GORIZIA UND NOVA GORICA – TRANSALPINA ODER EUROPA? – TEIL 1

QUINTO GIORNO / PETI DAN 24.05.2019

 

Teil1

 

Wie bereits angekündigt, erwartet uns heute eine Reihe von Interviews. Zunächst mit dem Gemeindearchitekten Diego Kuzmin, darauffolgend mit Personen, die wir bei der Architekturfakultät auffinden und zuallerletzt haben wir einen Termin mit einer Dame aus Nova Gorica ausmachen können.

Der Herr Kuzmin ist slowenischer Herkunft, ist aber in Gorizia aufgewachsen und hat in Venedig Architektur studiert. Er teilt uns mit, dass er sich sehr über dieses Treffen freut. Schon bald nachdem wir uns vorstellen, führt er uns über einen schmalen Gang in der Gemeinde zu einer Reihe von großen Plänen von Gorizia, die eingerahmt an der Wand hängen und schon legte er los – ohne, dass wir überhaupt eine Frage stellen.

Das Interview mit dem Experten hielten wir auf Italienisch und es dauerte sehr lange, daher fassen wir das Nötigste auf Deutsch zusammen:

Es seien die alliierten Siegermächte, die [nach dem Zweiten Weltkrieg] über die Grenzziehung entschieden haben. Die Stadt sei damals vollkommen zerstört worden. Gorizia sei nicht mehr das Zentrum der Gegend gewesen. Das hätte die Stadt fast noch mehr zerstört. Sie hätte ihre ganze Umgebung verloren. 4/5 der Gemeinde seien mit dem Friedensvertrag verloren gegangen. Somit seien auch 4/5 der Provinz der Stadt verloren gegangen. Die Gemeinde sei verheerendst geschrumpft.

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Eine Arbeit von Architekt Kuzmin über Nova Gorica

Herr Kuzmin reicht mir eine Broschüre mit Pläne, Diagramme und Daten zur Geschichte der Stadt. Inbegriffen waren vier Darstellungen verschiedener

Zeitpunkte Gorizias und seiner Bevölkerungsentwicklung als auch seiner Umgebung. Gorizia soll im Jahr ’48 über eine Bevölkerung von 330 000 Bewohnern verfügt haben, ’21 soll es zu einem Bevölkerungszuwachs geführt haben, wobei ’39 sich diese auf 200 000 reduzierte. Nach dem Krieg [2.Weltkrieg] lebten nur noch 122 000 Menschen in Gorizia. Man könne also sagen, dass sich die Gegend[gemeint ist die Bevölkerungszahl] radikal abgebaut hat.

Warum wurde Nova Gorica eigentlich genau an dieser Stelle gebaut?

Normalerweise hätte die Stadt südlich bei Šempeter pri Gorici (it. San Pietro) erbaut worden sein. Stattdessen hat man entschieden eine neue Stadt nach dem Vorbild Le Corbusiers gen Norden zu erbauen. Eine moderne Stadt, die den Sozialismus auf der anderen Seite [von Gorizia] erbaut werden soll. Das Ergebnis war ein politisches Manifest. Man hätte südlich bei Šempeter keine neue Stadt erstellen können, weil die Umstände in der Gegend es nicht zugelassen hätten. Der Bereich sei bereits bewohnt worden. [Zur Zeit der Entscheidung bestand ein großer Friedhof, wo heute Nova Gorica steht.] Man hätte festgestellt, dass der Boden im Norden sehr tonhaltig war. Als man hier Tote begraben hätte, sei der Boden zu wasserundurchdringlich gewesen und hätte die schnelle Zersetzung der Körper verhindert. Aus diesem Grund sei der Friedhof in den Süden transferiert worden.

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Nova Gorica Straßenplanung von Architekt Edvar Ravnikar

Der Architekt Edvar Radnikar aus Novo Mesto, der mit Le Corbusier gearbeitet hätte und somit den Geist der Moderne in den Stadtentwürfen einfließen ließe, sei im Anschluss dessen beauftragt worden. In Nova Gorica bestehe im Zentrum eine große Hauptstraße[gemeint ist die Delpinova ulica], bei der er sich von der Hauptstraße[Cours Mirabeau] in Aix-en-Provence habe inspiriert hat lassen. Die ökonomischen Ressourcen waren in Nova Gorica aber sehr limitiert, daher hat man die Bäume nie eingepflanzt. Außerdem habe der damalige “Minister” Herr Macek dem Architekten mitgeteilt, dass die Bäume überflüssig seien, da die Stadt bereits von grünen Waldhängen umgeben ist. Wenn jemand Bäume sehen wolle, dann solle er die Wälder Panovec in der Umgebung aufsuchen. Des Weiteren war es Ravnikars Absicht weitläufige Bereiche zum Spazierengehen, Parken, Verkehrsflächen(zu Fuß oder mit dem Auto) zu schaffen.

Ich spreche ihn auf den Transalpina Platz an.

