Tag 5: Von den Toten zu den Lebenden

„Zwischen verlassenen Baustellen, Schutt von Straßenarbeiten, zwischen Erikagestrüpp und Teergeruch reihen sich auf dem stoppeligen Heideland zahlreiche Friedhöfe aneinander – der Orthodoxen, der Türken, der Juden, der Altgläubigen in unmittelbarer Nachbarschaft“

So beschrieb Claudio Magris 1988 in seinem Werk „Donau. Biographie eines Flusses“ den Friedhof von Sulina, welchen ich heute Vormittag besuchte und menschenleer vorfand. (siehe Titelbild) Ich habe den Eindruck, auch durch die Interviews der letzten Tage, dass die Menschen eher Friedhöfe meiden und im Hier und Jetzt leben möchten. Trotzdem wirken die Grabstellen gepflegt und sind nach der Tradition der altgläubigen orthodoxen Christen gestaltet worden.

Nach dem Besuch des Friedhofs begann ich mit dem Mapping der relevanten Orte der Lipowaner und fuhr deshalb wieder an den westlichen Stadtrand, um die genaueren Positionen einiger Siedlungsschwerpunkte zu eruieren.

Am Nachmittag traf ich im Haus der lipowanischen Gemeinschaft die Russischlehrerin und den Präsidenten der Gemeinschaft zum Interview. Ich erfuhr, dass die Kinder in der Schule Russisch lernen und in der Gemeinschaft dann traditionelle Tänze und Lieder proben. An diesem Tag war die Probe für das Festival, welches am kommenden Samstag in Sulina stattfinden wird. Die Lehrerein meint, dass durch die Tänze und Lieder die Tradition leichter weitergegeben werden kann.

Durch den Präsident der Gemeinschaft erfuhr ich mehr über die Organisation der Gemeinschaften. Er erklärte, dass jede Stadt bzw. jedes Dorf seine eigene Gemeinschaft hat, welche die Traditionen pflegt. Er meinte auch, dass die Gemeinschaft in Sulina akzeptiert werde und auch die unterschiedlichen Kirchengemeinden seit jeher friedlich nebeneinander existieren.  Seiner Meinung nach ist neben der Kirche die Gemeinschaft die wichtigste Institution der Lipowaner in Sulina.

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