(NICHT)SEHENSWÜRDIGKEIT I: FISCHKONSERVENFABRIK

EIN STREIFZUG 

Schon aus der Ferne sehen wir die alte Fischkonservenfabrik. Wie ein Fels ragt sie zwischen den niedrigen Häusern hervor. Einst war das Areal von einem hohen Zaun umgeben, heute ist dieser löchrig und zum Teil schon ganz abgetragen. Obwohl, wir ohne jegliche Mühe das Areal betreten können, fühlt es sich an, als ob wir etwas Verbotenes tun. Heute sind wir die Einzigen am Gelände und verschaffen uns schleichend einen Überblick.

Das Areal ist verwildert, besonders die Rückseite zu Strada III ist von Müll übersät. Die Vorderseite, die sich zum Wasser orientiert, wirkt hingegen fast schon ordentlich. Der Platz ist ganz eben, frei von Müll und Schutt. Zwischen den Fugen der grauen Betonplatten wachsen hohe Gräser, die ein regelmäßiges, grünes Muster bilden.

Die Tore der Fischkonservenfabrik stehen offen und wir treten vorsichtig ein. Sowohl Innen als auch Außen zieht sich die Symmetrie der baulichen Überreste über das gesamte Areal. Wir streifen durch das Gebäude und entdecken riesige, leere Hallen mit hohen großen Fenstern. Die Sonne scheint durch die Blätter der Bäume und legt einen leichten grünen Schimmer über die helltürkisen Wände. Hier und da schauen Backsteine unter dem Putz hervor. In der Halle ist es still, so still, dass die eigenen Geräusche einem plötzlich viel lauter vorkommen. Außer dem Zwitschern der Vögeln dringt kein Geräusch von Außen in die große Halle. Wir sprechen nur wenig miteinander, zu beschäftig sind wir herauszufinden, wofür dieser Raum damals genutzt wurde. Man hört nur das Knirschen des Schutt unter den Sohlen und gelegentlich das Klappern leerer, verrosteter Konservendosen.

Neugierig schlüpfen wird durch eine unscheinbare Tür im Untergeschoss und gelangen in einen Raum, der nur ganz oben wenige, kleine Fenster besitzt und in einem satten Blau gestrichen ist. Mitten im Raum liegt ein blaues Floß aus Plastik. Hier ist es plötzlich viel kühler als in den Räumen zuvor und der Geruch verrät uns, dass das einmal das Fischbecken der Konservenfabrik war.

Wir entdecken weitere große Hallen und kleinere Räume. Alle sind in diesen zarten Grün-, Orange-, oder Rosatönen gestrichen. Die Überreste von Tapeten, Fliesen und gemusterten Glasfronten lassen erahnen, wie diese Räume einmal ausgesehen haben. Machmal versuchen sich Pflanzen von Außen einen Weg ins Gebäude zu verschaffen und ragen durch die glaslosen Fenster hinein. Hier und da wächst ein Strauch in der kleinen Ritze zwischen Boden und Wand. Die Fenster geben den Ausschnitt vor. Hin und wieder dringt ein Boot in das Bild und verändert das sonst so starre Motiv. 

Egal welchen Raum wir betreten, wir wissen, jemand war schon vor uns hier. Wir finden Feuerstellen, Zementmischer, Graffitis, leere Glasflaschen und angebrannte Bücher. Dieser Ort bietet jenen einen Unterschlupf, die nach Abgeschiedenheit und einem kleinen Abenteuer suchen. 

So klingt es in der Fischkonservenfabrik:

ERZÄHLUNGEN EINES BEWOHNERS

Im letzten Jahrhundert erfüllte die Fischkonservenfabrik vor allem wirtschaftlich eine zentrale Funktion für die Bevölkerung Sulinas. Unter Ceausescu und der damals vom Staat angeleiteten Planwirtschaft wurde jedem Industriezweig ein bestimmter Standort zugewiesen. So wurde Sulina zum Zentrum der Fischkonservenproduktion. 

Valentin, ein Lehrer der Schule von Sulina, erzählte uns während eines Stadtspaziergangs von den Hintergründen der Fischkonservenfabrik.

