Wo öffentlicher Raum der Natur und dem KFZ überlassen wird

An diesen Morgen stand zum ersten Mal kein Termin an. Dadurch hatten wir die Möglichkeit auszuschlafen und uns der Sammlung von den bisherigen Ergebnissen und Eindrücken zu widmen. Die Zeit bisher war doch sehr intensiv und durch Treffen, Besichtigungen, Analysen, Interventionen und Spaziergängen geprägt. All das hat dann doch etwas an der Substanz gezerrt.

Diesen Mittwoch nutzten wir, um die Umgebung südöstlich des Zentrums zu erkunden, damit wir uns weiterhin ein Bild über den öffentlichen Raum abseits des Zentrums machen zu können. Unser Eindruck, der auch von den lokalen Bevölkerungen und den Expert*innen gestützt wird ist weiterhin, dass der wirklich qualitative öffentliche Raum wirklich nur in Zentrumslage entlang der Achse zu finden ist. Mag am Anfang vielleicht etwas Bedenken bezüglich der Wahl des Ausschnittes unserer Karte vorgeherrscht haben, so hat sich dieses bisher relativiert. Die Menschen scheinen tatsächlich nur den öffentlich Raum im Zentrum als diesen wahrzunehmen, außerhalb existiert er ebenso wenig in den Köpfen der Bevölkerung als auch bei unseren bisherigen Erkundungen. Ein Bild von Brachen, halböffentlichen Bauruinen, Wildwuchs in der Stadt, aber vor Allem der prägnanten Invasion des Zwischenraumes durch Autos fallen uns auf. Geradezu penibel scheinen die Platzverschwender einer jeden Stadt jede Lücke des Raumes zu nutzen, der für sie in Frage kommt. So entsteht in Tirana oftmals eher der „öffentliche Raum“ durch Lücken in der wahllosen Bebauung aus heruntergekommenen Wohnhäusern, Villen der Vergangenheit und ebendiesen undefinierbaren Zwischenräumen, die auch nur irgendetwas zu scheinen sein.

Am heutigen Tag gingen wir wie schon erwähnt durch Ali Demi, einem Viertel südlich des Lana Flusses. Ein kurzer Blick auf Google Earth verrät uns, es ist ein zusammengewürfeltes Labyrinth bestehend aus verschiedenen Gebäudetypologien. Und so war es auch, als wir durch die engen Straßen und Gassen schlenderten. Einzelne ansprechende Neubauprojekte stehen neben illegalen unverputzten Self-made Wohnungen. Gebäude aus der kommunistischen Ära blicken auf Einfamilienhäuser der chaotischen Zeit nach dessen Niedergang. Eine Straßenhierarchie sucht man vergeblich. Man kann sich in den Tiefen des Labyrinthes verlieren, aber zum Glück haben wir Google Maps und eine intakte Internetverbindung, denn unser nächstes Ziel war zwar nicht weit entfernt, aber umso schwieriger zu finden: der Parku i Madh Kodrat e Liqenit, Tiranas einzige innenstadtnahe Grün- und Waldfläche mit See. Aber vorher gingen wir noch durch das Qyteti Studenti, eine ca. zwölf Hektar große Anlage für Studierendenwohnheimen. Diese ist quasi die einzige Wohnmöglichkeit für Studierende, deren Eltern nicht nach Tirana gezogen sind. Einige Blöcke sind arg herabgekommen, andere frisch renoviert. Auf einem Lageplan sieht man, dass die Wohnblöcke geschlechtergetrennt sind. Interessanterweise sind mehr Zimmer für Studentinnen vorgesehen als für Studenten.

Unser Freund Dejan, ein Wiener Raumplanungsstudent aus Albanien, welcher uns eine sehr große Hilfe für die Kontaktaufnahmen vor Ort war, hat uns auf eine äußerst interessante Doku von Arte aufmerksam gemacht. Dauert nur eine halbe Stunde und fasst perfekt die derzeitige Situation für die Jugend von Albanien zusammen. Sehr empfehlenswert!

Eine erste kleine Überraschung beim Betreten des beliebtesten Stadtparkes: Fahrradfahren verboten! Trotzdem fanden wir Fahrradständer im Park, irgendwoher aus dem nirgendwo dann auch ein Fahrradweg, woher und wohin dieser führt ist ungewiss, genutzt wird er jedenfalls nicht. Im Park fanden wir erstmals einen Ort der Ruhe. Der hauptsächlich durch den motorisierten Individualverkehr erzeugte Lärm wird durch den Wald abgeschirmt. Die Menschen sind entspannt und schlendern langsam dahin. Die Promenade am See gilt als beliebter Treffpunkt, wiederum im Schnitt sehr junge Albaner*innen sitzen am Stausee und beobachten das rege Treiben, es wird Bier und Espresso serviert. An einer Ecke dann die Überraschung: ein Wiener Würstelstand! Der Versuchung konnten wir dann doch nicht wiederstehen, die Käsekrainer für umgerechnet 3,20 Euro spiegeln wohl die frequentierende Klientel dieses Bereichs des Parks wider.

Den Abschluss des Tages stellte ein Treffen mit Studierenden von Organizata Politike, einer politischen Organisation welche sich für eine bessere Situation von Studierende und Arbeiter*innen in prekären Verhältnissen einsetzt, dar. Mehr Informationen einschließlich einem Interview mit Bora Mema, einem Mitglied der Organisation, findet ihr hier! Die Organisation hat sich ein altes Haus inmitten der Altstadt gemietet. Die 6-stöckigen Appartementblocks links und rechts des Grundstücks bewachen das kleine Haus bedrohlich. Die Institution bietet eine Bibliothek, einen Raum für Plenen, Treffen, Poetry Nights, kulturelle Veranstaltungen, Filmnächte, Parties und auch eine Bar an. Um eine Runde Raki kommen wir nicht herum, Marke Eigenbräu aus der Plastikflasche und sehr scharf, danach ist uns auf jeden Fall warm. Bis in die späte Nacht diskutierten wir über die aktuelle Situation von Studierenden, über Korruption, Politik, Chancen am Arbeitsmarkt und die Flucht der Jugend aus Albanien. Unter anderem haben wir erfahren, wie schwer es ist eine eigene Partei zu gründen (ein Kleingeld von ca. 40.000 € ist nötig), dass die sozialistische Partei wirtschaftsliberaler ist als ihr Name verspricht, die jungen Frauen im Land viel zielstrebiger bezüglich Bildung sind als ihre männliche Kollegen, außerhalb von Tirana Armut herrscht wie sie nur in der Subsahara Gegend zu erwarten ist und dass die Arbeitsbedingungen im der Textilindustrie vergleichbar mit denen in Bangladesch sind. Im Gegenzug wurden wir von Nebih, Student auf der staatlichen polytechnischen Universität, um ein Interview gefragt. Er studiert Architektur und Urbanistik und will einen Artikel über Sicht von Westeuropäern auf Tirana schreiben. Da sagen wir natürlich nicht nein, der Termin ist jedenfalls für den Freitag angesetzt.

Bis dahin ein Prosit und viele Grüße aus Tirana!

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