GORIZIA UND NOVA GORICA – ERKUNDUNG DER GRENZE UND DER SLOWENISCHEN STADT

QUARTO GIORNO / ČETRTI DAN 23.05.2019

 

Guten Morgen Gorizia! Als Betül die Fenster öffnet, durchfluten Sonnenstrahlen unser Zimmer. Ein perfektes Fahrradwetter! Am Dienstag haben wir bereits berichtet, dass wir die Weinbarbesitzerin Arianna Bellan getroffen haben. Sie hat uns von einem Wochenmarkt erzählt, der vormittags abwechselnd im Zentrum Gorizias und am Grenzposten Casa Rossa stattfindet. Heute ist er am Grenzübergang. Was für ein Glück, dass wir diese Woche ausgewählt haben!

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Unsere Route am vierten Tag

Wir müssen uns beeilen, denn die Wochenmärkte schließen früh. Nach dem Frühstück brechen wir auf und sehen, dass der immense Parkplatz vor dem Grenzübergang, der sowieso immer leer stand, als Verkaufsfläche für v.a. Kleidungsstände dient. Vereinzelt werden hier auch Terra Cotta Blumentöpfe, Küchengeräte, Taschen und Schuhe veräußert. Wir waren etwas überrascht, denn wir haben mit Lebensmittel gerechnet. Dabei gab es nur noch einen Stand, wo friaulische Spezialitäten verkauft wurden. Wir unterhalten uns mit dem Verkäufer dieses Stands.

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Markt Casa Rossa
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Markt Casa Rossa

 

 

 

 

 

 

Carlo verkauft in diversen Städten im Fiaul bzw. Julisch-Venetien. Der Standort an der Casa Rossa soll aber ein ganz besonderer sein. Es seien hauptsächlich Slowenen, die regelmäßig zu diesem Markt pendeln. Daher sei es von Vorteil, wenn man als Verkäufer auch Slowenisch spricht. Er spricht nur so viel Slowenisch wie es nötig ist, um seine Waren verkaufen zu können. Die Verkäufer am Markt aber seien alle Bewohner Italiens. Solche “Märkte für Slowenen und Kroaten” habe es auch in Triest gegeben. Wir fragen ihn woran das läge. “Aus Gewohnheit”, hieß es. Als die Grenze noch harscher war, waren viele Waren auf slowenischer Seite begrenzt und die Verteilung von Lebensmittel sehr reglementiert. Besonders Kleidung war rar, daher profitierten viele Bewohner Nova Goricas von ihrer Grenzsituation und fuhren mit großen Wägen nach Gorizia, um sich hier mit diversen Produkten zu versorgen. Zwar verfügt Nova Gorica heute über sehr große Shopping Malls und Geschäfte, allerdings hätten Viele diese Gewohnheit beibehalten. Italiener kämen eher seltener, da sie wohlhabender seien als Slowenen.

Die Grenzüberquerung aus Gewohnheit klingt logisch, weil die Grenze erst 2004 eröffnet wurde. Dieses Ereignis ist schließlich erst 15 Jahre her. Zudem haben wir am ersten Tag unserer Reise und im Laufe des Tages in Nova Gorica grob die Preise mit Gorizia verglichen und festgestellt, dass die Preise in Nova Gorica allgemein niedriger sind, wobei das durchschnittliche Einkommen in Nova Gorica eben auch deutlich niedriger ausfällt als auf italienischer Seite. Die Produkte auf diesem Markt sind tatsächlich sehr günstig und daher sicher sehr begehrenswert für jene mit einem kleinen Geldbeutel, aber gleichzeitig nicht sehr attraktiv für jene, die mehr Qualität erwarten oder gewohnt sind.

Wir laufen weiter über die Grenze und erinnern uns an gestern. Der Grenzübergang Casa Rossa(it.)/ Rozna Dolina(slow.) ist zwar überschreitbar, allerdings ist es hier absolut unmöglich zu diesem Fahrradweg entlang der Grenze zu kommen. Einerseits, weil dieser Fahrradweg umzäunt ist, andererseits weil der Übergang hier unter dem Fahrradweg über einen Tunnel verläuft. Uns fiel gestern auch auf, dass es zu Grenzkontrollen kam. Die Polizisten fragten nach dem Ausweis und kontrollierten die Kofferräume – ausnahmslos von jeden passierenden Autofahrer.

Auf slowenischer Seite entdecken wir zunächst ein paar Restaurants und mehrere, weitflächige Supermarktketten. Es sind ein paar Personen auf Bänken aufzufinden, die aber nicht interviewt werden wollen. Wir suchen nach einem Weg zum Fahrradweg und versuchen möglichst nah an der Grenze nördlich einen Zugang dazu zu finden. Der Weg dahin ist lang und sehr beschwerlich unter der starken Sonneneinstrahlung. Es gelingt uns trotzdem. Der Zugang könnte als ein informeller Weg quer zur Staatsgrenze interpretiert werden, da der Weg einen Loop zur italienischen Seite macht und auf italienischen Seite komplett offen ist. Prinzipiell könnte man über die Felder zu einer Straße gelangen. An dieser Stelle besteht kein Grenzschild. Den Weg erleben wir also auch weiterhin als eine internationale Zone bzw. infrastrukturellen Verteiler. Wie die Pufferzone, jener Überlappungsraum, den man gerne teilt. Die Infrastruktur ist eindeutig ein Bereich in dem beide Städte, seit der Widervereinigung zusammenarbeiten mussten, eine Lösung gefunden haben und sich ansatzweise, miteinander verbunden haben. Wir sagen bewusst nicht vernetzen, da es zunächst einmal nur vier offizielle Übergänge gibt und weil die Richtungen zu den Zielen der Nutzer sich erst nach den Ausgängen des “Fahrradkanals” ergeben. Ein Netz besteht schließlich aus verknüpften Schnüren. Momentan sieht es aber eher so aus, als ob die Schnüre als Hauptachse die Überquerung hat und dass aber auch an der Stelle der Knoten immer dicker wird, weil daran alle Fäden angebunden werden. So gesehen, kann man diese vier Übergänge als Zentren verstehen. Nur, dass sie nicht als Zentren wahrgenommen und genutzt werden, weil sie eben nicht als Platz konzipiert worden sind.

