GORIZIA UND NOVA GORICA – INTERVIEWS UND CAFFÈ

SECONDO GIORNO / DRUGI DAN 21.05.2019

Heute müssen wir uns sputen! Denn wir treffen um 10h den Generalsekretär von Gorizia, Franco Perazza im Café Tubino an der Via Rastello. Da wir noch frühstücken wollen sind wir auch schon früher da.

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Andreicas Wahrnehmung des öffentlichen Raums, wenn sie die Grenze überquert. Von der Arbeit an der Via Rastello geht sie über die Piazza Europa nach Hause. Sie lebt nahe des Grenzübergangs Via San Gabrielle. Wenn sie einkaufen gehen will, dann geht sie über die Via San Gabrielle nach Nova Gorica, um zu größeren Supermärkten im Norden Nova Goricas zu gehen.

Das Café ist sehr hell und freundlich eingerichtet. Die Cornetti, Kuchen und belegte Brötchen stehen unter gläserne Käseglocken auf der Theke bereit. Im Hintergrund läuft das Lied Soldi von Mahmood bis dass die Kaffeemaschine schrill gegen die Klänge des Radios antritt, als die Mitarbeiterin hinder der Theke ein Caffè für einen Gast zubereitet. Sie bedient ihn auf einer Sprache, die wir nicht verstehen. Wir gehen auf sie zu und lehnen uns gegen die Theke. Sie dreht sich kurz um und lächelt uns zu. Die Bar ist nun leer. Daher nutzen wir nach unserer Bestellung die Gelegenheit, um mit ihr zu plaudern.

Andreica ist Slowenin. Sie arbeitet und lebt in Gorizia. Geboren ist sie allerdings in Nova Gorica. Dadurch, dass sie zweisprachig aufgewachsen ist, war es kein Problem für sie nach Italien zu ziehen. Sie ist Mutter von drei Kindern unter anderem zwei Teenager. Wir fragen sie, weshalb sie nach Gorizia gezogen ist. Offenbar ist der Immobilienmarkt auf italienischer attraktiver als in Nova Gorica. Aus diesem Grund soll es viele Slowenen geben, die Wohnungen/Häuser lieber in Gorizia kaufen. Sie betont, dass viele Nova Gorica sich dafür entscheiden. Alltägliche Einkäufe sollen dafür aber auf italienischer Seite deutlich teurer sein, weshalb sie für bestimmte Produkte, wie Fleisch, Brot und Milchprodukte, regelmäßig pendelt. Sie hätte es dazu nicht weit, denn die Familie wohnt nahe der Grenze an der Via Teobaldo Ciconi, unweit der Via San Gabrielle.

Neue Gäste betreten das Café und sprechen Andreica auf Slowenisch an. Es hat sich wohl rumgesprochen, dass die freundliche Slowenin in diesem Café arbeitet. Als wir die nächste Frage nach den Aktivitäten, die ihre Kinder nachgehen, scharren sich sämtliche Gäste um uns und beteiligen sich rege am Gespräch. Sie erzählen, dass sie Slowenen sind, die allerdings in Gorizia geboren und aufgewachsen sind. Offensichtlich wachsen all deren Kinder bilingual auf, auch weil sie auf bilinguale Schulen gehen. Sie zeigt uns, aber auch auf dem Plan, wo ihre Kinder zur Schule gehen. Da ihre Kinder unterschiedlich alt sind, zeigt sie uns, wo die Grundschule(Via del Brolo), die Sekundarstufe(Via Gian Battista Garzarolli) und die Oberstufe/Gymnasium(Via Giacomo Puccini) ist. Sie zeigt uns aber auch auf dem Plan, wo ihre Kinder Sportaktivitäten nachgehen. Das Stadium in Nova Gorica soll ein breites Angebot an Aktivitäten für junge Leute anbieten. Sie fahren meist mit dem Fahrrad zum Stadium über die Via San Gabrielle. Sport ist nicht der einzige Grund, weshalb ihre Kinder nach Nova Gorica fahren. Die älteste Tochter fährt z.B. um auszugehen. Der Club Marco Polo soll momentan seh hip sein. Sie beobachtet, dass gerade junge Leute beider Städte den Austausch suchen und sich in beiden Städten regelmäßig treffen. Um die Grenze zu überqueren, fahren sie entweder mit dem Fahrrad oder mit dem Bus. Sie betont, dass die Fahrradwege in Nova Gorica besonders gut ausgebaut sind. In Gorizia hingegen eher weniger bis gar nicht. Sie erwähnt keine informellen Wege oder Übergänge, die man zu Fuß nehmen könnte, außer die Via San Gabrielle.

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Andreicas Wege, die sie selber in den Plan eingezeichnet hat und die Standorte slowenisch-italienischer Schulen.

 

Und schon schaltet sich ein Herr mit großem Schnauzer ein und fragt Andreica worum es geht. Geschwind unterrichtet sie ihn, dass wir an dem öffentlichen Raum entlang der Grenze interessiert sind. Dazu fällt ihm sofort eine Anekdote ein:
In der Nähe vom slowenischen Viertel Solkan, welches sich nördlich der Stadt befindet, soll das gesamte Anwesen einer Gräfin nach der Grenzziehung vollkommen der slowenischen Seite zugeschlagen werden. Die Gräfin soll diese Entscheidung nicht so hinnehmen wollen. Da sie aber enge Kontakte zu den amerikanischen Besatzern pflegte, hatte die einst geradlinige Grenzziehung eine außergewöhnlich, ausladende Kurve um ihr Anwesen zur Folge. Dieses Beispiel soll zeigen, dass die Grenzziehung nicht immer eine Logik verfolgte. Es existieren mehrere solcher Geschichten, in denen Akteure während und nach dem Krieg sich an solchen Gelegenheiten bedienten, die auch Groll, Angst und andere Emotionen in der Bevölkerung auslösten. Gerade die letzten Monate des Krieges, als auch die ersten danach wären besonders schmerzhaft gewesen, da viele Kriegsverbrechen, wie die Foibe-Massaker, u.v.m. stattfanden. Gorizia soll mehr als die Hälfte seines Areals verloren haben, das damals zur Provinz der Stadt zählte.


