Orte der Lipowaner in Sulina

Das Thema der Field Trips 2019 ist „Städte an der Grenze“. Die Stadt Sulina ist der Inbegriff einer Stadt an der Grenze, da sie nicht nur im äußersten Osten der Europäischen Union, sondern auch am Ende der Donau liegt.

IMG_9755

Historisch gesehen spielte die Stadt durch den Sitz der Europäischen Donaukommission bis zum Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle für die Schifffahrt auf der Donau. Die Bevölkerung war ethnisch sehr vielfältig, wovon heute noch Sakralbauten unterschiedlicher Konfessionen im Stadtbild zeugen. Nach der Auflösung der Kommission erfuhr die Stadt einen starken Bevölkerungsrückgang, welcher auch die Verringerung der ethnischen Vielfalt zur Folge hatte. Sulina stellt heute nicht mehr das „Europa in Miniatur“ dar, wie es damals bezeichnet wurde.

Geografisch gesehen liegt Sulina inmitten eines der größten Naturschutzgebiete Europas, dem Donaudelta. Das Delta hat seit jeher schon eine ethnische Vielfalt aufgewiesen, vergleichbar mit seiner Artenvielfalt. Eine ethnische Minderheit, welche schon seit mehreren Jahrhunderten in dieser Region lebt, sind die Lipowaner, russische altgläubig orthodoxe Christen, welche vor der Verfolgung durch den Zaren in diese unwegsame Region zogen und heute noch als Fischer leben. Diese Bevölkerungsgruppe stellt die größte ethnische Minderheit in der Stadt dar und ist bekannt für die Pflege traditioneller Bräuche und der nahezu unverfälschten russischen Sprache. Die Lipowaner können als eigene „Community“ aufgefasst werden, aufgrund ihrer gemeinsamen Bräuche, Sprache und Religion.

Diese Forschungsreise wird sich mit den Lipowanern und deren Bezug zum öffentlichen Raum in der Stadt Sulina auseinandersetzen. Die Betrachtung der Identität sowohl in der kollektiven als auch personellen Dimension spielt dabei eine wichtige Rolle. Neben der Frage der Aneignung des öffentlichen Raumes soll der Fokus auch auf das Spannungsfeld zwischen ruraler Kultur und urbanem Kontext gestellt werden. Im Zuge dessen werden unterschiedliche Methoden zum Einsatz kommen und in den folgenden Blogeinträgen erläutert werden. Neben quantitativen, sollen vor allem auch qualitative Methoden zum Einsatz kommen, um die Sichtweise dieser Bevölkerungsgruppe auf den öffentlichen Raum untersuchen zu können. Letztere Methoden stellen einen wichtigen Beitrag für die Forschung dar, sind aber auch aufgrund der Sprachbarriere als Herausforderung und Risiko zu sehen. Der Besuch eines vor allem lipowanisch geprägten Dorfes im Donaudelta soll vor allem zu einem besseren Verständnis der Kultur und deren Einfluss auf den urbanen Kontext führen.

Ich werde während meines Aufenthaltes in Sulina täglich Blogeinträge posten, um meinen Prozess der Wissensgenerierung festhalten zu können.

Maurice Schreiberhuber, Student Raumplanung

Schreibe deinen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*
*