Letzte Tage in Albanien

Unser letztes Wochenende in Tirana ließen wir ein bisschen ruhiger angehen, es gab viel zu verarbeiten, aber auch zu organisieren: die Polytechnische Universität hat uns eingeladen, am Montag erste Ergebnisse zu präsentieren. Vorerst wurde jedoch der Samstag für einen Ausflug in die Hafenstadt Durres genutzt. Warum Durres? Sie ist die zweitgrößte Stadt Albaniens und auch die zweitwichtigste Stadt nach Tirana was Wirtschaft, Tourismus und Handel betrifft. Auch wurde uns vom Vizedekan der Polis Universität während unseres Interviews stark empfohlen, die an der Adria gelegene Stadt zu besuchen. Denn aus raumplanerischer Sicht ist die Achse Durres – Tirana wohl die interessanteste. Die Metropolregion zwischen den wirtschaftsstärksten Städten wird in Entwicklungsprojekten und Publikationen Durrana genannt. Entlang der Autobahn sahen wir auch, was diese Achse für die Wirtschaft Albaniens bedeutet. Neben der gut ausgebauten Autobahn reiht sich ein Gewerbezentrum nach dem anderen. Der Haufen der großen weißen Kisten ist auch gut auf den Luftbildern zu erkennen. Auch internationale Firmen situieren ihr Gewerbe entlang der Magistrale, die auch schonmal ob des Optimismus eines Wirtschafsbooms “Entry to Albania” genannt wird. Natürlich hat uns aber auch ein Vergleich, oder eben ein Eindruck anderer Städte des Landes gereizt. Wir haben nicht vergessen, dass wir uns in der Hauptstadt befinden und forschen, wenn man also annimmt, dass es sich im Rest Albaniens genauso abspielt, macht man es sich wohl ein bisschen einfach. Tirana wirkt einfach sehr kosmopolit, offen, europäisch und eben auch modern. Besonders die Erzählungen der vielen Tiraner*innen, die aus der Provinz gekommen sind, um hier zu studieren oder zu arbeiten, erzählten uns von einem anderen Albanien. Natürlich können und wollen wir im Rahmen des Fieldtrips nicht die gesamte Diversität eines Landes in elf Tagen zusammenfassen, aber was wohl passiert, wenn wir Unterschiede zu Tirana bereits in der zweitgrößten Stadt des Landes feststellen können? Auf gehts!

Der Verkehr zwischen Tirana und Durres ist informell geregelt. Am Busbahnhof stehen alte Postbusse, welche vor 20 Jahren noch auf österreichischen Landstraßen verkehrten. Man sollte sich dann auch nicht von der Aufschrift auf den Bussen irritieren lassen, die immer noch jegliche Kleinstädte und Dörfer in Österreich als Ziel anpreisen. Dafür schreien Männer das aktuelle Ziel des Busses in das Gewusel des Platzes.

Durres! Durres! Durres! This Bus goes to Durres? Yes! How much is it? 200 Lek.

Wer braucht schon Anzeigetafeln, wenn es mit den Busverbindungen wie am Bazaar zugeht. Wir steigen ein und raten, welches österreichische Dorf dieser Postbus wohl mit der Landeshauptstadt verbunden hat. Ein Ticket haben wir nicht bekommen. Bezahlt wird beim Aussteigen. Haltestellen fehlen auch. Dann und wann bleibt er auf der Autobahn stehen, um einer Person den Ausstieg zu ermöglichen. Die Fahrt dauerte nur ca. eine halbe Stunde. Angekommen sind wir auf einem großzügigen Busbahnhof, direkt neben dem ehemaligen Bahnhof. Alte heruntergekommene Regio-Waggons der Deutschen Bahn erzählen von früheren Tagen.

Durres ist auch das Tor für ausländische Tourist*innen. Die schier nicht enden wollenden Pizza Restaurants, Gelaterias und Cafés – hauptsächlich mit den Marken Hausbrandt und Lavazza – deuten wohl auf einen beliebten Ausflugsort für Italiener*innen hin, nach Bari sind es mit der Fähre ja auch nur wenige Stunden. Das Stadtzentrum hat sich auch herausgeputzt. Die Straßen, die Richtung Meer gehen sind sauber und der Gehsteig mit feinem hellem Material gepflastert. Besagte Cafés, Pizza Restaurants und Gelaterias bestimmen die Erdgeschoßnutzung. Die Promenade ist breit und voller Menschen. Klassischen Touristenrestaurants, die irgendwie im ganzen mediterranen Raum gleich aussehen, bestimmen mit typischen Jahrmarkt Attraktionen das Stadtbild. Die höchsten Gebäude der Stadt sind auch hier zu finden, sie drängen sich förmlich um einen Platz in der ersten Reihe. Architekturstil der Marke Ferienwohnung. Die meisten sind leer.

