Tag 8/9: Den Nagel auf den Kopf treffen

Team Czernowitz produziert. In der Bunker-Galerie von Taras Polataiko, eines gebürtigen Czernowitzers, der vor ein paar Jahren nach längerer Zeit aus Kanada zurückkehrte – „weil etwas passiert“ – findet morgen die Ausstellung „Ідентичності міста“ statt. Der selbsternannte österreichisch-griechische Kaiser (nach einem Schreibfehler an einer Tafel am Bahnhof, auf der eigentlich österreich-ungarisch gemeint war; nun stellvertretend für den omnipräsenten kitschig-historisierenden Stil) hatte bereits unsere Ausstellung im Radio angekündigt.

Auf einer Vorabbesichtigun lernten wir Teile des Freundeskreises um den Bunker kennen. Erst im Nachhinein fällt uns auf, dass diese Gruppe der imaginierten geschichtlichen Multikulturalität am Nächsten kommt: Zugezogene und gebürtige Czernowitzer*innen, mit ukrainischen, rumänischen, armenischen, polnischen Wurzeln. Im Zigarettenrauch und unter dem Einfluss lokal erworbener Getränke verschmelzen Gespräche über unser Projekt mit biografischen Anekdoten, historischen Perspektiven, aktueller Sprach-, Kultur- und Stadtpolitik.

sdr

Zurück zum heutigen Morgen. Nach dem üblichen Frühstück – mittlerweile werden wir bereits gefragt, ob wir das Rührei und den Kartoffelbreiblock ohne den obligatorischen 80%-Anteil an Würstchen haben wollen – setzen wir uns im Galasaal im austro-griechischen Stil an die Arbeit. Eine Delegation wird zum Einkauf und zur Verhandlung mit unserer Copyshop-Empfehlung entsandt. Der zumindest am linken Arm braungebrannte Taxifahrer, den wir auf der Straße zu uns winken, ist ein alter Bekannter: Er hatte uns bereits vor einigen Tagen im Nezaleschnosti-Prospiekt gefahren. Er empfiehlt uns bereits zum zweiten Mal das Haus des Schiffes. Czernowitz ist ein Dorf, wird uns von verschiedenen Seiten gesagt – mittlerweile fühlen auch wir uns schon ganz heimisch. Bereits drei Taxifahrer kennen uns bereits von vorigen Fahrten und begrüßen uns trotz der hartherzigen Verhandlungskünste Jakobs mit Freude.

sdr

Im Copyshop angekommen sorgt unser Wunsch nach acht auf Kappa aufgezogenen Plakaten für blankes Entsetzen: Ob sich das bis morgen ausgeht? час, час. Eine Deadline für die Anlieferung der Daten wird festgelegt. Die letzten Klicks finden im Taxi statt. Fertig. Die Ausstellung wird bombe. Wir freuen uns.

 

Artefakt #033
HAMMER (молоток)
Gefunden im Eisenwarenladen des Vertrauens
Fotografiert um 16:56 Uhr

2019-05-24 00.41.46

Wer hat es sich noch nicht gefragt: Wie sehen 100g Nägel in einer Zeitung verpackt aus? Mit Händen, Füßen, Schauspielkunst, Verzweiflung im Gesicht und Schweiß auf der Stirn wird das Equipment für die Ausstellung komplettiert. Nach einer kafkaesken Stunde Wartezeit am Bahnhof für die Tickets der Rückfahrt ist es bereits 16:31 Uhr: Beste Ladenschlusszeit also. Wir betreten den einfach gehaltenen Laden mit dem Namen юнио́р (Junior) und sehen hohe Decken, umgeben von einem U eines Tresens. Die Auslage scheint systematisch geordnet: Ganz links Töpfe, dann die Putzmittel, zentral die Schrauben und rechts der weitere Heimwerkerbedarf. Nägel sind zunächst nicht in Sicht. Die voluminöse Verkäuferin empfängt uns mit eleganter Gleichgültigkeit hinter der Plexischeibe der Auslage.

Die Grand Dame der Eisenwarenfachgeschäfte identifiziert mit der Geste für Nageln sofort den Hammer. Naja, brauchen wir sowieso auch. Der Nagel wird schwieriger. Die Pantomime – Schraube in der Hand, aber ohne Gewinde – hat Erfolg. Sie erklärt mehrfach den russischen Begriff für Nägel: гвозди. Welche Größe? Ach, bevor ihr es mir umständlich erklärt, kommt doch direkt hinter den Tresen. Nach reichlicher Abwägung – mit Bleigewichten auf einer Wage – nehmen 100g ihre Gestalt an. Preislich schlagen sie sich bei 76,80г (2,50€) nieder. Der Hammer kostet 73г. Auf gutes Nageln!

 

Ein Kommentar zu “Tag 8/9: Den Nagel auf den Kopf treffen

  1. Lada Taximowitsch

    Junior ist der beste Laden, das sieht man auch mit Schweineohren! Für die Renovierung der Datsche von Alla, der Schwiegermutter von der besten Freundin von Igors Frau Mascha habe ich dort alles geholt. Oksana Fjodorowna, die Gute, hat ja auch Zement, Gips und und Specksteine. Das konnte ich auch gleich für die Reparatur der Kurbelwelle meines Schigulis verwenden

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