Tag 7 / Schein & Sein: Von Verheißungen und Überklebtem

Wer pünktlich kommen will, hat es schwer in Czernowitz. Mittlerweile haben wir uns an die meditativen Situationen des alltäglichen Wartens an den Bushaltestellen gewöhnt. Die dort fahrenden Busse sind nicht ausgeschildert. Warum auch? Sie fahren seit Jahrzehnten gleich, man kennt sie ja. Fahrplan haben sie erst recht keinen – er würde auch wohl kaum eingehalten werden können. Die abenteuerlichen Gefährte schlängeln sich in Schrittgeschwindigkeit um die teils metertiefen Schlaglöcher, während der Fahrer gleichzeitig Small Talk führt, telefoniert und die 5eг-Noten in Empfang nimmt, die durch die dicht stehende Menge nach vorne durchgegeben werden.

Wir kommen also deutlich später als erwartet, aber pünktlich mit einem Regenschauer am Калинівський ринок an. Dieses Mal sehen wir keine Fluchtbewegungen und hektisch einpackende Verkäufer*innen. Gekonnt sind die Plastikplanen über die im freien stehenden Waren gedeckt. Die dazugehörigen Standler*innen sitzen unter Schirmen, Vordächern und Markisen. Gelassen sehen sie den schlendernden Profieinkäufern mit Ponchos und Schirmen sowie sprintenden T-Shirt-Trägern mit Einkaufstüten zu.

Wir sitzen an einem Biertisch mit Plastikfurnier auf der überdachten Veranda von корчма zwischen Schaschlikessenden und Tomatensafttrinkenden, neben ihnen Receiver, Fernbedienungen, Kinderspielzeug. Zwischendurch bieten zwei Damen mit Sackkarren kleine Snacks und Getränke an, das Fahrradverkaufspärchen von gegenüber kauft bei ihnen Bananen – eine informelle Versorgungsstruktur für die Verkaufenden. Das Verhältnis zwischen den Standler*innen scheint freundschaftlich und vertraut. Ein Händler geht ohne zu Fragen hinter die Theke der Kantine und nimmt sich einen Salat zu seiner Mahlzeit.

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Bei Sauberkeits- und Gestaltungsfragen scheint aber am Ende der eigenen Parzelle Schluss zu sein. Wir sehen nachträglich gelegte Bodenbeläge, die sich durch eine akkurate Sauberkeit von den umherwehenden Plastiktüten, Kaffeebechern und Papierschnipseln abheben.

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Anscheinende beliebige Nennungen von westlichen Markennamen häufen sich über und neben uns auf bunten Schildern. Beliebig, da das was der Name auf dem Schild verheißt, nicht unbedingt am dazugehörigen Stand zu finden sein muss. Gleichsam laufen wir immer wieder an Ständen vorbei, die ganz ohne Schilder ihre Waren vertreiben. Die gelb-blauen Nationalfarben machen auch vor den Schildern hier keinen Halt. So werden wir stetig daran erinnert, wo wir eigentlich gerade einkaufen. Im Gegensatz hierzu gibt es auf der Tafel mit den Gelwechselkursen vor der Tauschstube ein Schild, das wir nicht sehen sollen. Ein farblich zum Untergrund passendes gelbes Klebeband verdeckt sorgfältig die russische Flagge vor dem aktuellen Rubelkurs.

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An anderen Stellen zeigt sich auch Einheitlichkeit: Ein Nummerierungssystem, teils mit handgeschriebenen Telefonnummern, strukturiert das Unübersichtliche große Ganze. Uniformierte patrouillieren durch die Gänge. Wo wir im Vorfeld die ordnende Hand des lokalen Staats vermutet hatten, steckt – wie wir im Interview mit Dr. Oxana Matiychuk erfahren – eine von den Händler*innen ausgehende Marktaufsicht dahinter. Seit der Entstehung nach dem Zerfall der Sowjetunion hat die Stadt Czernowitz kaum in die Entwicklung eingegriffen. In den 1990er Jahren bildete sich hier – trotzdem oder deshalb? – der zwischenzeitlich größte Umschlagplatz für Bekleidung. Für einige der dort Verkaufenden bedeutete dies schnellen Reichtum. Sie haben heute teils Boutiquen in der Innenstadt.

Andere blieben am Markt. Trotz der Gewinne sei aber nicht in eine Verbesserung der Infrastruktur investiert worden, kritisiert Matiychuk. Da das Angebot in der Innenstadt, insbesondere durch vom europäischen Altkleidermarkt belieferte Second-Hand-Geschäfte geprägt sei, werde die Konkurrenz größer. Nun räche sich, dass die Marktstrukturen, die z.B. kaum Umkleiden beinhalten, nie an die neu entstandenen Bedürfnisse angepasst wurden. Für Matiychuk ein Sinnbild lokaler Mentalität: Kurzfristige notdürftige Funktionalität für wenig Geld stehe im Vordergrund, langfristige Entwicklungen würden nicht bedacht. Eine Folge der geschichtlichen Erfahrung radikaler Brüche, die alle langfristigen Pläne von einem Tag auf den anderen irrelevant machen?

 

Artefakt #011
Haken
Gefunden am Калинівський ринок
Fotografiert um 15:45 Uhr.

Haken

Haken aus weiß lackiertem Draht. Etwa 15cm lang. Beliebtes Hilfsmittel zum Aufhängen aller erdenklichen Waren an den weißen Metallgittern vor den Ständen. Einen besonderen Moment lang zwischen dem Abhängen der Waren und dem endgültigen verschließen des Standes hängen die Harken verweist an den Gittern. Zeitgleich werden jeden Abend aufs Neue Jacken, Tücher, Hosen und Mäntel abgehangen und mit Sackkarren zurück in die Lagercontainer verfrachtet. Ist alles Hab und Gut verstaut, werden zum Finale auch die Haken Stück für Stück wieder eingepackt. Sind die Gittertüren von allen Haken befreit, kommen sie ihrer zweiten Berufung als sichere Türen zum Verschluss des Lagercontainers zu. Nur um am nächsten Morgen wieder aufgeklappt als Aufhängevorrichtung für jeden einzelnen Haken zu dienen.

2 Kommentare zu “Tag 7 / Schein & Sein: Von Verheißungen und Überklebtem

  1. Lada Taximowitsch

    Im Prinzip haben die Marschrutkas schon einen Fahrplan. Das weiß ich von Andrej, meinem Kumpel aus der Roten Armee. Es gibt festgelegte Kurse und eine Start- und Endzeit. Der Rest dazwischen, nun ja: Kann sein, es kommt Marschrutka. Kann sein, kommt nicht. Und die meisten fahren ja auch wie Schweineohren, da braucht man sowieso immer länger. Es hat sich auch alles verändert, sagen alle.

  2. Pingback: Tag 7 / Tun & Lassen: Fußgängerzone Herrengasse – ein Ort für Besucher*innen, Einheimische und R2D2 » Blog

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