Tag 5 / Tun & Lassen: Vom Verweilen auf Pepsi-Stühlen und Getränkekartons

Unsere Beobachtung im Plattenbauviertel beginnt im Schatten. Aufatmend nehmen wir mit roten Gesichtern unter dem überdimensionalen Big Bürger-Schild am Beginn der вулиця незалежності (Nezaleschnosti-Straße) Platz. Wir sitzen unter dem Schild in Burger-King-Optik zwischen Pepsi-Stühlen, Pepsi-Schirmen und Pepsi-Bechern. Das Restaurant grenzt sich durch eine ebene graue Pflasterung vom umliegenden rissigen Asphalt ab.

Zur poppigen Musik aus den Lautsprechern über uns und den sonoren Motorengeräuschen eines Baggers tanzen Sonntagsspaziergänger*innen die Promenade entlang. Sie tragen Plastikbeutel, gefüllt mit Gemüse, und schieben Kinderwägen. Sonntagsspaziergänger*innen, die alltägliche Dinge zu erledigen scheinen. Nur vereinzelt weisen weiße Hemden, grau melierte Anzughosen und elegante Sommerkleider auf den – in unserer Vorstellung – vermeintlichen Feiertag hin. Die Geschäfte haben mehrheitlich geöffnet.

Unsere Essennachbar*innen auf den blaulackierten Alustühlen mit Plastikgewebe: eisessende Familien mit spielenden Kindern, eine in ihr Handy vertiefte kaffeeschlürfende ältere Dame, zwei faltige Herren, die ganz ohne eine Bestellung zur Erörterung Platz nehmen. Stetig um uns eine servierende Bedienung, die fast vergessen lässt, was das Fast-Food-Label verspricht: Self-Service.

 

Platte

Dann nehmen wir zum zweiten Mal Platz. Wir sitzen nun auf einer halbhohen Mauer einige Meter weiter unten entlang der Nezaleschnosti-Straße. Die Baustelle summt weiterhin im Hintergrund, ergänzt durch das Rauschen der zahlreichen Bäume um uns und lebhafte Gespräche. Die Bäume reihen sich zu einer Allee entlang der Fußgängerpromenade vor den Zeilenbauten. Ein Schlagloch im Beton wurde mit einem weißen Brett abgedeckt. Um uns kommt es zu zufälligen Begegnungen. Ein Junge testet die Geländefähigkeit seines aufziehbaren Spielzeug-Ferraris auf den Treppen vor einem leerstehenden Geschäft. Neben uns sitzen ältere Frauen hinter ihrer kleinen Auslage. Auf Wolldecken gebettet bietet eine Oma mit Kopftuch und Strickjacke Kisten mit frischem Gemüse, drei Plastikflaschen Milch und drei Gläser Weichkäse an. Neben uns auf der Mauer sinniert ein älterer Herr auf einem Eierkarton sitzend vor sich hin. Plötzlich merken wir, dass wir die einzigen zu sein scheinen, die sich nicht auf das hier geläufige Sitzkonzept im öffentlichen Raum vorbereitet haben. Wir entdecken bei nahezu zu allen Platznehmenden eine sitzflächengroße Unterlage: ein Getränkepappkarton, eine karierte Plastiktasche oder ein geblümtes Polster.

 

Artefakt #007
SITZPAPPE
Gefunden an der вулиця незалежності 86 (Nezaleschnosti-Straße, “Straße der Unabhängigkeit”)
Fotografiert um 16:13 Uhr

Artefakt 007

Grob abgerissene Wellpappe, 46 cm x 40 cm, Stärke 5mm. Grün bedruckt mit dem Markennamen Sandora. Schwungvoller Schriftzug. An besessenen Stellen leicht eingedrückt, vermutlich Sitzknochenspuren. Verschiedene Indizien für regelmäßigen Gebrauch und Abnutzung: Staub, Grasflecken, Kieselsteinkratzer. Sorgt dafür, dass aus kalten Steinen leidlich bequeme altersgerechte Sitzgelegenheiten werden. Schützt außerdem schwach bis mäßig vor Nässe. Ist die Sitzpappe ein Mittel sich von der Unreinheit des öffentlichen Raumes zu distanzieren? Oder ist sie ein Werkzeug dafür, sich einen eigenen Raum für das bewusste und längerfristige Verweilen zu schaffen?

3 Kommentare zu “Tag 5 / Tun & Lassen: Vom Verweilen auf Pepsi-Stühlen und Getränkekartons

  1. Uljanowski Awtomobilny Sawod

    Haben wir auf die Schweinsohrenfragen schon Antwort erhalten?
    Habt ihr gegessen?
    Haben Sie euch geschmeckt?
    Esst ihr sie noch immer?

  2. Lada Taximowitsch

    Kann das sein, dass Sandora eine Ukrainische Marke für knusprige Schweineohren ist? Mein Kumpel Andrej, den ich noch vom Wehrdienst kenne, hat dort – glaub ich – mal für zwei Wochen Schweinsohren eingetütet.

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