Tag 6: Sulina hat nicht mehr den Charme den es einmal hatte

In diesem Blogeintrag werde ich mich mehr auf die Stadt und den öffentlichen Raum konzentrieren. Der heutige Tag war für mich wieder produktiv, da ich die Gelegenheit hatte mit verschiedenen interessanten Menschen über ihre Sicht auf die Stadt sprechen zu können. Im Folgenden möchte ich thematisch sortiert über die verschiedenen Felder berichten über welche ich heute und in den letzten Tagen Erkenntnisse gewinnen konnte.

Das rasterförmige Straßennetz

Das rasterförmige Straßennetz Sulinas folgt demselben Prinzip wie das von New York. Es spiegelt wieder das Sulina damals eine entwickelte Stadt war, welche durch das Raster schnell erweitert werden sollte. Zwar erleichtert diese Form des Straßennetzes die Erschließung der Stadt, jedoch nehmen die Wege durch die weite West-Ost-Ausdehnung des Stadtgebietes zu. Das Auto spielt eher eine untergeordnete Rolle im Straßenraum, da es für viele nicht leistbar ist. Die meisten Wege werden zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Die Nutzung des öffentlichen Raums

Das Wetter, der Wochentag und die Uhrzeit haben auf jeden Fall einen Einfluss auf die Nutzung des öffentlichen Raumes in Sulina. Besonders am Abend füllt sich die Straße1 mit Leben, welche direkt an der Donau liegt, und wird dabei zur Flaniermeile. Hier findet im Gegensatz zu den restlichen Querstraßen, welche fast ausschließlich an Wohngebieten liegen, das öffentliche Leben statt.  Häufig sieht man wie Gruppen von Menschen zusammenstehen, reden und rauchen. Es finden auch Gespräche statt, welche meist aus dem spontanen Begegnen entstehen. Die niedrige Mauer, welche die Straße 1 von der Donau trennt, wird häufig als Sitzgelegenheiten von einzelnen Personen oder Gruppen benutzt. Parkbänke existieren zwar, wurden aber nach bei meinen Beobachtungen eher selten genutzt.

Meiner Meinung nach nutzen die Lipowaner den öffentlichen Raum in Sulina nicht anders als andere Gruppen. Eine junge Frau der Gemeinschaft meint, dass sie dieselben Aktivitäten wie ihre rumänischen Freunde aus der Schule betreibt.

Die schrumpfende Stadt

Einst war Sulina war kein isolierter Ort wie heute, denn die internationale Schifffahrt verband es mit dem Rest der Welt. Die Leute kamen in die Stadt um Geld zu verdienen. Ein Mann verglich es in einem Gespräch mit dem Goldrausch in Kalifornien. Doch Sulina hat nicht mehr den Charme den es einmal hatte, denn heute ist die Stadt von Schrumpfung betroffen. Diese ist nicht auf die exponierte geopolitische Lage zurückzuführen, sondern hat rein ökonomische Ursachen, wie man mir erzählte. Fehlende Jobs führen zu Armut und bieten keine Perspektive für die kommenden Generationen, weshalb die Jugendlichen nach dem Abschluss der Schule Sulina verlassen und in andere Städte ziehen. Zwar existieren die Fischfabrik und Werft noch, doch die Industrie ist schon lange zusammengebrochen. Es ist nicht mehr wie es in der Vergangenheit einmal war. Nicht mal mehr durch die Frachtschiffe, welche fast täglich durch Sulina fahren, kann die Stadt bzw. der Hafen Geld verdienen.

Historische Aufnahmen von Sulinas Blütezeit findet man hier: Monografia Orasului Sulina

Die Zukunft des Tourismus

Nur wenige Touristen erreichen heute Sulina. Die Stadt könnte durch seine Lage im Donaudelta und ihrem Zugang zum Schwarzen Meer profitieren, doch die unterschiedlichen Anbieter in der Stadt kooperieren nicht miteinander und arbeiten lieber für sich. Es ist wie ein Orchester ohne Dirigenten, erklärte man mir. Da die Saison mit nur eineinhalb Monaten im Sommer recht kurz ist, setzt man in Sulina eher auf Qualität statt Quantität und hofft mit sanftem Ökotourismus eher die gebildeteren Touristen anzulocken.

2 Kommentare zu “Tag 6: Sulina hat nicht mehr den Charme den es einmal hatte

  1. D. Defoe

    Toller Beitrag über eine schrumpfende Stadt am Rand!
    Die Monografia ist sehr aufschlussreich.

    Gibt es einen planerischen Umgang mit der Schrumpfung?
    Lässt man sie passieren/ geschieht sie einfach oder werden Maßnahmen ergriffen?

    1. Expedition: Orte der Lipowaner

      Vielen Dank für den Kommentar.

      Die Menschen mit denen ich gesprochen habe sind überzeugt, dass die fehlende Arbeit verantwortlich für die Schrumpfung der Stadt ist. Meiner Meinung nach nehmen aber die meisten den Zustand so hin und lassen ihre Kinder nach dem Abschluss der Schule wegziehen. Nachdem die Industrie zusammengebrochen ist, versucht man jetzt mit Ökotourismus einen neuen Arbeitssektor zu schaffen.
      Natürlich sehen einige Menschen in den ehemaligen großen Arbeitsstätten wie der Fischfabrik oder der Werft ungenutzte Potentiale.

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