GORIZIA UND NOVA GORICA – ERKUNDUNG DER ITALIENISCHEN STADT

TERZO GIORNO / TRETJI DAN 22.05.2019

 

Wir haben heute Glück. Es regnet heute nicht, also entschließen wir uns heute die italienische Stadt zu erkunden. Da wir gestern Abend erfahren, dass der Markt am Corso Verdi am Vormittag offen ist, wollen wir heute dorthin gehen. Auf dem Weg dorthin bemerken wir, dass die Stadt recht menschenleer ist. Liegt das nur am Wetter?

 

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Unsere Route

 

Die Markthalle ist sehr hoch. Nachdem man über eine Tür hineinkommt, gelangt man in einen langen Mittelgang. Es gibt noch zwei Seitengänge. Entlang dieser Gänge reihen sich auch schon die einzelnen, bunten Stände unterschiedlichster Art, unter anderen werden hier Blumen, Ost, Gemüse, Marmeladen, Honig verkauft. Die Geräuschkulisse ist mindestens genauso bunt wie es die einzelnen Stände sind. Man hört meist aber nur Italienisch. Eine ältere Verkäuferin mit Krücken hat mir dringend ihre Kirschen verkaufen wollen. Ich willige ein und frage woher die Kirschen seien. Sie seien aus ihrem Garten in Slowenien. Die Dame lebt also in Slowenien und kommt täglich nach Gorizia zum Markt, um hier ihr Obst zu verkaufen. Hätte sie mir nicht davon erzählt, hätte ich sie für eine Italienerin gehalten.

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Eine nette Marktverkäuferin
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Markt in Gorizia

 

 

 

 

 

 

 

 

Buntes Treiben in der Markthalle von Gorizia

 

Nach unserem Umweg zur Markthalle schlendern wir zu einem Café an der Piazza Vittoria, um einen Café zu trinken und bemerken, dass hinter uns eine Gruppe älterer, französischer Touristen miteinander diskutieren, was sie wohl als nächstes in Gorizia besuchen sollten. Wir setzen uns zu ihnen und kommen somit mit ihnen ins Gespräch. Pierre, Virginie, Guillemette, Claude und Dominique sind Ruheständler aus Montpellier(Südfrankreich) und lernen Italienisch in Frankreich. Sie sind mit dem Bus bis nach Grado gefahren. Dort nächtigen sie auch für eine Woche und bereisen jeden Tag eine andere Stadt im Umland von Grado. Die Reise wurde von einem Unternehmen organisiert. Das Programm ist also sehr streng vorgegeben. Sobald sie aber in einer Stadt angekommen sind, können sie selber entscheiden was sie besuchen möchten. Heute steht Gorizia auf dem Programm. Sie besuchten vor allem Kirchen, die Burg und den Transalpina Platz. Auf Anfrage warum sie Gorizia interessiert, antworteten sie, dass die Stadt eine sehr turbulente Geschichte hat und sie mehr davon erfahren wollen. Nach Nova Gorica seien sie aber nicht gegangen. Das hat zweierlei Gründe. Erstens seien sie nicht durch das Reiseunternehmen versichert, wenn sie nicht in Italien blieben und Nova Gorica sei sowieso nicht so ansehnlich, da es dort keine wahre Altstadt gäbe. Gorizia sei deutlich attraktiver.

Das Gespräch mit der französischen Reisegruppe war insofern für uns hilfreich, da wir somit die Perspektive auf einen Außenstehenden verlagern. Ein Tourist nimmt die Stadt, aber auch die Grenze anders war, genauso wie er sie auch anders nutzt. Diese Gruppe war bis jetzt die einzigen Personen, die offenbar den Transalpina Platz besuchen. Und ich sage ganz bewusst besuchen, nicht nutzen, da das Betreten dieses Raumes sehr kurzweilig, möglicherweise nur einmalig geschieht. Desweiteren wird klar, dass sie die Grenze auch als ihre Besuchergrenze wahrnehmen. Es besteht die Devise: Bis hier dürfen und wollen wir die Stadt entdecken und nicht weiter! Die gedankliche Grenze besteht also weiterhin – zumindest für Pierre, Virginie, Guillemette, Claude und Dominique.

Wir verabschieden uns von der sehr freundlichen Reisegruppe, die sich ebenfalls sehr über das Gespräch gefreut hat. Nun beginnen wir unsere langersehnte Tour durch die residentiellen Viertel von Gorizia. Wir hielten diese Tour für sehr wichtig, um zu verstehen, wer in Gorizia lebt und welche ihre alltägliche Umgebung ist, wenn Gorizianer nicht gerade im Zentrum der Stadt sind. Die verändernde Stadtmorphologie der Peripherie hätte Aufschluss geben können, was die Bewohner dieser Viertel brauchen und wo sie in Konsequenz dazu hingehen müssen.

Wege haben wir dabei nur zufällig eingeschlagen. Wir sind um den Parco del Municipio am Theater vorbei zum Corso Verdi geschlendert. Anschließend sind wir in die Giardini publici gegangen, wo viele Familien und Kinder fröhlich spielen. Wir gehen weiter in Richtung des Palazzo Coronini Cronbergs, welcher ein sehr großer Park ist, der wie ein botanischer Garten auf englischer Art aussieht. Die Gegend hier wirkt sehr wohlhabend, wenn nicht sogar nobel, aufgrund der sehr alten und ausladenden Villen, die möglicherweise auf das 19.Jahrhundert zurückgehen. Von hier aus zielen wir den Fluss Isonzo ab und kommen in eine Gegend namens Straccis, wo Einfamilienhäuser mit Gärten die Gegend prägen. Hier wird auch kein Hochitalienisch mehr gesprochen, sondern Friaulisch, welches selbst für jeden Nicht-Friauler absolut unverständlich ist. In dieser Gegend findet man vereinzelt Geschäfte und Dienstleister, wie eine Bäckerei, ein Restaurant, eine Bar und Friseursalons. Zum Einkaufen müssen die Bewohner dieses Viertels aber in die Stadt oder zu geballten Einkaufszentren fahren. Die Bebauung ist weniger dicht. Zudem ist die Gegend grüner, da fast jede Straße über Linden- und Platanenalleen verfügt.

