Tag 6 / Schein & Sein: Vom Um-, Auf-, An-, Drunter- und Drüberbauen

Heute stand der Raum um die Nezaleschnosti-Straße im Scheinwerferlicht einer architektonischen Betrachtung. Um 12:00 Uhr betreten wir am montäglichen Ruhetag von Westen die uns mittlerweile immer vertrautere Nezaleschnosti-Straße. Mit dem Ziel, mehr über das Verhältnis zwischen privaten und kollektiv entstandenen Räumen zu lernen, gehen wir einmal die von Läden geprägte Südseite der Straße ab.

Die Straße setzt sich für uns aus sechs Bautypen zusammen:

Typ 1:  Shopping-Mall

Stahlbetonkonstruktion mit Blechverkleidung. Verglastes Sockelgeschoss.

Typ 2: Gläserne Ladenzeile

Ausschließliche Ladennutzung in zweistöckigen Wellblechquadern. Frontseite verglast mit gelb eingefassten Fenstern. Vorgelagert ist eine überdachte Miniarkade, gegliedert durch rote und grüne Säulen. Gleichmäßige Aufteilung der Ladenflächen. Die Ware wird ohne großen Reklameaufwand angepriesen. Schilder mit Ladennamen, Markenbezeichnungen und Preisen sind nahezu gleich groß. Aufschriften sind insbesondere in lateinischen Lettern.

Typ 3: Hochparterreladen

Ladennutzungen im Hochparterre ehemaliger Wohnungen. Bunte Treppen mit Aluminiumgeländern führen durch kleine Vorgärten zum Ladeneingang. Darüber zusätzlich drei- bis viergeschossig Wohnungen mit vorgebauten Wintergärten.

Typ 4: Souterrainläden

Ähnelt baulich Typ 3. Die Läden sind allerdings leicht zurückversetzt und der Eingang befindet sich im Souterrain. Die Treppen hinunter sind aus Waschbeton mit Edelstahlgeländern.

Typ 5: Orthogonale Kopfanbauten an Wohnriegeln

Orthogonal zu den ursprünglichen Wohnriegeln wurden nachträglich Läden als Kopfanbauten hinzugefügt. Diese verhindern nun einen Durchgang nach hinten.

Typ 6: Eingeschossige Ladenzeile

Einstöckige Ladenzeile mit verschieden großen Grundflächen. Ebenerdig zu begehen. Schaufenster und Lochfassaden wechseln sich ab. Die Fenster sind teilweise vergittert. Das Erscheinungsbild ist unregelmäßig, bedingt durch verschiedene Erbauungsjahre und vielfälitige Materialwahl.

 

Individuell genutzte Räume

Beet

Entlang der von Läden gesäumten Straße fallen uns vermehrt individuell gestaltete Räume auf. Zwischen den Läden der gläsernen Ladenzeile (Typ 2) sind freie Nischen. Hier bietet ein Händler an einer eigens gebauten Auslage Brillen an. Der Grünstreifen vor der Ladenzeile ist durch informelle Pflanzungen geprägt. Die Vorgärten vor den Läden im Hochparterre sind teilweise aufwändig gestaltet, teilweise verwildert. Vor einem Laden mit день народження (Geburtstagsgeschenken) rahmt ein gelber Zaun den Vorgarten. In der Mitte des Rasens lehnt eine überdimensionale bunte Wanduhr an einer Hecke (Typ 3). Außerdem bieten ältere Damen vor einigen Läden Gemüse, Obst und Milch auf Decken an (Typ 5).

Die Läden scheinen den alltäglichen Bedarf umfassend zu decken. Kinderspielzeug, Blumen, Kleidung, Tiernahrung, Handyzubehör, Geldwechsel, Apotheke, Gardinen. Keine Spezialläden, die Anlass zu einer längeren Anreise geben.

Die Schichten des Um-, An- und Aufbauens zugunsten von Ladennutzungen entlang der ehemaligen Wohnstraßen ergeben ein bauliches Drunter und Drüber. So zeigt sich uns ein buntes Bild verschiedener Ladentypen, die sich vor, zwischen und sogar in den Wohnhäusern Platz gesucht haben. Im Hinterhof auf der Rückseite finden wir kleine Beeten und Gärtchen. Die meisten sind mit nützlichem Gemüse, teils aber auch mit Kitsch pur bepflanzt.

Alles, was nicht eingeplant war, wird jetzt halt hinzugefügt. Vielleicht nicht in ganz der schönsten oder haltbarsten Form, aber erstmal funktionierend. Aus Alltagsgegenständen, die günstig oder sowieso da sind, wird Neues: Im Blumenbeet stehen abgeschnittene Plastikflaschen als Pflanzkübel. Sowohl die gewerblichen als auch individuell genutzten Räume wirken aufgrund ihrer vielfältigen baulichen Ausprägungen improvisiert.

 

Artefakt #010
SCHNEEKUGEL
Gefunden in der Nezaleschnosti-Straße 127
Fotografiert um 11:35

Ananas

10cm hoch, Kugeldurchmesser 8cm, Sockelhöhe 3,5cm. Schneekugel, grauer blumentopfartiger Sockel. Gefüllt mit bunt glitzerndem Konfetti. In der Mitte thront: Eine Ananas, gesäumt von drei Hawaii-Blüten und einem Palmblatt.  „Nur bestimmt für dekorative Zwecke! Das is kein Spielzeug. Aus Glas hergestellt.“

Könnte auch in Wien in einem hippen Laden stehen. Die Schneekugel ist das absolute Gegenteil der bisherigen Beobachtungen: Sie hat absolut keinen Zweck. Nicht einmal eine lokale Symbolik oder einen in sich stimmigen Zusammenhang. Post-Postmoderne im Postsozialismus. Schon auch ganz witzig, aber 190г für ein Geschenk?

Der billige Kitsch, der die Schlafstadt überschwemmt, passt wie Ananas in Schneekugel: Überhaupt nicht, aber irgendwo auch doch.

 

 

2 Kommentare zu “Tag 6 / Schein & Sein: Vom Um-, Auf-, An-, Drunter- und Drüberbauen

  1. Lada Taximowitsch

    Mein Genosse Igor, mit dem ich im Bezirksgefängnis Iwano Frankiwsk die Zelle geteilt habe, der hatte kurz nach der Unabhängigkeit den ersten Privatladen am Nesaleschnosti Prospekt gehabt. Dort hat er für leider nur zwei Wochen hauptsächlich Schweineohren verkauft. Dann wars aus. Andere Geschichte. Der Crash kommt. So sicher wie das Amen im Gebet

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