Auf dem Fahrradweg angekommen, merken wir, dass viele diesen Weg wie am Abend nutzen, um Fahrrad, Skateboard, etc. zu fahren. Wohin sie am Ende hinfahren oder woher sie kommen ist hier nicht klar. Wir können auch niemanden zum Anhalten bewegen. Wir gelangen zum Grenzübergang Via del Rafut, jenen Grenzübergang, den wir zuvor am Abend besucht haben. Wir verweilen eine Stunde. Es überquert offenbar niemand die Grenze zu dieser Tageszeit(14h). Oder eigentlich nie, außer am Abend?

Nördlich dieses Übergangs entdecken wir einen Tunnel durch den man fahren kann. Noch vor dem Tunnel, sieht man eine Brücke, die über die Gleise bzw. die Grenze führt. Auf slowenischer Seite steht eine Schranke noch da, die allerdings den Weg zur Brücke nicht mehr versperrt. Wir bewegen uns fort durch den Tunnel und kommen circa beim Grenzübergang San Gabrielle wieder raus. Von dort aus marschieren wir in das Zentrum Nova Goricas und holen beim Info Point zwei Fahrräder ab mit denen wir die Stadt erkunden werden. Das Fahrradfahren in Nova Gorica ist sehr angenehm, da fast überall Fahrradwege parallel zu den Straßen verlaufen. Wir wollen die Supermärkte und die größeren Shoppin Center ausfindig machen, die Andreica ein paar Tage zuvor erwähnt hatte, da sie dort gerne einkaufen geht. Es herrscht viel Verkehr in dieser Stadt und er ist sehr laut. Die Shopping Center befinden sich hauptsächlich in der Peripherie und bilden eine Ansammlung mehrerer Geschäfte an einem Verkehrsknotenpunkt, wie z.B. das Qlandia im Süden der Stadt und weitere mit demselben Charakter östlich der Stadt, wo wir nicht einmal mit dem Fahrrad hinfahren können, da es dorthin nur Schnellstraßen gibt. Allgemein sind diese Shopping Center zu Fuß oder mit dem Fahrrad schwer bis gar nicht erreichbar. Wir nehmen also an, dass viele Bewohner beider Städte über ein Auto verfügen. Auf slowenischer Seite ist es fast notwendig. Die Bebauung ist hier sehr hoch. Ein paar Wohnblöcke verfügen bis zu 12 Stockwerke. Jedes Wohnhaus wurde mit einer anderen Farbe angestrichen. Besonders auffallend ist die Reihung der bunten Wohnblöcke an der

Nachdem wir bei allen wichtigen Einkaufsstandorten vorbeigefahren sind, wollen wir wieder die Grenze entlang fahren. Wir sind auf der Suche nach informellen Überquerungen südlich des Übergangs Casa Rossa und kommen bis zur Ortschaft Šempeter pri Gorici. Wir finden keine. Der “Fahrradtunnel” macht es schier unmöglich. Aus diesem Grund entscheiden wir uns nach Gorizia zurückzufahren und die Università di Trieste Polo Universitario di Gorizia aufzusuchen, um mit ein paar Studenten über ihre Auffassung der Grenze zu verstehen.

Leider waren die Lehrveranstaltungen schon vorbei. Einige Studenten teilen uns mit, dass es sich morgen mehr lohnen würde, weil morgen früh mehr Studenten und Betreuer bereitwilliger für ein Gespräch seien.

Morgen früh erwarten uns also eine Reihe von Interviews. Die Experten Marco Acri und Rene Rusjan haben uns leider abgesagt. Allerdings haben sie uns in Kontakt gesetzt mit dem slowenisch-italienischen Gemeindearchitekten Diego Kuzmin, den wir über die Grenzübergänge, gemeinsame Projekte an der Grenze und seine Auffasung des öffentlichen Raums befragen möchten. Wir haben uns im Laufe des Tages auch die Frage gestellt: Ist dieser Fahrradweg eine infrastrukturelle Kollaboration beider Städte, um einen gemeinsamen öffentlichen Raum zu schaffen oder ist er als Mauerersatz zu verstehen? Schließlich wurde die Mauer am Transalpina Platz auch durch Blumenkästen und Zäune ersetzt. Kann es sein, dass diese materielle Trennung durch Zäune, Gleise und Blumenkästen gewollt ist? Gespräche mit den Studenten und Lehrende stehen morgen auf dem Tagesprogramm. Dort möchten wir Antworten zu diesem Thema finden – so pikant jene Fragen und Antworten auch klingen mögen.

Zudem sind wir heute auf der Suche nach informellen Wegen im Süden beider Städte gewesen. Morgen möchten wir die nördliche Grenze nochmal absuchen.

 

Bis morgen und viele Grüße aus Gorizia,

 

Betül und Carolina

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