„Unsere Stadt wurde auf das gänzlichste gequält. Sie wurde zerstört, bombardiert. Der Krieg war ein wahrliches Blutbad.“
Die Stadt war zuvor reich und multikulturell. Heute halten der Herr und seine Begleitung Gorizia für die europäischste Stadt schlechthin. Viele junge Menschen gingen einfach von A nach B ohne überhaupt zu merken, dass da eine Grenze sei. Das Schöne an ihrer Lage sei die Tatsache, dass man nur innerhalb einer halben Stunde Fahrradfahrt zwei Länder durchqueren kann, zwei Städte bereisen kann und gleichzeitig österreichisch-ungarische Architektur, realsozialistische Architektur aus der Zeit Titos, aber auch faschistische Architektur zu sehen bekommt. Man könne also sagen, dass die Situation hier sehr ungewöhnlich ist. Am 25. März dieses Jahres wurde ein Abkommen, bezüglich des Transalpina-Platzes, zwischen Nova Gorica und Gorizia geschlossen, um für 2025 zur Kulturhauptstadt zu kandidieren.
Andreica, der Herr und seine Frau sind sich plötzlich in allem einig. Gorizia und Nova Gorica sind zwei Städte mit einem starken Bezug zueinander. „Sie sind ein Ehepaar und haben zwei eigene Identitäten. Wie in einer Beziehung respektiert man den anderen. Wir überqueren, treffen uns, gefallen uns.“ Die Grenze vereint uns, bietet den Kontakt mit der Diversität und unterschiedlichen Kulturen an.
Auf die Frage, welche die Gründe sind, um die Grenze zu überqueren, erwidert die Dame prompt: „Alles!“ Sei es ein Spaziergang, ein Eis essen, ein Bier trinken, kommt darauf n wo ich mich gerade wohl fühle und wonach mir ist. Als Frau fühle sie sich sicher entlang der Grenze, weil die Strecke durchgehend beleuchtet ist. Gorizia geht nur momentan durch eine Phase, in der sie darunter leidet, dass viele Geschäfte schließen und dass die Stadt im Vergleich zu Nova Gorica sehr stark altert. Nova Gorica verfüge über eine viel jüngere Generation und sei allgemein viel mehr der Zukunft zugewandt, währen Gorizia der Vergangenheit noch mehr Bedeutung beimisst.
Wenn gemeinsame Projekte gefördert werden würden, dann würden beide Städte davon profitieren. Beide Städte erhielten nicht viel Beachtung von ihren Regierungen. Das sei z.B. aus finanzieller Hinsicht ein Nachteil verglichen zu Förderungen für größere Städte wie Trieste. Also sei es umso wichtiger sich zusammenzuschließen. Insbesondere die Entwicklung der Infrastruktur sei davon betroffen, da man Fahrradwege und Straßen nun mal nicht nur bis zur Grenze planen könne. Chancen sehen das Paar besonders in der Unvoreingenommenheit der jüngeren Generation.
Ich Frage den Herrn nach seinem Namen. Er heißt Franco Perrazza und hat seine Frau Anna mitgebracht. Was für eine Überraschung!

 

Das Treffen mit Andreica, Franco und Anna war uns ein Vergnügen und entlastend. Wir sind von weiterbestehenden Ressentiments oder Desinteresse für den Nachbarn ausgegangen und wir bekommen Offenheit, den Wille zum Austausch und Interaktion. Zudem werden wir mit Themen aus der Vergangenheit konfrontiert, denen wir uns nicht bewusst waren. Zum Beispiel das Thema der Foibe-Massaker, das 2007 -also zum selben Jahr als Slowenien dem Schengenraum beigetreten ist- wieder in den italienisch-kroatischen Beziehungen wieder erwähnt worden sind. Das hat zu einer Verschlechterung der Beziehungen geführt, da man Italien “historischen Revisionismus und politischen Revanchismus” vorwarf. Slowenien hat 2002 Entschädigungszahlungen getätigt, dennoch scheint das Thema der Ressentiments also noch nicht vollkommen verdaut worden. Im Großen und Ganzen sieht es aber so aus als würden beide Städte sich immer mehr untereinander verweben wollen. Sehen wir mal, ob eine Einigung im konkreten Fall vom Transalpina Platz auch umsetzen lassen will.

Nach unserem langen Interview mit Franco und Anna regnet es draußen immernoch in Strömen.

Am Abend gehen wir mit Fabrizio in eine Weinbar auf der Burg, die eine Dame namens Arianna Bellan vor kurzem eröffnet hat. Sie ist Referentin für Urbanistik in Gorizia und ist insbesondere zuständig für den Transalpina-Platz. Wir bestellen ein Glas Wein und fragen sie bezüglich der Vorhaben an diesem Platz. Sie erwidert promt, dass der Platz noch ausführlich studiert werden muss und dass noch kein wettbewerb zu diesen Platz verlautet worden ist. der Platz soll wiederbelebt werden, aber es gäbe noch viele Hindernisse zu überwinden, unter anderem das Sammeln finanzieller Mittel, etc.

Im Großen und Ganzen schien sie nicht sonderlich bereit zu sein auf meine Fragen näher einzugehen. Es ist eben schon Abend. Dann zelebrieren wir eben nur den wunderbaren Wein. 🙂

 

 

 

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