2004 habe es eine Art “Zeremonie” an diesem Platz gegeben, um die Wiedervereinigung zu zelebrieren. Der Platz hieße auf italieneischer Seite Piazza Transalpina und auf slowenischer Seite Trg Evrope(Europaplatz). [Schließlich verläuft die Staatsgrenze mitten durch den Platz] Der Herr Kuzmin erklärt mir den historischen Zusammenhang zur Standortwahl des Bahnhofs:

Zunächst hätte man den Bahnhof im Zentrum der Stadt oder bei Šempeter errichten wollen. Österreichische Entscheidungsträger hätten sich aber für den aktuellen Standort entschieden, weil es im Norden der Stadt viel Raum zum Ausbau des Bahnhofs gegeben hätte. Es waren vor allem Slowenen, die eine Reihe von Gleise gelegt haben, um eben Waren [in diverse Richtungen in Europa] zu verteilen. Um welche Waren ging es? Jene die aus Triest(50km Distanz) weitertransportiert oder eingelagert wurden. Der Hafen von Triest sei für “die Österreicher” von enormer Bedeutung gewesen, da es der einzige Hafen des Kaiserreichs war. Der Hafen von Triest sei zu keinem Fortschritt gelangen, weil die “Meridionale” in Österreich Ende des 18.Jahrhunderts privatisiert worden sei, von der Familie Rothschild erworben worden sei und aus diesem Grund sehr teuer geworden sei, um Waren zu transportieren. Diese Unternehmung sei sehr schnell wieder aufgegeben worden. Es sei z.B. viel lohnenswerter Waren von Hamburg nach [Wien] zu transportieren gewesen, also habe “Österreich” sich entschieden eine neue Bahnstrecke zu erbauen, die der privaten Bahn Konkurrenz machen sollte. Im Zuge dessen seien alle Waren aus Trieste nach Österreich über Gorizia gegangen.. Sie hätten hier zwischengelagert werden und weiterverarbeitet werden können. Dies hätte zur wirtschaftlichen Entwicklung in der Region beitragen sollen. Man habe erwartet, dass der Bau der damals neuen Eisenbahnstrecke zu einer Verdoppelung der Bevölkerung führe. Mit dem Bau der neuen Strecke, kam es tatsächlich zu einem Bevölkerungszuwachs von 10 000 zu 30 000 Bewohnern. 1906 sei der Bahnhof eingeweiht worden, kurz darauf sei aber der Erste Weltkrieg ausgebrochen und die Nutzung dieser Bahn sei stillgelegt worden.

Diagramm
Diagramm

Ich frage ihn warum dieser Platz hauptsächlich als Parkplatz gebraucht wird.

Der Platz sei ja kein offener Raum. Die Blumenkästen [quer entlang der Staatsgrenze mitten durch den Platz] verhindern den Übergang mit dem Auto.

Warum besteht kein Drang diese Zäune und Blumenkästen zu entfernen?

Es bestehe eine alte “Mentalität”. Hier habe sich Ende des 18.Jahrhunderts ein bedeutender “ethnischer Hass” zwischen Slowenen und Italiener entwickelt. Beide Parteien hätten das Bedürfnis gehabt, Anderen überlegen zu sein. Zudem wolle keiner von beiden zugunsten des anderen etwas verlieren). Ein weiteres Beispiel: Trieste sei damals die größte “slowenische Stadt” gewesen – noch vor Lubijana. Beide Parteien seien sich gegenseitig zur Last gefallen. Reiche, Händler, Unternehmer etc. seien damals fast alle Italiener gewesen. Viele Slowenen hätten [zur Jahrhundertwende] langsam begonnen ihnen Konkurrenz zu machen. Dieser wirtschaftliche Faktor habe zur Verachtung der jeweilig anderen ethnischen Gruppe geführt. Diese Verachtung habe zu Weiteres geleitet. Es folgte der Faschismus. Die ganze Region solle zwangsitalianisiert werden. Dann kam noch hinzu, dass Italien im Ersten Weltkrieg 600 000 Soldaten verloren habe. Nur im eroberten Bereich seien es 300 000 gewesen. Von diesen 300 000 seien es 200 000 Slowenen und Kroaten  gewesen. Folglich seien nur sehr wenig Italiener in Folge dieses Krieges gefallen.[…] Die Italianisierung habe zur Folge gehabt, dass die Straßennamen, Häuser, Nachnamen, Städte, Dörfer etc. ungenannt worden seien [-auch in Gorizia und seiner Umgebung].

Die Erklärungen zu der Abneigung zum Nachbarn aus historischer Sicht beschreibt der Herr Kuzmin sehr lange. Offenbar sind jene Ressentiments aus dieser Zeit noch eine offene Wunde, welche für die Bewohner noch sehr präsent ist.

