Wort des Tages: Gentrifizierung

Heute steht uns ein voller Tag bevor.

Schon im Vorfeld haben wir Gespräche mit Architekt Dr. Cristian Blidariu, Senior Lecturer an der Fakultät für Architektur der Polytechnischen Universität in Temeswar, geführt. Er hat uns vorgeschlagen, zu einem Vortrag von Joar Nango zu kommen, damit er uns anschließend einige Frage zum öffentlichen Raum in Temeswar beantworten kann.

Der Vortrag von Joar Nango, einem Angehörigen des nordischen Eingeborenenvolkes der Samen (landläufig Lappen), dessen Arbeit von der Umfunktionierung westlicher kommerzieller Produkte durch Eingeborene handelt. Er plant, in den nächsten Monaten im Rahmen des Kunstfestivals “Art Encounter” manche seiner Arbeiten als Kunst im öffentlichen Raum auszustellen. Zunächst wollte er einen Dachboden in Cetate gemeinsam mit einem Roma-Künstler aus Transsilvanien umbauen, doch die Vielzahl der Interessen und lokalen Vorhaben verhinderte dies. Jetzt ist er auf der Suche nach einem passenden Ausstellungsort. Nach seinem Vortrag kommen wir ins Gespräch und empfehlen ihm, den Trajansplatz noch einmal genauer anzuschauen, da dieser fernab der umkämpften Innenstadtbereiche liegt und förmlich nach einer Belebung des öffentlichen Raumes schreit.

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Joar Nango beim Präsentieren

Hier treffen außerdem – wie vereinbart – mit Cristian Blidariu zusammen. Wir spazieren gemeinsam durch den Stadtteil, gehen in ein Café und führen ein ausführliches Gespräch. Wir können ihm in aller Offenheit Fragen stellen, auf alles antwortet er mit Begeisterung. Seine Antworten werfen außerdem ein neues Licht auf vieler der von uns bisher aufgegriffenen Themen und wir erlangen ein neues Verständnis verschiedener Zusammenhänge. Er berichtet von den für den urbanen Raum teils katastrophalen Maßnahmen für den öffentlichen Raum seitens der städtischen Administration und verweist dabei auch auf die Guerilla-Initiativen der AktivistInnegruppe A. U. (Actiunea Urbana). Auf die Frage, warum diese Maßnahmen nicht früher oder später politische Umwälzungen nach sich ziehen, antwortet er, dass die Menschen oft aufgrund der politischen Geschichte des Landes kein ausreichendes Bewusstsein für den öffentlichen Raum als Lebensraum hätten und es außerdem an Alternativen mangle. Der Freiheitsplatz in Cetate habe ursprünglich die Funktionen eines Verweilraumes für Menschen aus dem Stadtteil sowie eines Durchzugsraumes für die restlichen Menschen der Stadt gehabt. Nach der Neugestaltung sei der Platz immer noch ein Durchzugsraum, jedoch könne er nicht mehr als Lebensraum für die lokale Bevölkerung fungieren. In Verbindung mit dem Trajansplatz taucht nun zum ersten Mal der Begriff “Gentrifizierung” auf. Blidariu meint jedoch, dass die in anderen Städten der Welt beobachteten Probleme (die Verdrängung der finanziell schwächeren lokalen Bevölkerung) in Temeswar weniger ein Problem darstelle, da sich die Wohnhäuser größtenteils im Eigentum der Bewohnenden befänden. Spontan vermittelt er uns an Vladimir Obradovici, Mitarbeiter eines Architekturbüros in Fabric. In einer Stunden sollen wir ihn dort treffen.

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Mathias im Gespräch mit Cristian Blidariu

Bald bemerken wir allerdings, dass wir uns verplaudert haben. Bevor wir uns nach Fabric begeben können, benötigen wir dringend eine Stärkung. Wir beschließen, in “Omas Haus” zu Mittag zu essen, haben allerdings nur sehr wenig Zeit. Das Essen lässt viel zu lang auf sich warten, wir müssen den Termin um eine Viertelstunde verschieben. Die Goulashsuppe müssen wir runterstürzen und zum Taxi laufen. Eine Viertelstunde später kommen wir am Trajansplatz an. Unser Gesprächspartner wartet bereits auf uns.

