(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT III: CINEMA SULINA

GRIECHISCHER TEMPEL MEETS BUNKER

Rechts neben dem Hotel Camberi steht ein unscheinbares, zweigeschossiges Gebäude. Die Front, die zum Wasser zeigt, ist zurückversetzt, dadurch entsteht ein kleiner Vorplatz. Eine Sicht auf das Bauwerk ergibt sich trotzdem nicht, denn die Vorderseite versteckt sich hinter zwei kleinen Souvenirständen.

Das Objekt besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, einem Hauptteil und einen vorgelagerten Eingangsbereich, der etwa drei Meter niedriger ist. Um zum Eingang des Gebäude zu gelangen, muss man sechs niedrige Stufen hinaufsteigen. Betreten kann man es dennoch nicht. Ein Plane verdeckt den gesamten vorderen Teil, nur unscheinbar blitzen drei rostige Rundbogentore hervor. Auf dem Dach des Vorbaus wachsen Pflanzen und drei bodentiefe Fenster lassen erahnen, dass es einst als Terrasse diente. 

Uns erinnert das Gebäude an eine Mischung aus griechischem Tempel und Bunker. Nur eine Zierleiste am oberen Rand der Fassade schmückt die äußeren Wände. Hier und da bröckelt der Putz und Backstein tritt zum Vorschein. An manchen Stellen wurden die Steine farblich an die Fassade angepasst. An den Seiten des Gebäudes fällt uns auf, dass Fenster eine Rarität sind. Wenn, dann sieht man sie nur in dreier Gruppen angeordnet, sehr schmal, teils zugemauert, teils mit kleinen Öffnungen zu Durchlüftungszwecken.

Das verfallene Kino ist nur von Vorne interessant, auf der Hinterseite befinden sich lediglich zwei wuchtige, von Rost durchfressene Metalltore, die schon längst als Fußballtore dienen. Durch eines der Tore können wir einen Blick in das Innere des Kinos erhaschen und erkennen, wie die Reste des Inventars sich fast bis zur Decke türmen.

So klingt es vor dem Cinema Sulina:

 EIN ORT ZUM KRAWATTE TRAGEN

Das Kino wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut und war für Jung und Alt ein Vergnügungsort. Valentin machte als junger Pfadfinder einen Ausflug nach Sulina und erzählt von seinem ersten Kinobesuch.

„Damals war es etwas Besonderes ins Kino zu gehen, man trug Krawatte und zog sich schick an. Heute haben wir alle Internet und Satellitenfernsehen und bleiben lieber zu Hause.“

Ein älterer Herr kommt neugierig auf uns zu, um zu erfahren warum wir diesen so unscheinbaren Ort fotografieren.

„Das Kino in Sulina war aufregend, es ließ uns in eine andere Welt eintauchen. Ich erinnere mich noch, dass es hinten jemanden gab, der sich um den Filmprojektor kümmern müsste. Wenn mal eine Filmrolle heruntergefallen ist, beschuldigten alle im Saal den ,Buckligen’!“

Kurz vor der Revolution wurde das Kino renoviert. Genutzt hat es nicht viel: Der Regen sammelte sich am Dach und brachte es zum Einsturz. „Das erste Kino mit Swimmingpool in ganz Europa“ scherzt Valentin. Seitdem steht das Cinema Sulina leer. Die Versprechen, dass es wieder ein Kino und ein kulturelles Veranstaltungszentrum werden soll, bleiben unerfüllt. Die Plane über den Vorbau diente als Wahlkampfstrategie, um anzudeuten, dass bald Umbauarbeiten beginnen. Jetzt lenken Souvenirstände von unserer (Nicht)Sehenswürdigkeit ab.

EIN PLATZ MIT STÄDTISCHEN FLAIR

Von all den (Nicht)Sehenswürdigkeiten, die wir in Sulina gefunden haben, ist das Cinema Sulina, die Einzige, welche ein kulturelles Zentrum darstellte. Das Gebäude sitzt zentral im Baufeld und ist sowohl von Strada I als auch von Strada II erschlossen. Die Stufen und die Terrasse am Vorbau bilden in der Vertikalen unterschiedliche Ebenen, die Übersicht verleihen und trotzdem noch am Geschehen teilhaben lassen. Besonders in Kombination mit dem Hotel Camberi schafft das alte Kino einen kulturellen Platz, der mit entsprechender Belebung städtischen Flair in sich trägt. 

Im Vergleich zu vielem, das jetzt in Sulina gebaut wird, entspricht die Dimensionierung des Bauwerks dem kleinstädtischen Charakter. Wenn man auf dem Vorplatz des Gebäudes steht und um sich schaut, kann man sich noch gut zurück in die damalige Zeit versetzen. Fast wehmütig denkt man darüber nach, was für ein Potential trotz des Verfalls heute noch in diesem Ort steckt.

 

 

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