Tag 3: Czernowitz im Quadrat

Wir sind im Quadrat in Czernowitz gelaufen. Gehend, fahrend, lachend, Eis essend, trinkend, staunend, notierend, fotografierend und mit Sonnenbrand haben wir unsere vier ausgewählten Orte bis auf den letzten Pflasterstein untersucht. Mit uns unterwegs: Das tägliche Mantra – wie werden Identitäten in Czernowitz durch den öffentlichen Raum produziert?

 

Kaliniwski 01

1 Kaliniwski Markt

Unsere erste Czernowitz Expedition beginnt im umgebauten Kleinbus direkt vor dem Готель Корал (Hotel Koral), unserer Unterkunft. In gebückt stehender Haltung tuckern wir zwischen ehemaligen Bussitzen in einem weißen Autobus zum Калинівский Ринок (Kaliniwski Markt). Die Treppe hinab zum Markt fühlt sich an wie der Einstieg in die Arena des Kaufrausches. Eigentlich haben wir uns eine Zeit festgelegt, bleiben aber schnell zwischen prunkvoll angepriesenen Brautmoden, meterlangen Basecap-Regalen, Mikrowellen und bunten Leuchtreklamen hängen.

Wie wir Antworten auf unser Mantra finden wollen und warum:

SCHEIN UND SEIN: Wo wird Ordnung repräsentiert? Wie repräsentieren sich die Verkäufer*innen selbst?

  • Nummernsystem des Marktes: Das Nummernsystem der Stände steht für eine übergeordnete Struktur im Händler*innenchaos. Wo greift dieses System? Wie verhalten sich Händler*innen und Kund*innen?
  • Symbolisierung und Rekurs auf Identitäten durch die Verkäufer*innen: Wie werden die Produkte mit geschichtlichen, ethnischen, etc. Identitäten durch Darstellung und Werbung präsentiert?

TUN UND LASSEN:

  • Wie laufen Interaktionen zwischen Verkäufer*innen und Käufer*innen in den informelleren Teilen (Straßenrand, mobile Stände) bzw. geordneteren Teilen (blockweise Architekturen) des Marktes ab? Welchen Einfluss haben die Ordner*innen auf das Geschehen?
  • Wie fügen sich vorgesehene und nicht vorgesehene Nutzungen zusammen?
  • Werden bestimmte Orte von bestimmtem Klientel frequentiert?

THESE: Der Kaliniwski-Markt erscheint überwiegend geordnet und ruhig. Wir erleben einen fließenden Wechsel zwischen Gütern des kurz-, mittel- und langfristigen Bedarfs. Damit verändert sich auch die Frequentierung. Der Gehsteig vor dem Markt ist ein informeller Ort des Handels.

 

Pruth 02

2 Pruth

Wir betreten den Pruthufer-Dschungel über eine schmale Betontreppe. Vor uns erstreckt sich wie aus dem nichts ein Radweg dessen Ende wir nicht sehen können. Wir folgen dem rissigen Betonstrich auf dem Wasserschutzdeich und biegen wahlweise zum Ufer oder ins angrenzende Industrieviertel ab, wenn wir neugierig werden.

Wie wir Antworten auf unser Mantra finden wollen und warum:

SCHEIN UND SEIN:

  • Spannungsfeld zwischen romantischer Metaphorik und Industrienutzung: Welche Bilder wurden vom Pruth produziert?
  • Revitalisierungsprojekt zum Pruth-Ufer: Was ist das Ziel des Projektes? Welche Identität wird damit aufgebaut?

TUN UND LASSEN:

  • Kleine, informelle Trampelpfade zum Ufer, landwirtschaftliche Nutzung, Rückzugsorte, Spuren von abgebrannten Feuern und benutzte Spritzen: Wie wird der Fluss tatsächlich genutzt?

THESE: Der Pruth ist einerseits Transitraum, andererseits Rückzugsort für Leute, die unsichtbar bleiben wollen. Eine Art Versteck im Dschungel. Die Identität des Pruths ist noch offen, noch nicht gezielt produziert wie in der Altstadt.

