Tag 7 / Tun & Lassen: Fußgängerzone Herrengasse – ein Ort für Besucher*innen, Einheimische und R2D2

Die вулиця Кобилянської (Kobljanskaja Straße, ehm. Herrengasse) ist ein etablierter Aufenthaltsort. Wir finden in einem Buch aus dem Jahr 1980 Fotografien der belebten Fußgängerzone. Sie ist schon damals beliebter Treffpunkt und gut besucht. Auch heute ist an dieser Straße einiges los. Die Beschäftigungen hier sind jedoch alltäglich: man geht, eher zielstrebig als flanierend. Steht. Ist aufs Handy fixiert. Plaudert und trifft sich. Sitzt auf den Bänken aber auch im Café. Und an der einen Ecke spielt der Straßenmusiker, der immer da ist. Der Großteil der Fußgängerzone ist in Bewegung; aber auch die Bänke sind beliebt. Das Publikum ist jung, alt, gut gekleidet, meist einzeln oder zu zweit unterwegs. Nur Tourist*innen und Schüler*innen treten in der Masse auf. Und nur diese Gruppen tragen Rucksäcke. Alle anderen tragen Handtaschen. Viele tragen Dokumentenmappen. Man trifft sich auf der Kobljanskaja Straße für Geschäftsverabredungen. Niemand isst auf der Straße, keiner sitzt am Boden. Alles ist angepasst, niemand fällt aus der Rolle, ist laut oder zieht sonst wie Aufmerksamkeit auf sich.

 

Tourist*innen stechen sofort aus der Maße hervor: Sie gruppieren sich, sie schlendern, sie sitzen auf Bänken und trinken, sie sitzen am Boden, sie bleiben stehen, einfach nur um zu schauen, ohne ersichtlichen Grund. Sie studieren die Speisekarten lange und ausgiebig, weil die Karten meist nur auf Ukrainisch aushängen. Obwohl die Tourist*innen so auffallen, gibt es keinerlei Ansprechversuche. Tourismus wird hier weit weniger aggressiv gelebt, als wir es aus anderen europäischen Städten kennen. Man bleibt unbehelligt und unter sich. Das mag auf der einen Seite daran liegen, dass die Mehrzahl der Czernowitzer Tourist*innen mit geführten Bustouren die Stadt besucht, auf der anderen Seite ist die Anzahl der Tourist*innen in Czernowitz in der Zeit, in der wir beobachtet haben, sehr überschaubar geblieben.

sitzend touristenrudel

Interessant ist das unterschiedliche Verhältnis zu Zeit zwischen Einheimischen und Besucher*innen. Als es plötzlich zu regnen beginnt, werden die Durchgänge zu den Hinterhöfen der Herrengasse als Regenunterstand genutzt. “Lieber später kommen, als nass zu werden” scheint die Maxime zu sein. Die Straße ist schlagartig leer. Niemand hat es so eilig, als dass es nötig wäre, im Regen weiter zu marschieren. Im Vergleich dazu wirkt die deutschsprachige Senior*innentouristengruppe gehetzt: Als sie von ihrem Reiseleiter auf die Kobljanskaja Straße zum Flanieren entlassen werden, wird noch schnell der Zeitpunkt für das spätere Treffen bekannt gegeben. Alles schaut penibel auf die Uhr. Zur Sicherheit mehrmals.

plastiksessel

Lässt man den Blick nach oben schweifen, zeigt sich ein überraschendes Bild. Über den Erdgeschoßen finden wir vor allem Wohnnutzung. Wir entdecken Wäscheleinen und grüne Plastikstühle auf den herrschaftlichen Balkonen. Während die Erdgeschoßzone sowohl von Tourist*innen als auch Einheimischen frequentiert wird, gehört der Luftraum darüber den Bewohner*innen.

Artefakt #010
SCHABLONE RUSSISCHES ALPHABET
Gefunden im Schreibwarengeschäft вулиця Гагаріна 2
Fotografiert um 11:23 Uhr.

schablone

Plastik, vollständiges Alphabet, fehlende 9. Länge ca. 30cm. Hergestellt im Jahr 2016 von Спектр Канцпласт (Spektr Kanzplast) in Сєвєродонецьк (Severodonezk).

Wir schließen an unsere Sprachbeobachtungen von Blogeintrag 4: “Die Herrengasse von vorne bis hinten” an. Im Schreibwarengeschäft finden wir nur eine einzelne Art von Schablonen für Schriftzeichen. Die Schriftzeichen sind Kyrillisch, jedoch Russisch und nicht Ukrainisch. Hergestellt aber im Osten der Ukraine. Für uns ein weiteres Indiz, dass die Frage nach Identität und Sprache, nach Multikulturalität und Toleranz noch nicht fertig ausverhandelt ist. Dazu passend ist auch unsere Beobachtung vom Markt, wo russische Elemente zensiert wurden.

5 Kommentare zu “Tag 7 / Tun & Lassen: Fußgängerzone Herrengasse – ein Ort für Besucher*innen, Einheimische und R2D2

    1. Czernowitz Team

      Lieber Herr Defoe,
      vielen Dank für Ihre wervolle Anmerkung. In Czernowitz ist alles eine Frage der Perspektive. LG Czernowitz Team

  1. Lada Taximowitsch

    1968 als in der Straße noch Autos fuhren, hat mich ein gelber Schiguli von hinten angefahren, als mir eine Kiste Sandora-Schweineohren auf die Straße gerollt war. Die neue Poliklinik bei Kemping, hinter der Uliza Ruska, hat mich damals gut genesen lassen.

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