Zur Zeit des Kommunismus wurden hier jährlich bis zu 20.000 Tonnen Fisch konserviert und exportiert. Der Betrieb diente, trotz der harten Arbeitsbedingungen, einem großen Teil der Bevölkerung als Arbeitgeber. Der Wechsel zwischen warm und kalt strapazierte den Körper und erschwerte die Arbeit in der Fabrik enorm, so konnten die Schichten zum Entladen des Schiffes nur zwei Stunden dauern. Zur Stimulation des Körpers wurden kalte Räume in roter und heiße Räume mit blauer Farbe angestrichen. Auch heute sind die verblassten Farben noch an den bröckelnden Wänden der Fabrik erkennbar.

„In Rumänien gibt es einen Witz: Wer nicht in der Schule aufpasst, muss später einmal die Fische säubern. In Sulina würden wir das gerne wieder machen, aber es gibt keinen Fisch mehr.“

Die Fischkonservenfabrik diente ihren Angestellten in jeglicher Sicht als Lebensgrundlage. Zum Teil sollen sie sich heimlich Fisch, Salz, Öl und weitere Zutaten für den privaten Gebrauch mit nach Hause genommen haben. Trotz des gesicherten Arbeitsplatzes war der Job in der Fischkonservenfabrik kein angesehener. Es wurde gescherzt, dass, wenn man nicht lernt, man die Fische in der Konservenfabrik säubern muss.

Mit der Revolution im Jahr 1989 endete auch diese Ära und zwang die Fischkonservenfabrik in die Knie. Der technologische Fortschritt führte dazu, dass Fischkonservenfabriken nicht mehr benötigt wurden. Heutzutage wird der Fisch auf dem Schiff gesäubert und die Überreste direkt zurück ins Meer geworfen. Dadurch wird Platz, Zeit und Abfall eingespart.

FORM FOLLOWS DECAY

Wenn man die alte Fischkonservenfabrik betrachtet und dabei ihren Verfall ausblendet, dann erkennt man von Innen und Außen die Geradlinigkeit und Schnörkellosigkeit der Architektur. Die Formen, aus denen sich das Gebäude zusammensetzt, wiederholen sich in regelmäßigen Abständen. Es sind eckige und kantige Formen, die sich lediglich in ihren Proportionen unterscheiden. Der Verfall durchbricht diese Ordnung. Die Oberflächen haben Flecken, klare Kanten bröckeln ab, Pflanzen wachsen willkürlich. Form follows Decay.

Die großen Fenster durchfluten die Hallen mit Licht, in dunklen Fluren sind die Löcher in der Decke und den Wänden die einzigen Lichtquellen. Zugänge und Verbindungen der Gebäudeteile sind nicht absehbar, was zu einer aufregenden Orientierungslosigkeit führt. Besonders in den oberen Etagen wird man daher mit unerwarteten Perspektiven überrascht: auf Prospect, dem Sulina-Kanal und auf die Gärten, die die Fabrik umgeben. Von unten aus betrachtet wirkt die alte Fabrik neben den benachbarten Gebäuden gigantisch. Als Landmark sticht sie mit ihren rohen und markanten Formen hervor und ihre verblassten, rostigen und gefleckten Muster verschmelzen mit den Farben der Landschaft.

Die Ästhetik der alten Fischkonservenfabrik setzt sich in unseren Augen aus dem Charakter der Architektur und dessen natürlichem Verfall zusammen.

Neben dem ästhetischen Wert ist diese (Nicht)Sehenswürdigkeit ein wesentlicher Bestandteil der Identität Sulinas. Ein Ort der Nostalgie, der an wirtschaftlich-prosperierendere Zeiten und an viele gemeinsam verbrachte Stunden erinnert.

Was heute mit der Fischkonservenfabrik passiert, weiß niemand so wirklich. Manche munkeln ein Investor habe das Gelände aufgekauft, um darin ein Textilunternehmen zu betreiben. Andere behaupten es gehöre dem Besitzer des benachbarten Hotels „Delta Palace“, der eigene Pläne mit dem Gelände verfolgt.

weitere Bilder sind im Blogpost: Tour de Sulina I zu finden

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