Wir gelangen auf eine Brücke und überqueren den Isonzo. Die Vegetation übernimmt hier die Oberhand. Trauerweiden, Pappeln, Kiefern, ahornblättrige Platanen etc. umranden oder hängen über den türkisblauen Fluss. Ein Damm in der Nähe sorgt im Einklang mit dem lauten Vogelgezwitscher für die Geräuschkulisse. Die steilen Berghänge sind abwechselnd benetzt von grauen Felsbrocken und grünen Büschen. Ein paar Spaziergänger kommen uns entgegen. Die Tour geht hinter dem Isonzo weiter. Hier ist die Gegend sehr ländlich. Die Häuser haben meist Gärten mit eigenen Anbau von diversen Kräutern, Gemüse, Obst und Wein, Sie ziehen sich entlang einer stark befahrenen Straße, die wir entlang laufen, bis wir zur nächsten Brücke zurück nach Gorizia gelangen. Neben dieser Brücke befindet sich ein sehr großer Park mit Blick auf den Fluss und auf die Berge, der aber heute offenbar nicht genutzt wird. Wieder zurück auf der anderen Seite des Isonzos treffen wir auf ein Denkmal, das die Isonzoschlachten des Ersten Weltkriegs andenkt. Wenn wir weiter entlang der Via Don Bosco laufen, kommen wir wieder in die sehr noble Gegend, die wir zuvor besucht haben. Von hier aus zielen wir die Grenze ab und spazieren über das Zentrum Gorizias zur Via del Rafut. Hier soll auch ein weiterer wichtiger Grenzübergang sein.

Auf dem weg treffen wir eine slowenische Skaterin, die entlang der Grenze damit fahren will. Sie will nicht aufgenommen werden. Aber wir dürfen sie bis zur Grenze begleiten. Es ist bereits dunkel. Sie fährt hin und wieder zum Spaß zur Grenze, um dort Fahrrad zu fahren und um dort zu skaten, eher weniger um Leute zu treffen. nun sind wir am Grenzpunkt angekommen. Die Eisenbahnschienen markieren den Grenzübergang. Rechts und links davon erstreckt sich parallel zu den Schienen ein langer Fahrradweg, der zu den Gleisen hin durch einen Zaun geschützt ist. Die Skaterin verabschiedet sich und fährt los. An dieser Stelle spielt sich eine sehr bewegende Szene ab. Ein jugendlicher Fahrradfahrer fuhr zuvor Richtung Grenze, wo er sich mit einem Mädchen getroffen hat, die aber von der anderen Richtung, also aus Slowenien kam, Es wurde deutlich, dass es sich dabei um ein Liebespaar beider Länder handelte, das sich an der Grenze getroffen hatte. Wir sprechen sie darauf an. Sie wollen kein Interview. Es wurde aber klar mitgeteilt, dass sie Slowenin und er Italiener ist.

Wir laufen die Grenze  bzw. den Fahrradweg weiter entlang. Im Dunkeln gibt es leider nur wenig zu sehen. Die Beleuchtung des Weges macht den Weg sehr sicher. Selbst jetzt fahren hier noch Fahrradfahrer, Skater, Jogger, … Wir laufen vom Norden gen Süden und sehen, dass der Zaun noch als Schutz vor der Eisenbahn erbaut worden ist. Westlich davon sind Felder und Waldstücke, die man frei betreten könnte. Sobald man sich aber dem Grenzübergang Casa Rossa näherte, wurde auch ein Zaun auf der anderen Seite des Fahrradweges aufgestellt. Dies verhindert die Nutzung des Grenzübergangs der Casa Rossa und der Fahrradweg wird nur noch als Tunnel wahrgenommen. Wir laufen noch lange weiter bis wir eine Joggerin treffen, die uns davor gewarnt hatte, dass der Weg nun noch sehr lange weiterginge. Wir entscheiden uns umzukehren und bei der Casa Rossa über den Zaun zu steigen, um den Weg ins Zentrum Gorizias zu verkürzen. Somit können wir endlich über den Tunnel unter der Burg zur Piazza Vittoria gelangen und nach Hause laufen.

Dieser Rundgang war von extremer Wichtigkeit, um Gorizia besser zu verstehen. Man sieht, dass einzelne je Viertel in Gorizia offenbar eine eigene Gesellschaft darstellt. Die Villen im Norden und jene um den Transalpina Platz stellen eine Gegenwelt zum fiaulischen Viertel Straccis/Piedimonte dar. Letztere Viertel scheinen weitestgehend selbstständig zu funktionieren. Den Fahrradweg haben wir, wie am Flughafen, als internationale Zone wahrgenommen, da die Nutzer sowohl als auch Italienisch und Slowenisch gesprochen haben und die Kanalisierung des Fahrradwegs den Übergang in beide Richtungen stark reguliert. Daher kann man entlang der Grenze auch keine informelle Wege finden. Wer seinen Weg zur anderen Stadt verkürzen möchte, muss eben heute noch über den Zaun springen 😉

 

 

Grenzübergang Via del Rafut- Tagesszene /Nachtszene- Fahrradfahrer und Liebespaar

 

Viele Grüße aus Gorizia,

 

Betül und Carolina

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