Am Rückweg besuchten wir den Hauptplatz Durres´. Dieser befindet sich mitten im Zentrum, an den Platzrändern stehen die Hauptmoschee und das Stadttheater. Der Platz wird von der hiesigen Bevölkerung wohl gut angenommen, Kinder spielen Fussball, Erwachsene rauchen in Gruppen und die Älteren schauen dem Ganzen Spektakel zu. Irgendwie ein bisschen wie in Tirana, nur mit leicht provinziellem Touch, oder mediterranem, da sind wir uns ein bisschen unsicher. Ein Springbrunnen, Palmen, helle Materialien und genügend Sitzmöglichkeiten beweisen die qualitativ hochwertige Platzgestaltung. Nicht nur einmal sahen wir – wahrscheinlich für social Media – posende junge Menschen. Insgesamt ist auch hier die Bevölkerung jung, die Älteren entlarven sich des öfteren als Tourist*innen. Unser Spaziergang reichte zeitlich nur für das Stadtzentrum. Wir konnten einen änhlichen Eindruck des öffentlichen Raumes wie in Tirana beobachten. Die Hauptplätze- und Straßen sind hergerichtet, bespielt und frequentiert, biegt man zweimal mehr in eine Nebenstraße ab geht es deutlich ungeordneter und ungeplanter zu. Man spürt aber auch so die Nähe zu Tirana: wir haben das Gefühl, Durres will garnicht mit seiner Nachbarstadt konkurieren und nutzt die positiven Aspekte der provinzielleren Meereslage für seine eigene Stadtidentität.

Nach Sonnenuntergang bestiegen wir einen kleinen, leeren Bus nach Tirana. Wann fährt dieser ab? Wenn er voll ist, wird uns verständigt. Das dauerte aber nicht lange. Im Zentrum angekommen sahen wir abgesperrte Straßen und eine hohe Polizeipräsenz vor Regierungsgebäuden. Eine Polizistin erklärt uns, dass die oppositionelle Demokratische Partei gegen Edi Rama und die Sozialistische Partei demonstriert. In den letzten Tagen haben wir erfahren, dass es gang und gebe ist, dass die Oppositionspartei gegen die regierende Partei demonstriert. Die Demo ging schon dem Ende hinzu, und nicht teilnehmend aber beobachtend bewegten wir uns entgegen des Demozuges. Die Teilnehmer*innen waren hauptsächlich ältere bis mittelalte Männer. Trompeten wurden geblasen und albanische Flaggen gezeigt. Es war durchaus interessant die Innenstadt komplett autofrei zu erleben und die breiten Straßen zum Spazieren zu verwenden.

Am Sonntag, unserem vorletzten Tag, besuchten wir das House Of Leaves: das Museum of Secret Surveillance. Für uns unvorstellbar, dass bis vor dreißig Jahren die Bevölkerung systematisch bespitzelt wurde. Ein Sprichwort aus dieser Zeit sagte, dass zwei von drei Albaner*innen Spitzeln des diktatorischen Regimes waren. Interessanter Fakt zum öffentlichen Raum: Die öffentlichen Toiletten waren zu dieser Zeit der einzige Ort für kritische Meinungsäußerung und Austausch. Auf die Frage, ob der öffentliche Raum für die Bevölkerung in dem Wissen dieser Umstände damals anders wahrgenommen wurde, haben wir unterschiedlichste Antworten erhalten. Natürlich waren die meisten unserer Zielgruppe damals noch nicht geboren. Von allen anderen gab es kontroverse Äußerungen, für manche war das Ende des Kommunismus ein Befreiungsschlag für den Öffentlichen Raum, für andere änderte sich wenig.

Der Rest des Tages wurde genutzt, um die morgige Präsentation unserer Ergebnisse an der polytechnischen Universität vorzubereiten. Abends steht ein allerletztes Treffen mit unseren neuen Freunden an, die uns die letzten elf Tage mit ihrer Zeit und ihrem Fachwissen eine große Unterstützung waren.

Die nächsten Tage, wenn wir unsere Ergebnisse ausgearbeitet haben, wird unser letzter Blogeintrag für Tirana folgen: Lessons learned über den öffentlichen Raum in Tirana.

Tschüss und bis bald!

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