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Goulash-Suppe in Omas Laden

Seit Vladimir Obradovici, Mitarbeiter des lokalen Planungsbüros CEVA Patrimoniu für Landschaftsarchitektur und Denkmalpflege, am Trajansplatz arbeitet, hat er die Gelegenheit, diesen tagtäglich zu beobachten und ein Verständnis für die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zu entwickeln. Er erzählt uns, dass der Trajansplatz rasant an Lebendigkeit gewann, als er als Ausweichquartier während der Renovierung des nahegelegenen Badea-Cartan-Marktes dienen musste. Nach der Fertigstellung der Arbeiten kehrte er zu seinem ursprünglichen Zustand zurück. Seiner Meinung nach könne der Platz den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung nicht gerecht werden, er biete ihnen nichts. Das zeige sich daran, dass Kinder mit lockeren Pflastersteinen spielten – in Ermangelung anderer Angebote. Früher sei der Platz für ihn selbst kein Attraktor gewesen. Seit sich jedoch sein Arbeitsplatz hier befindet, habe er begonnen, manche der Angebote der Umgebung (z. B. manche der Lokale und besseren Geschäfte) zu nutzen. Auch er sieht im langsamen Auftauchen besserer Geschäfte erste Anzeichen von Gentrifizierung. Über ihn können wir Kontakt zum serbischen Priester der hier gelegenen orthodoxen Kirche herstellen, morgen sollen wir uns erneut bei ihm melden.

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Vladimirs Hund wollte auch etwas beitragen.

Wir haben bis zum nächsten Termin ein wenig Zeit und schauen uns einen neu eröffneten “Taproom” am Platz an, in welchem Craft Beer ausgeschenkt wird. Wir kommen mit dem Besitzer, Alexandru Bernaz, ins Gespräch. Hier gibt es für das Thema Gentrifizierung gar kein Verständnis. Der Besitzer meint, dass diese Entwicklung unaufhaltsam sei, sowieso früher oder später käme und ihm das Thema nicht besonders wichtig sei. Darüber hinaus sei in seinem Fall die Wahl des Standortes fast egal gewesen, da er mittlerweile einen festen Kundenstock habe und ihm dieser folge. Auf unsere Frage, ob er selbst in die Mall ziehen würde, antwortet er, dass er dort sicher nicht hinwolle, da er die Menschen dort nicht möge, ein Besuch des Einkaufszentrums viel zu viel Zeit in Anspruch nehme und er die Atmosphäre erschöpfend finde. Zu guter Letzt meint er, mittlerweile aber doch eine Verbindung zum Trajansplatz aufgebaut zu haben.

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Der Taproom-Besitzer von hinten: Es gibt neues Bier.

Um 18 Uhr findet unser letztes Treffen für heute statt. Architekt Sergiu Ioan Sabau arbeitet für die NGO “Tur de Arhitectura“, eine Gruppe von ArchitektInnen, die Führungen für BewohnerInnen der Statd organisieren. Er macht regelmäßig Führungen durch Cetate und erklärte sich bereit, mit uns vom Trajansplatz quer durch die Stadt bis zum Freiheitsplatz zu spazieren. Zunächst bleiben wir noch am Trajansplatz, wir gehen erneut in die Bar, holen dort Bier und plaudern noch etwa eine Dreiviertelstunde über die gegenwärtigen Entwicklungen im öffentlichen Raum. Auch Sabau gegenüber können wir mit großer Offenheit alle relevanten Themen ansprechen, er antwortet gerne schonungslos. Er schenkt uns insgesamt mehr als zwei Stunden Zeit. Er liefert uns Einblicke in die Wohnverhältnisse von Fabric sowie zur Rolle der Verwaltung. Darüber hinaus macht der auf die Prioritäten der Restaurierung und Denkmalpflege aufmerksam, welche in Fabric trotz ähnlicher Bausubstanz andere als in Cetate seien. Wir bitten ihn um soziodemographische Daten zur Stadt, er empfiehlt uns die Kontaktaufnahme mit einem Temeswarer Soziologen. Drei Gesprächspartner von heute bringen uns drei Kontakte für morgen. Kann denn das so weiter gehen? Obwohl sich seine Tour nicht bis nach Fabric erstreckt, wird überlegt, in Zukunft eine weitere für diesen Stadtteil anzubieten. Der Architekt kann sich vorstellen, dass sich Fabric in nächster Zeit verändern wird…z. B. aufgrund von Gentrification.

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Mathias interviewt voller Elan Sergiu Sabau.

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