Tag 1: Aus dem fahrenden Wohnzimmer

Wien, 16:42 Uhr. Zwischen uns und Czernowitz liegen etwas mehr als 30 Stunden Zugfahrt. Wir steigen in den Wagen der Ukrainischen Bahn und beziehen unser Abteil, als wäre es ein Hotelzimmer. Beim Aushandeln der Plätze, beim gemeinsamen Aus dem Fenster Schauen und dem nur halb verbotenen Rauchen im Verbindungsstück zwischen uns und der 1. Klasse – einer ganz anderen Welt – findet sich eine kleine rollende Gemeinschaft zusammen. Teil davon: Wir.

Wir werden in jedem unserer Beiträge ein Artefakt vorstellen, das exemplarisch für unsere Beobachtungen, Begegnungen, Diskussionen und Erkentnisse in Czernowitz steht.

 

Artefakt #001
KLEIDERBÜGEL
Gefunden im Zug 40147, Wagon 431, Abteil VIII, Plätze 42, 44, 46.
Fotografiert um 21:02 Uhr.

Artefakt 1

Polyethylen orange, blaue Beschriftung “hemoplast”. ISO 9001:2015 konform. Ein weißer Aufkleber auf der linken Bügeloberseite stellt Informationen über das Objekt dar: Hergestellt in Belgorod-Dnestrowskij von der Firma Chemoplast im Februar 2019.

Der Bügel ist handlich und leicht, aber sehr stabil. Kleine Haken an der Unterseite ermöglichen das Aufhängen von Kleidern und weiteren Damenoberteilen.

Der Kleiderbügel wirkt wie ein Rettungsring auf einem Schiff. Zusammen mit den schnörkeligen Tassen, die wir im Schrank vorfanden und den auf dem Boden ausgelegten Teppichen geben die Kleiderbügel ein Gefühl von einer kleinen Wohnung – kein Vergleich mit der funktional-technischen Anmutung aktueller mitteleuropäischer Züge. Neben dieser Heimeligkeit schleicht sich aber auch ein Gefühl der Disziplinierung ein: Sei ordentlich! Häng deinen Mantel auf und mach das Abteil nicht dreckig.

Fühl dich zuhause – aber bleib ordentlich.

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