Tag 5 / Sein & Schein: Der unnahbare Pruth

In Czernowitz wird Abtrennung von Eigentum gerne in den Farben der Nationalflagge präsentiert. So schmücken sich Zäune und Tore in Blau und Gelb, wenn auch etwas verwaschen und vergilbt. Auch das Gelände der Pruthbrücken zeigt durch die Farbgebung den territorialen Anspruch der Nation. Heute nähern wir uns unterschiedlichen Abschnitten am Pruth.

Feriendorf.

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Der Stadtstrand am Pruth ist der einzige Ort, wo der Fluss direkt zugänglich ist – dennoch ist Baden verboten und der Abstieg zum Wasser durch Hochwasser und Böschung erschwert. Er ist als Erhol- und Verweilfläche konzipiert. Die Fläche hat somit einen hohen Gebrauchswert. Trotz der offiziellen Existenz der Fläche und Beschilderung, ist sie kaum in Karten eingezeichnet; selbst in der Touristeninformation haben wir Probleme, den genauen Standort zu erfahren.

 

Sperrgebiet.

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Das Sperrgebiet umfasst eine Eisenbahnbrücke, Betreten ist verboten. Hier sind Gebrauchs- und Neuheitswert präsent: strategische Infrastruktur muss vor allem neuartig und funktionstüchtig sein. Der vorrangige Zweck ist nationale Sicherheit; der Schutz hochrangiger Verbindungen. Der Zugang zum Fluss bleibt uns verwehrt.

 

Ehemaliger Erholungspark der Fabriksarbeiter*innen am Pruth.

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Dieser kleine Park liegt am linken Pruthufer, zwischen Fluss und Fabrik. Hier finden sich noch verstreute und überwachsene Relikte einstiger Skulpturen. Wir schreiben dieser Fläche einen starken historischen Wert zu, steht sie doch stellvertretend für die sowjetische Epoche. Der gewollte Erinnerungswert ist am monumentalen Brunnen sichtbar – wenn auch mittlerweile überwuchert -, der als repräsentativer Vorplatz die Überlegenheit des Arbeiter*innen- und Bäuer*innenstaates unterstrich. Heute liegt die Aufmerksamkeit auf dem gewachsenen Naturraum: wir werden auf unserer Expedition auf eine Thuje in Drachenform hingewiesen. Je näher wir dem Fluss kommen, desto stärker wuchert die Natur. Den Pruth erreichen wir nicht.

 

Dickicht.

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Entlang des Pruths kann sich die Natur frei entfalten. Der Pruth ist unsichtbar hinter einem dichten Blätterdach verborgen; hören können wir ihn aber sehr wohl. Wir stehen hier einem Naturraum gegenüber, der jahrelang keinem menschlichen Eingriff unterworfen wurde. Der Alterswert des Dickichts ist hoch.

 

Übergänge.

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Nur im Transit ist es möglich, einen Blick auf den Pruth zu erhaschen. Sei es in der Maschrutka, im Trolleybus oder im Auto als auch vom Zug aus. Hier ist es möglich den Fluss in seiner ganzen Pracht zu erfassen – der direkte Zugang ist dennoch verwehrt. Das nationalistische Geländer schützt, die Brücke schwebt hoch über den Fluten.

 

Artefakt #006
STACHELDRAHTZAUN
Gefunden an der вулиця Донбасівська, 3
Fotografiert um 13:17 Uhr

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Material Stacheldraht, rostig, brüchig, ungefähre Länge 28 cm.

Der unnahbare Pruth ist durch Zäune, Stacheldraht, oder nationale Geländer geschützt. Wenn das nicht ausreicht, sorgen Rudel bellender Hunde dafür, dass Eindringlinge ausreichend Abstand halten. Mit etwas Geschick, lässt sich der Stacheldraht überwinden und zur Seite biegen. Aber Увага! (Vorsicht!) der Fluss ist wild, braun, voller Strudel und Untiefen. Nach der Schneeschmelze im Mai verbirgt sich im Pruth ungeahntes Fischreichtum – wird behauptet zumindest im Angelgeschäft am Flussufer behauptet. Sind die Hindernisse auf dem Weg zum Fluss erst überwunden, darf ihn jede*r nutzen: wo, wann und wie immer es beliebt. Fisch ist Allmende.

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