(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT II: HOTEL CAMBERI

SONNTAGSSTIMMUNG

Es ist Sonntag. Menschen schlendern entlang der Promenade. Sie sind herausgeputzt, lachen, tratschen und genießen das schöne Wetter. Boote kommen an und ziehen ab. Es herrscht Trubel in der Stada I. Inmitten dieser Szene steht ein altes Hotel, mit den drei Stockwerken kaum höher als die umliegenden Gebäude. Trotzdem tanzt es aus der Reihe. Nichts steht der Sicht auf das Gebäude im Weg, denn der Platz daneben ist frei.  So wirkt das alte Hotel höher und eindrucksvoller als es eigentlich ist. Dabei sind die Fassaden schlicht. Die Formen der Gebäudefront sind symmetrisch angeordnet, aufwendige Verzierungen sucht man aber vergeblich. Lediglich auf den rostigen Balkongeländern winden sich noch eiserne Ranken, im Zentrum ein Stern mit fünf Zacken. Die Türen sind mit schweren Ketten und Schlössern verriegelt, die Fenster mit Holzbrettern versperrt. Wir streifen entlang der Mauern und finden eine Lücke, die groß genug ist, um in einem unbeobachteten Moment flink in das Hotel zu klettern. Im Inneren bröckelt der Putz schichtenweise von der Wand und verrät uns in welchen satten Farben die Räume und Zimmer einst gestrichen waren. Die unregelmäßigen Fliesen sind wie in einem Mosaik angeordnet, das sich weiter bis in den Platz neben dem Hotel fortsetzt. Oben stützen starke Holzbalken das Gebäude. Zwischen ihnen dringt Licht durch die löchrige Decke ein. In dem Raum, der zur Stada I orientiert ist, sind die Geräusche von außen sehr präsent. Das Geklacker von Stöckelschuhen, das Plätschern des Wassers und Stimmen aus den umliegenden Gastgärten füllen den so morbiden Raum mit Leben.

Im oberen Geschoss gelangt viel mehr Licht hinein, das alte Hotel wirkt freundlicher. Nur den Riss an der Wand, der das Gebäude beinahe in zwei Hälften teilt, nehmen wir als bedrohlich wahr.

Über einen Mittelgang gelangt man in zehn fast identische Zimmer. Jedes ist mit einem Graffiti versehen. Am Ende des Ganges befindet sich der langgestreckte Balkon, an dem man über der Strada I thront. Neben den Holzböden sind vor allem die Wände brüchig. Dort wo der Putz schon abgetragen ist, schauen Schilfrohre und Holzpaneele hervor. Ein kurzer Gang kreuzt den Mittelgang des ersten Obergeschosses. An einem Ende befindet sich die Steintreppe, die im Erdgeschoss beginnt. Am anderen Ende führt eine schmale, rote Holztreppe im Halbkreis ins zweite Obergeschoss.

So klingt es im Hotel Camberi:

 

EIN HOTEL FÜR DIE TOTEN

Wir trafen Liviu, den Fotografen des Ortes, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Janine, die im vergangen Jahr von der Schweiz nach Sulina gezogen ist, in ihrem verwachsenen Garten. Liviu und Valentin erzählten uns die ungewöhnliche Geschichte des Hotel Camberi und warum es auch heute noch so viele positive Erinnerungen in der Bevölkerung hervorruft.

Das Hotel Camberi wurde Anfang des letzten Jahrhunderts von einem griechischen Kaufmann im Stil des Klassizismus erbaut. Es war ein besonderer Treffpunkt für die Bevölkerung, Besucher*innen und Offiziere der Garnison. Ein nobler Ort zu dem man sonntags spazierte, um in der Konfiserie ein Eis oder an der Bar einen Drink zu bestellen.

Es war das einzige Gebäude mit drei Geschossen in der Stadt und bot von seinen verzierten Balkonen einen einzigartigen Blick auf den Sulina-Kanal und das gegenüberliegende Ufer. Auch nach dem Krieg hatte das Hotel noch eine besondere Stellung in der Gesellschaft. So fanden nach dem Zweiten Weltkrieg leichte bauliche Veränderungen statt. Das Dach wurde angepasst, die Ornamente entfernt und der hinteren Teil das Hotel um vier Zimmer erweitert. Auch der Name änderte sich zu Hotel Farul („Leuchtturm“). Womöglich bekam es diesen Namen, weil es nahe dem alten Leuchtturm liegt oder aufgrund des besonderen Ausblicks, welchen man ansonsten nur vom Leuchtturm hatte.

„Heute erzählt man sich noch, dass die Toten, die vom Friedhof in die Stadt kommen im Hotel Camberi übernachten und sich hier, im wohl exklusivsten Hotel der Stadt, ein Zimmer nehmen“

– erzählt Valentin mit einem Grinsen.

Vielleicht ist es der Fluch der Geister, die die Renovierung des Hotels verhindern. Obwohl außenstehende Interessenten an die Stadt herantreten, verfällt das Gebäude allmählich. Vor einigen Jahren kaufte ein amerikanischer Investor das Hotel mit der Absicht es zu renovieren und in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Jedoch gab es ein Problem: Der Investor war nicht der Eigentümer des Grundstücks. Es kam es zu einem 10-jährigen Rechtsstreit, da die Umbauarbeiten an dem Hotel nicht begonnen werden konnten. Aus diesem Grund steht das historische Gebäude noch heute unverändert an der Promenade und fällt langsam in sich zusammen.

Liviu, Janine, Valentin sowie viele andere Bewohner*innen wünschen sich das alte Hotel Camberi zurück. Es soll wieder zu einem Ort werden, an dem man sich zum Sonntagskaffee verabredet oder mit seinen Kindern auf ein Eis geht. Für sie steht es sinnbildlich für die goldene Zeit, in der Sulina Europa in Miniatur darstellte.

 

DER CHARME DER ALTEN GEMÄUER

Das Besondere an dem Hotel Camberi sind die zentrale Lage und die Bedeutung des Ortes. Im Gegensatz zu der Fischkonservenfabrik war es nicht ein Ort der Arbeit, sondern ein Ort, den man in seiner Freizeit aufsuchte, um sich Luxus zu gönnen. Dort, wo Sulina sich den Bewohner*innen und Tourist*innen von der schönsten Seite zeigt, liegt das Denkmal vergangener Zeiten. Es hat vieles miterlebt, von der „Goldenen Zeit“ während die Donaukommission ihren Sitz in Sulina hatte, bis zu der Periode als Kommunismus die zentrale Ideologie darstellte. Heute spiegelt sich im alten Hotel vor allem der Bedeutungsverlust der Stadt im Donaudelta wieder. Trotz des weiten Stadiums, den der Verfall schon angenommen hat, ist es von Außen und Innen noch klar als Hotel erkennbar. Die Gebäudefront hat den Anspruch auf Repräsentativität und Ästhetik, der Grundriss ist gespickt von aneinandergereihten Zimmern, die über lange Gänge erschlossen werden. Es steckt immer noch ein wenig Hotel in den alten Gemäuern.

 

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