Tag 6 / Tun & Lassen: Der Pruth tanzt.

Die Czernowitzer*innen verbringen mehr Zeit als gedacht am Pruth, lassen sich dabei aber selten beobachten. Daher begeben wir uns auf Spurensuche und führen das eine oder andere Gespräch.

 

Pruth bei Nacht

nacht

Party, Menschen, Elektro. Verkauft wird fast nichts, außer etwas Kaffee aus einem mobilen Stand. Man hat Eigenbedarf an Getränken mitgebracht. Auf dem Programm stehen unterschiedliche DJ-Sets, gefeiert wird bis um 7 Uhr morgens. Man macht Lagerfeuer, spielt mit den streunenden Hunden und zahlt überteuerte Taxirechnungen um an den Ort zu gelangen. Alles tanzt. Der Pruth ist die Kulisse, bleibt aber wieder unberührt. Das Publikum ist jung, hip und stylebedacht. Ob wir nächsten Freitag Lust auf eine Dokumentation über die Czernowitzer Musikszene haben? Leider findet zeitgleich unsere Ausstellung statt. Wir tauchen ein in diese Welt, schauen uns die neuersten Tanzstile ab: Luftrudern und Headbangen. Man tanzt solidarisch und nimmt den anderen nicht zu viel Platz weg – obwohl davon genug vorhanden wäre. Wer nicht tanzt, sitzt bei Bänken und Tischen und trinkt Wodka. Wir müssen uns dem tanzenden Strom aber bald entreißen, um nach erfolglosen Taxiverhandlungen den mit Wasserpfützen gespickten Hindernisparcours zu Fuß zurück zu marschieren um schließlich mit unserem geliebten Schiguli (Lada) nach Hause zu fahren.

 

Pruth bei Tag

baum

– “Schwimmen im Pruth ist verboten”
– “Schwimmst du?”
– “Ich? Ja klar”

Heute packen wir Detektivmantel und Lupe ein; versuchen an den Uferböschungen und Trampfelpfaden um den Fluss Hinweise auf die Nutzung des Pruths zu finden. Dem Hören Sagen nach, passiert am Pruth so einiges: Fischen, Pilze sammeln, Auto waschen, Grill- und Drogenpartys und sogar der ein oder andere Schusswechsel soll schon vorgekommen sein. Die Besitzverhältnisse im Uferbereich sind unklar und zerklüftet; kaum jemand fühlt sich für diese Bereiche zuständig. Dadurch ergibt sich die lebhafte Nutzung des Uferbereichs durch die Czernowitzer*innen. Auf unterschiedliche Art und Weise.

spaz

Der Weg zum Pruth beginnt offiziell. Es gibt Ausschilderungen von Radwegen, befestigte Straßen und Brückchen, der Wald wird bewirtschaftet. Uns begegnen wenige Menschen; und wenn, dann auf diesen offiziellen Wegen. Das ist einer der wenigen öffentlichen Bereiche der Stadt, wo wir gegrüßt werden.

feuer

Je näher wir dem Fluss kommen, desto stärker ist die Natur sich selbst überlassen. Baumstämme liegen herum, die Büsche wuchern wodurch sich kleine Verstecke und Nischen bilden. Der Weg zum Pruth ist Anfangs von Transit bestimmt, hier aber beginnt die Aufenthaltszone. Wir finden Grillplätze, Sitzmöglichkeiten, Waschplätze für Autos, Müll. Der Pruth ist Erholung. Die Menschen verbringen ihre Freizeit hier und laden ihre Batterien auf: im verlassenen Park ruht man sich aus, auf der Mountainbike-Strecke holen sich die Radler*innen ihren Adrenalinkick, sonntags wird das Auto gewaschen und der Stadtstrand dient dem Baden.

 

Artefakt #008
MAIKÄFER

Gefunden im Лісопарк Гарячий Урбан (Waldpark)
Fotografiert um 15:20 Uhr

artefakt

Tot, eingeklappte Flügel, schillernder Panzer, Größe ca. 2,5cm.

Der Pruth ist Natur. Wir hören Vögel zwitschern, Käfer summen. Besonders die Maikäfer sind omnipräsent und fliegen uns um die Ohren. Der Bestand der Maikäfer ist aufgrund verstärktem Pestizideinsatz zurückgegangen. Ihr häufiges Vorkommen in Czernowitz mag ein Indiz für einen intakten Naturraum sein. Der Pruth schlängelt sich wie ein grünes Band durch die Stadt und bietet nicht nur der Stadtbevölkerung einen Platz zur Erholung sondern auch den verschiedenen Tierarten einen geschützten Lebensraum.

3 Kommentare zu “Tag 6 / Tun & Lassen: Der Pruth tanzt.

  1. Lada Taximowitsch

    Maikäfer! In meiner Zeit bei den sowjetischen Streitkräften haben wir früher immer Maikäfersuppe mit geschnetzelten Schweineohren in der Freizeit gekocht. Ein Gaumenschmaus.

      1. Lada Taksimowitsch

        Naja Freizeit…
        Ich war bei der Roten Armee – gemeinsam mit Andrej – bei einem Beobachterposten des Verteidigungsrings der Raketenabwehr in der Nähe der rumänischen Grenze stationiert. Dort lauschten wir verschiedenen Radio- und Funkgeräten, die uns über mögliche Rakten des Klassenfeindes aufgeklärt hätten. Diese Geräte haben aber meist wenig gesagt und wenn, dann war es Fehlalarm oder eine sphärische Störung. Außerdem war mein Kumpel Andrej bestens mit einem anderen Wachposten befreundet, sodass der uns warnte, sobald der Oberleutnant uns einen Besuch abstattete.
        Wir hatten also in unserem Beobachterposten die ganze Zeit nichts zu tun. Obwohl wir natürlich das Vaterland – die Sowjetunion bewachten – hat es sich wie Freizeit angefühlt. Wir gingen abwechselnd im Wald spazieren, sammelten Käfer und kochten die Maikäfer-Suppe, die eine schmackhafte Alternative zum kargen Soldatenessen war.

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