Fabric – so nah und doch so fern

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Aus heiterem Himmel bekamen wir einen Stapel an Büchern über die Geschichte Temeswars, welche wir alsbald nach interessanten Informationen zu durchforsten begannen.

“Der Eindruck, den die Stadt Temesvár auf den Fremden zu machen pflegt, ist durchgehends ein günstiger. Er darf zwar keinen Pariser, Wiener oder überhaupt einen grossen Residenzmassstab mitbringen, er sähe sich natürlich getäuscht. Es ist aber die Stadt, besonders die innere und die Vorstadt Josephstadt, in geraden, rechtwinkeligen Gassen angelegt, die innere Stadt ganz, die Vorstädte zum grössten Theil gepflastert, erstere fast gänzlich mit vortrefflichem Trottoir versehen; mit Ausnahme weniger, in einigen Seitengassen gelegener ebenerdiger Häuser, ist sie mit ein, zwei und drei Stockwerken hohen Gebäuden ausgebaut, die sämmtlich mit Dachziegel gedeckt, im ebenerdigen Geschosse fast ausschließlich Gewölbe enthalten, deren elegante Auslagen mit jenen grosser Städte rivalisiren und der Stadt ein sehr freundliches Aussehen geben. Zwei Plätze von seltener Grösse und Regelmässigkeit, und mehrere kleinere bieten dem regen Getreibe der Bewohner Raum und Luft; die Reinlichkeit kontrastirt angenehm mit dem Zustande anderer Provinzstädte, und die vortreffliche Beleuchtung, die bald mit Gas bewerkstelligt werden wird, ist anerkanntermassen von keiner in ganz Ungarn übertroffen. Temesvár mag daher allen billigen Anforderungen, die an eine Stadt zweiten oder dritten Ranges gestellt werden können, genügen, selbst bis auf Fiaker.” (Preyer 1853, 155)

So liest sich ein Zitat des berühmten Temeswarer Historikers und Bürgermeisters Johann Nepomuk Preyer (1805 – 1888). Da die Stadt seit jeher gewachsen ist und viele Veränderungen durchlebt, lässt sich obiges Zitat heute wohl nicht mehr überprüfen. Wir wissen jedoch bereits, dass die Vielfalt dieser Stadt zu groß ist, als dass Verallgemeinerungen angebracht wären. Wir entdecken heute eine neue Facette dieser Vielfalt.

Den Stadtkern Cetate glauben wir mittlerweile schon gut zu kennen. Wir beginnen deshalb, die Verbindung von Cetate nach Fabric zu untersuchen, und sehen die heutige Herausforderung in der Entdeckung eines anderen Gesichtes der Stadt.

Es lässt sich feststellen, dass der von Cetate nach Fabric verlaufende “Boulevard der Revolution 1989”, welcher nach der Überbrückung des Flusses Bega seinen Name in “Der Dritte August 1919” ändert, in verschiedene Abschnitte aufgeteilt werden kann:

Abschnitt 1 (von Cetate bis zum Fluss): Hier finden sich unwahrscheinlich viele öffentliche Einrichtungen (u. a. die Temeswarer Post-Zentrale, ein Gebäude der Nationalbank, die Fakultäten für Medizin und Zahntechnik, ein Kinderpark, die Präfektur des Kreises Timis). Die Gehsteige sind relativ schmal gehalten. Selbst an einem “offiziellen Ort” wie diesem setzen die Menschen ihre eigenen Interventionen und drücke ihre Bedrüfnisse im Raum aus, z. B. in Form von Graffitinachrichten. Am Bega-Fluss trifft der Boulevard auf den beidseitig am Ufer verlaufenden Grüngürtel der Stadt.

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Die Fassade des Postamtes fungiert hier als Wunschzettel für einen Skatepark.
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Der Eingang in den Park lässt Kinderherzen höher schlagen!
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Der Grüngürtel entlang des Bega-Kanals

Abschnitt 2 (zwischen Bega und Trajansplatz):  Hier ist es deutlich ruhiger. Die Bausubstanz ist alt (größtenteils wohl aus dem frühen 20. Jahrhundert), prächtig, imposant, jedoch leer. Es kommt einem unweigerlich so vor, als ob die verlassen anmutende Synagoge des Stadtteils nichts Gutes verheiße. Gleich daneben finden sich Schornsteine eines Wärmeanbieters, aus denen Dampf austritt. Die Bebauungsstruktur wird hin zum Stadtrand hin zusehends kleinteiliger. Hier wird auch Leerstand allgegenwärtig.