 

Herrengasse 01

3 Altstadt

Die Herrengasse empfängt uns wie eine alte Bekannte. Die alte Bekannte Pflaster- und Promenadenstraße mit traditionellen Restaurants und hölzernen Sitzbänken, die wir vielleicht aus irgendeiner historischen Kleinstadt unseres letzten Wochenendausflugs kennen. Sie führt uns zum Zentralplatz. Der Denkmalort für Taras Schewtschenko, im Hintergrund die Fotos 2016 gestorbener Soldaten. Plötzlich stehen wir zwischen habsburgischer Architektur, Fotoautomaten, ukrainischer Erinnerungssymbolik und einem Placebo-Singenden Gitarrenspieler.

Wo wir Antworten auf unser Mantra finden wollen und warum:

SCHEIN UND SEIN:

  • Die touristische Repräsentation der Herrengasse ist insbesondere im Gegensatz zu den kleinen bewohnten Innenhöfen interessant, die in 2 Sekunden zu erreichen sind, aber eine andere Welt bilden. Welche Identitäten werden in der Herrengasse baulich und symbolisch hervorgehoben? Welche Sprachen werden verwendet und repräsentiert?

TUN UND LASSEN:

  • Touristische Nutzung: Wie gestaltet sich die touristsiche Nutzung? Wer sind diese „Tourist*innen“?
  • „Einheimische“ Nutzung: Wo sind die Räume der Anrainer*innen und Czernowitzer*innen?

THESE: Die Herrengasse ist das touristische Aushängeschild in Czernowitz und spielt wie kein anderer Ort die habsburgische Vergangenheit als Wert aus.

 

Zeilenbau 01

4 Plattenbau

Mit der Abendsonne erreichen wir den Проспект Незалежності, den Nezaleschnosti Prospekt. Sie beginnt an einem riesigen Kreisverkehr, von dem aus wir uns über die gefühlt vierspurige Straße in die sozialistischen Zeilenbauten leiten lassen. Uns begegnet lebhaftes Freitagabendalltagsleben. Die Bänke entlang der Fußgängerpromenade vor den beigen und gekachelten Bauten sind voll besetzt. Wir erkunden die auffallend grünen Siedlungen zwischen Trampelpfaden, kleinen Hintergassen und blinkenden Big Bürger-Schildern.

Wo wir Antworten auf unser Mantra finden wollen und warum:

SCHEIN UND SEIN:

  • Kollektive Räume heute und gestern: Wie ist der Zustand sozialistisch geplanter Kollektivräume heute? Welche Bedeutung spielen die neuen privatisierten und kapitalistisch bewirtschafteten Räume in der Nachbarschaftsbildung?

TUN UND LASSEN:

  • Wir erleben ein lebhaftes Miteinander und vereinzelt Orte der neuen Aneignung (Blumenbeete, vergrößerte Balkone): Welche Interaktion besteht innerhalb der Bewohner*innenschaft?

THESE:

Das Gebiet befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen Kollektivismus und Individualismus. Die ursprüngliche Zuständigkeit des Staates bleibt aus, wodurch öffentliche Räume zunehmend verfallen. Demgegenüber werden individuelle Räume nach Bedürfnissen umgestaltet und sorgfältig genutzt. Durch die Privatisierungpolitik entstand eine Verantwortlichkeitslücke.

 

Artefakt #003
TROCKENFISCH
Gefunden: Проспект Незалежності 90
Fotografiert um 19:16 Uhr.

Artefakt 003 Fisch

Kleiner Fisch. Schuppig. 9cm lang, 5cm breit, 3mm dick.

Getrocknet in Salz, empfohlen zum Bier. Für längeren Kaugenuss, mehr Beschäftigung als Mahlzeit – ähnlich der beliebten Sonnenblumenkerne. Vergleichbar auch mit den im gleichen Geschäft verkauften getrockneten Schweineohren. Unterstreicht die Geselligkeit des Trinkens.

In einem Erdgeschoss der sozialistischen Zeilenbauten begegnen wir dem Trockenfisch in einem Bier- und Snackladen, der von der Nachbarschaft stark frequentiert wird. Der Fisch steht für uns für die überraschend harmonisch wirkende Nachbarschaft, mit der auch wir überwiegend einfach mal ein Bier trinken gehen würden.

 

 

 

 

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