AI GRIJA, SULINA!

Der Verfall geht um. Er färbt Wände, bricht Fenster und stürzt Dächer. Kein Halt wird vor Fabriken, Kirchen, Hotels, Kinos oder Wohnhäusern gemacht. Überall treibt der Verfall sein Unwesen, egal ob Peripherie oder Zentrum. Manchmal weint man den Verlusten hinterher, weil damit ein schöner Teil der Vergangenheit verblasst. In anderen Fällen zeigt man sich gleichgültig oder sogar erleichtert, irgendwann nicht mehr mit den Erinnerungen an schlechte Zeiten konfrontiert zu werden.
Nur selten ist Jemand tapfer genug sich dem Verfall in den Weg zu stellen, um die alten Häuser zu schützen. Wenn es doch Jemand wagt, dann ist die Trägheit dem Verfall sein Verbündeter und hält den Weg zu seinen Opfern frei.
Sulina, wir wünschen dir, dass du aus eigener Kraft oder mit fremder Hilfe dem Verfall in die Schranken weisen kannst, um in Einklang mit der umgebenen Natur zu einer gesunden Stadt  zu werden.

– – –

EIN KLEINES RESÜMEE

Nun sind wir am Ende unserer Forschungsreise angelangt und es wird Zeit ein kleines Resümee zu ziehen. Wenig prägt den Öffentlichen Raum der Kleinstadt so sehr, wie der fortschreitende Verfall der Bausubstanz. Unsere sechs (Nicht)Sehenswürdigkeiten sind die prominenten Beispiele dieser Entwicklung. Sie sind nicht nur versteckt in heruntergekommenen Vierteln in der Peripherie zu finden, sondern auch im Zentrum, dort wo sich Gemeinden den Besucher*innen und Bewohner*innen von ihrer besten Seite zeigen. Der gebaute Raum hat auf die Menschen, die ihre Vergangenheit kennen, eine starke symbolische Wirkung. Je nachdem, wie sie zu dieser Vergangenheit stehen, sind sie dem Ort positiv oder negativ eingestimmt.

Während unserer zehntägigen Expedition, haben wir den Eindruck gewonnen, dass die Bevölkerung der Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hinterher trauert und dem Verfall der Zeitzeugnisse mit Frust mitverfolgt. Im Gegensatz dazu werden die baulichen Überbleibsel der kommunistischen Diktatur trotz ihrer Präsenz kaum thematisiert, sogar regelrecht verdrängt. Ihnen wird jegliche Relevanz und Ästhetik aberkannt. Man wünscht sich, dass der Natur sich diese Räume wieder zurückholt und sie so baldmöglichst aus dem Stadtbild verschwinden. Dabei verleiht die Mischung der Epochen dem Öffentlichen Raum verschiedene Facetten. Auch wenn nicht jeder Ort erhalten blieben kann oder sollte, spiegelt sich in dem Facettenreichtum der gesellschaftliche und politische Wandel einer Stadt und eines Landes wieder. Dieser ist aus unserer Sicht schützens- und sehenswert. Derzeit wirkt es als außenstehende Person so, als schätzen die Gemeindeverantwortlichen unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten als irrelevant ein.

Gelände und Gebäude waren zum Großteil zugänglich, in den meisten davon haben wir Hinweise auf Aneignungsprozesse gefunden. Kritzeleien und aufwendigere Graffitis, Feuerstellen und zurückgelassener Müll weisen darauf hin, dass sowohl Besucher*innen als auch Bewohner*innen sich in diese Räume zurückziehen. Wir wissen nicht, ob es die Stille und Ruhe, die damit verbundenen Erinnerungen oder die Möglichkeiten, die diese Orte bieten, die Menschen hierher gelockt haben. Wir machten uns auf eigene Weise unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten zu Eigen und entdeckten dabei ihre Qualitäten. Sie sind lebhaft, versteckt, schön, kontrastreich, bewegend, spirituell und voll von Aussichten auf Sulina.

Falls wir wiederkommen sollten, sind unsere (Nicht)Sehenswürdigkeiten verschwunden, restauriert oder sie verfallen weiter vor sich hin. Keinesfalls aber bleiben sie so, wie sie jetzt sind.

 

Schreibe deinen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*
*