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Die Synagoge in Fabric scheint verlassen.
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Die Warnung vor der bröckelnden Fassade läuft Gefahr, den Gewarnten zu spät zu erreichen.
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Trajansplatz in Sicht

Trajansplatz: Nachdem wir am Trajansplatz angekommen sind, verfallen wir unweigerlich ins Staunen. Das Zurücklegen des Weges vom alten Stadtkern hat kaum mehr als fünfzehn Minuten beansprucht, fünf Straßenbahnhaltestellen vom Freiheitsplatz, etwa 1,8 km Luftlinienentfernung. Die Bebauung erinnert noch an Teile des alten Stadtkernes, ihr Zustand ist jedoch sehr schlecht und die Stimmung eine ganz andere. Wir spazieren auf dem Platz herum und schauen uns im Detail alle Erdgeschoßnutzungen an. Es kommt uns so vor, als ob es in diesem Stadtteil eigentlich viel mehr Geschäfte als in manchen Teilen Cetates gäbe, jedoch handelt es sich fast ausschließlich um Billig-Kleidergeschäfte und Second-Hand-Läden. Ein paar Jugendliche scheinen zu den wenigen NutzerInnen des Platzes zu gehören, ihr “Quartier” haben sie am Fuße einer Statue aufgeschlagen. Ansonsten ist der Platz ziemlich leer, die wenige Aktivität scheint auf die Ränder begrenzt, sonst scheint sie der Straßenbahn-Linie zu folgen. Eigentlich ist der Platz gut an das ÖV-Netz angeknüpft. Hier befindet sich ein Knotenpunkt zweier Straßenbahnstrecken (sowohl in Nord-Süd-Richtung tangential zum Zentrum als auch in Ost-West-Richtung hin zum Zentrum).

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Das Skelett ist geblieben, das (soziale) Leben längst davongetrieben.
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An den Rändern des Trajansplatzes

 

Richtung Osten (also in Richtung Stadtrand) häufen sich die Anzeichen des Verfalls, immer mehr Häuser stehen zum Verkauf oder gleichen Ruinen. Die von Norden nach Süden verlaufende Straßenbahnstrecke führt durch den gesamten Stadtteil und von der lokalen Bierfabrik am südlichen Rand beim Trajansplatz vorbei über den Bega-Fluss, dann verläuft sie seitlich eines großen Marktes und endet schließlich am Ostbahnhof. Am Markt bleiben wir stehen und “saugen das dortige Leben auf”. Cristian kommt mit Markt-VerkäuferInnen ins Gespräch und erhält spannende Infos zu den MarktbesucherInnen, der Wechselwirkung zwischen Markt und Lebensmittelgeschäften der Umgebung sowie allgemein über die Bedeutung des Marktes für die Menschen des Stadtteils. Eine Verkäuferin, die vor einigen Jahren ihr Jus-Studium abgeschlossen hat, erzählt uns über den Zustand des öffentlichen Raumes um den Markt…dass dieser zusätzlich als Marktfläche genutzt werde…dass für ihren Verkaufsstand eine Nutzungsgebühr zu entrichten sei. Sie berichtet über die sozial schwierige Situation von Fabric und dass dort viele Investitionen dringend nötig seien. Trotzdem scheine der Markt ein gutes Gleichgewicht zu schaffen: Die Menschen des Stadtteils kämen eher zum Markt als im Supermarkt einzukaufen, weil hier die Qualität der Produkte höher sei und man außerdem den Preis noch verhandeln könne. Aus heiterem Himmel kommt ein Ratschlag von ihr: Studiert fertig und geht ins Ausland, bleibt nicht in Rumänien! Wir begeben uns zum Flussufer und sehen den harten Kontrast zwischen dem hochmodernen Stadtentwicklungsgebiet ISHO und dem verfallenden Stadttei Fabric – lediglich durch den Fluss getrennt. Wir debattieren über mögliche Lösungsansätze für diese komplizierte Lage.

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Fleischstand am Trajansplatz
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Die Natur holt sich Fabriken in Fabric zurück.
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Verkäuferin am Markt in Fabric

Am Abend hätten ein oder sogar zwei Interviews folgen sollen, die Personen hatten jedoch zuletzt aus unerfindlichen Gründen keine Zeit und die Termine wurde auf morgen verschoben. Morgen haben wir drei Interviews und 2 Events, heute Abend wird Pause gemacht…

Literatur:

Preyer, J. N. (1853). Monographie der königlichen Freistadt Temesvár. Rösch.
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Und jetzt alle gemeinsam, Kinder: “Zu Fuß ist die Stadt schöner.” Bis morgen!

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