Unsere Schlussfolgerung aus diesem Gespräch:

Zwar hätte man die Mauer entfernt und den Durchgang über die Staatsgrenze hinweg eröffnet, trotzdem habe man die Grenzziehung weiterhin mit Blumenkästen und Zäunen ersetzt, damit jedem klar ist, wo sie ist und vielleicht auch um klarzustellen “bis hierher und nicht weiter”, “mehr ist nicht möglich”, “euer Spielraum geht bis hierher und nicht weiter, weil das unser Spielraum ist”. Eine gezielt und markant, ungleiche Stadtmorphologie reicht nicht um die Grenze klarzustellen. Bahngleise und Sicherheitsmaßnahme durch Zäune scheinen genauso wenig auszureichen. Die Blumenkästen und der Zaun machen aus beiden Nachbarstädten offenbar erst “gute Nachbarn”, weil man somit die Distanz bewahrt.

Beim Transalpinaplatz geht es vermutlich um eine politische Annäherung, die noch in den Kinderschuhen steckt und welche sich genau an diesem Platz wiederspiegelt.

Nach diesem sehr informativen Interview sind wir zur Università degli studi di Trieste gefahren, um uns mit jüngeren Personen, die in Gorizia leben, über den Transalpina Platz auszutauschen. Dabei treffen wir die Studentin, Beatrice aus Portoguaro, die Diplomatie und internationale Beziehungen in Gorizia studiert und dort lebt. Dadurch, dass das Interview auf Englisch geschieht, laden wir es hier hoch, damit ihr euch es anhören könnt.

Das Gespräch machte sehr schnell klar, dass Beatrice und vielleicht jüngere Gorizianer wenig Interesse für den Transalpina Platz zeigen und ihn folglich kaum nutzen. Der Grenzübergang, der tatsächlich von Belang ist, ist immer der, der mit dem Auto befahrbar ist und welcher eben zu den Clubs im hipperen Nova Gorica führt. Ein gewollter Austausch mit Slowenen findet nicht wirklich statt.

Wir unterhalten uns im Anschluss mit Veronica. Sie ist Architektin und betreut Architekturstudenten in der Fakultät. Sie lebt überraschenderweise den Austausch mit Slowenen ohne slowenische Wurzeln zu haben. Sie nutzt auch regelmäßig den Transalpina Platz, um dort einen Kaffee zu trinken oder um sich mit Freunden zu treffen. Sie sieht auch das Ausbaupotential an den Grenzpunkten.

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Interview mit Veronica

Mit diesen beiden Interviews wurden wir mit zwei diametral andersartig gestimmten jungen Menschen konfrontiert und tun uns schwer eine Schlussfolgerung zu finden. Vielleicht ist die Grenze, die Übergänge und die gemeinsamen öffentliche Räume ein Thema, das spaltet – auch innerhalb unterschiedlichster Generationen? Unterscheidet sich das soziale Umfeld vieler jüngerer Gorizianer so sehr, dass es zu diversen Wahrnehmungen des geteilten, öffentlichen Raums entlang der Grenze kommt?

Wir möchten dringend mit Bewohner Nova Goricas über dieses Thema reden, um aus diesem “Casino”(it. Durcheinander) einen Faden zu ziehen. Deswegen unterhalten wir uns mit Micha und Moinca. Sie haben keine Freunde auf italienischer Seite und haben auch kaum Gründe Slowenien zu verlassen. Den Transalpina Platz nutzen sie eigentlich nicht. Wenn sie dorthin kommen, dann meist nur, um den Bahnhof zu erreichen, damit sie eine Reise antreten können. Als wir sie fragen was sie an dem Platz verändern möchten, kam die Antwort unerwartet schnell: “Zuerst sollte man den Namen des Platzes ändern und zu einem Namen zusammenfassen”

Tatsächlich sieht es so aus als sei Wahrnehmung des Platzes noch davon beeinflusst, dass man sich offenbar noch nicht im Klaren ist, ob man eine Vereinigung will. Die duale Namensgebung ist wahrscheinlich in ihrer Übersetzung eine räumliche Trennung. Der Entschluss zu einem einzigen Namen für den Platz könnte tatsächlich ein weiterer Schritt zur Annäherung an den Nachbarn sein und könnte weitere Schritte zur Annäherung in allen Bereichen nach sich ziehen. Inkl. zu Beschlüssen zum Aus- und Umbau des Platzes. Aber will man das überhaupt? Nach dem Gespräch mit dem Herrn Kuzmin und mit jüngeren Slowenenen bzw. Italienern sind wir dessen nicht mehr so sicher.

Wir begeben uns erneut auf Entdeckungsreise und bewegen uns erneut Richtung Grenzraum und erkunden den nördlichen Abschnitt und suchen ihn nach informellen Wegen ab. Zwar besteht nördlich des Bahnhofs von Nova Goricas kein “Fahrradtunnel” mehr, allerdings ist dieser Bereich nicht sehr fahrradfreundlich ausgebaut. Es bestehen Schnellstraßen und Gewerbezonen, die einen potentiellen Grenzübergang unattraktiv für Fußgänger und Fahrradfahrer macht.

Betül und Carolina

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