße Blusen, eine blaue Kappe und ein rotes Halstuch, das oberhalb der Brust zugeknotet ist. Wir fragen uns warum sie sich so freuen. Also nähern wir uns ihnen an. Leider spricht keiner von der Gruppe Englisch. Nur eine Person scheint etwas Italienisch zu sprechen.

Der Herr, der sich mit uns unterhält heißt Janni und ist Slowene, wie alle anderen der Gruppe, die sich nun um uns gescharrt haben. Heute scheint diese Gruppe den Geburtstag des ehemaligen Präsidenten zu feiern, welches auch gleichzeit der Feiertag „Dan mladosti“ (Tag der Jugend) war.

Wir befragen sie zu ihrer Beziehung zu Gorizia und zur Grenze. Sie seien sehr dankbar, dass die Mauer nun weg ist und dass die Grenze nun durchlässig ist. Allerdings hätten sie keine Gründe, um die Staatsgrenze zu durchkreuzen. Weder um Produkte zu erwerben, noch weil sie Kontakte in Italien hätten. Nur einmal im Jahr zum Jahrestag Titos, würden sie zum Europaplatz fahren. Erst später hat sich herausgestellt, dass Janni in Italien arbeitet. Wir fragen die Gruppe, was sie gerne an dem Transalpina Platz/Europa Platz ändern möchten. Janni würde ihn gerne so belassen wie er ist und er denkt, dass der Zaun und die Blumenkästen dort stehen bleiben sollten.

Janni stellt aber auch sehr schnell klar, dass viele Italiener „Faschisten“ seien. Wir fragen ihn, ob er uns von einer Anekdote erzählen möchte. Er selber sei mit keinem Faschisten konfrontiert worden. Er habe aber von vielen Geschichten von Bekannten gehört, dass viele Italiener „Faschisten“ seien.

Die Gruppe möchte nach unserem Gespräch weiter zur Europa-/Transalpina Platz ziehen, wo auch schon die Vorbereitungen für das Fest vorgenommen werden. Man hört selbst bis zum Zentrum Nova Goricas die Proben der Musikanten für das Konzert.

Die Gruppe scheint Tito selbst nach seinem Tod hinaus noch zu verehren. Sie behaupteten selbstbewusst und selbstsicher, dass sie wenig Bezug zu Italienern haben und dass Italiener „Faschisten“ seien. Diese Generalisierung ohne Anekdoten und Erfahrungen lässt darauf schließen, dass der Interviewte viele Vorurteile gegenüber Italiener hat und dass er/die Gruppe aus diesem Grund die Grenze bzw. den öffentlichen Raum entlang der Grenze meidet. Wir sind uns nicht sicher, ob wir die Ausnahme heute am Europaplatz als eine politische Provokation interpretieren sollen, da eine solch „nationale Feier (Titos Geburtstag)“ an einer europäischen Feier, bei der Gemeinsamkeiten beider Nachbarn zelebriert werden, eine diametrale Gegenwelt darstellt und folglich (vielleicht!) fehl am Platz ist. Zu einer genaueren Feststellung, bräuchten wir mehr Hintergrundwissen. Eine andere Überlegung ist, dass es sich hier einfach nur, um eine Jogoslawiennostagik handelte.

 

Die Musik erweckt unsere Neugier. Deswegen ziehen weiter mit dem Europa-/Transalpina Platz als Ziel. Auf dem Weg entdecken wir gegenüber dem Bahnhof noch von Nova Gorica aus einen Trampelpfad, der quer über einen Hügel über die Gleise zur Bahnhofsplattform führt. Wir bemerken wie Einige diesen Weg mit ihrem Hund durchqueren. Manche überqueren diesen Weg auch einfach nur um am Bahnhofscafé ein Bier zu trinken. Offenbar ist die Bahnhofsplattform ein beliebter Treffpunkt. Es befinden sich hier Menschen unterschiedlichster Generationen, wobei die männliche Kundschaft hier auffallend häufiger vertreten ist. Es fahren kaum Züge. Es stehen nur viele rostige und alte Züge vor dem Bahnhof, die fast schon wie nostalgische Dekoration wirken. Der Ausblick auf die grünen Hänge in der Ferne und das Vogelzwitschern komplementieren den pittoresken Ausblick. Wir setzen uns auf ein Kaffee und lauschen. Es wird nicht nur Slowenisch und Italienisch gesprochen. Die internationale Geräuschkulisse ist sehr ungewöhnlich und unerwartet. Bis jetzt sind wir davon ausgegangen, dass die Gegend um den Bahnhof wenig besucht wird und dass Wenige diesen öffentlichen Raum Beachtung schenkt oder schenken wollen. Liegt das nur an den Festivitäten oder wird der Raum an der Plattform mehr genutzt?

Wir gehen durch das Café zum Europaplatz und sehen, dass die Blumenkästen auf dem Platz entfernt worden sind, damit auf dem Platz eine runde Plattform für Musikanten und Protagonisten des Abends darauf aufgestellt werden konnte. Auf der Plattform wurden sämtliche Sitzplätze und Instrumente verteilt, wobei ein Tisch auf der italienischen Hälfte der Plattform aufgestellt worden ist.  Um die Plattform herum wurden Stuhlreihen für Zuschauer aufgestellt, die nun peu-à-peu von Besuchern jeden Alters, inklusive uns, besetzt werden.

Die Rede beginnt und es wird ausführlich von der Vergangenheit und deren Einigung beider Städte an dieser Stelle berichtet. Die Reden und Interviews finden auf Slowenisch und Italienisch statt. Es werden außerdem Kopfhörer für diejenigen verteilt, die eine Übersetzung auf Slowenisch, Italienisch oder Französisch benötigen. Englisch ist nicht dabei. Wir haben die Reden und Interviews aufgenommen und hochgeladen.

Auf dieser Veranstaltung wird eindeutig die „Wiedervereinigung“ zelebriert. Am nächsten Morgen bewegen wir uns erneut auf den Platz zu und sehen, dass die Blumenkästen wieder auf der gleichen Stelle wie vor dem Konzert entlang der Staatsgrenze aufgebaut wurden sind. Vielleicht sind beide Nachbarn für eine Annäherung noch nicht bereit.

 

Betül und Carolina

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