Tag 4 / Tun & Lassen: Regen! Blitz! Donner!

Im strömenden Regen fließt uns die Forschungsfrage unter unseren wachsamen Augen und Ohren davon. Statt beobachten zu können, wie Interaktionen am Kaliniwski-Markt in verschiedenen räumlichen Settings – von geordnet zu informell – ablaufen, stehen wir unter tropfenden Planen vor verschlossenen Toren. Als wir aus der Маршрутка (Marschrutka, halboffizieller Minibus) aussteigen, kommen uns die flüchtenden Marktbesucher*innen in Scharen entgegen. Auf dem Markt selbst, der uns am Vortag noch in einen kollektiven Kaufrausch versetzen konnte, herrscht gähnende Leere. Die Produkte sind in die schützenden Container und Verschläge gebracht. Bei unserem nassen Spaziergang sehen wir hauptsächlich die Verkäufer*innen beim Einpacken, Saubermachen und Ordnung schaffen.

Was durch die unerwartete Leere auf den Gängen in den Vordergrund tritt, ist die Architektur des Marktes. Die Planen, die sonst vor Sonne schützen, biegen sich unter dem Gewicht des Wassers. Auf dem Boden sehen wir Pfützen, wo die Dächer der überbauten Korridore mit Pappe und Folien geflickt sind. Wir gehen durch Promenaden und Galerien, die abwechselnd in kaltes weißes oder gemütliches gelbes Licht getaucht sind.

Markt_Gang01

Ohne große Ablenkung offenbart sich uns nun die Struktur des Marktes. Am Beginn unserer Route sehen wir kleine Häuschen, massiv gebaut und mit leuchtend bunten Ziegeln gedeckt. Direkt dahinter beginnen lange, hohe Gänge mit Rolltoren, die mit einem leicht undichten Tonnendach bedeckt sind. Durch ein rostiges Tor gehen wir in den Sektor 2, in dem die Läden mit plastikgefassten Schaufenstern und Türen ausgestattet sind. Hier haben alle Läden eine Nummerierung über dem Eingang, die leuchtet, wenn das Geschäft geöffnet ist. Einen Gang weiter schließt die Glas- und Stahlrahmenkonstruktion der „Modepassage“ an, die mit nicht ganz offiziellen H&M, Mango, Only, … Schildern den Eindruck eines sehr durchschnittlichen Einkaufszentrums macht. Etwas weiter beginnt das Raster, sich langsam aber sicher hin zu einer unübersichtlicheren Form der Ordnung aufzulösen. Die Stände werden kleinteiliger, bestehen aus gestapelten Schiffscontainern, und formen verschlungene Gassen.

Markt_Youtube

In einem dieser blechernen Verschläge räumt ein Verkäufer unermüdlich Waren ein, stets begleitet von schallender YouTube-Musik. Ein Ruhepol in Mitten der Vorbeihastenden, doch auch er wird bald von dannen ziehen. Zurück bleiben die Gemüsehändler und Angestellte in Geldwechselstuben: all jene, die nicht selbständig ihre Geschäfte betreiben oder frische Waren zu verkaufen haben.

Auf der Suche nach einem rettenden Ort für unsere nassen Füße finden wir am Rande des Marktes schließlich unsere Verheißung: eine bunte Auslage mit Keksen, Gebäck und allem anderen was sich mit Schokolade kombinieren lässt. Wir lassen uns einen großen Plastikbeutel füllen.

 

Artefakt #005
SCHMETTERLING
Gefunden am Kaliniwski-Markt, Sektor 2
Fotografiert um 15:15 Uhr

Artefakt 005 Schmetterling

Rosa Plastikfolie, in Schmetterlingsform gestanzt. 40 x 25mm.

Im Regen bildet sich ein eigenes Meer auf dem Teer des Kalinwski-Marktes. In diesem Meer schwimmen nicht nur Plastiktüten-Quallen und Zigarettenschiffchen, sondern auch gestrandete Schmetterlinge. So wie wir und die anderen Marktnutzer*innen hat dieser Schmetterling nasse Füße bekommen. Was geschah zuvor? Löste er sich von einem kitschigen Kleid oder Haarschmuck? Gehörte er zu einem Konglomerat verschieden geformten Konfettis?

Der Schmetterling erweckt in seiner Knalligkeit ähnlich wie viele Produkte auf dem Markt schnell Aufmerksamkeit. Neonfarbene Handhüllen, blinkende Reklameschilder und glitzernde Pailletten erscheinen als bewährte Helfer, um die eigene Ware in der Fülle des Angebotes abzuheben. Gleichzeitig schwimmt das rosa Plastikartefakt stellvertretend für die marktüblichen Tüten, Beutel und Planen im Wasser: witterungsresistent, leicht zu handhaben und doch oft kurzlebig.

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