Ein Tag im albanischen Hollywood

Erneut wurde die Mittagszeit genützt, um die Ergebnisse zu Verarbeiten und bevorstehende Treffen zu organisieren, der Blog wurde geschrieben und Inhalt für unseren Instagram Kanal erstellt. Spätnachmittags haben wir einen Stadtspaziergang mit Eneida und Mirjana durch Kinostudio, einem Stadtteil drei Kilometer nordöstlich des Zentrums ausgemacht. Dieser ist bekannt durch die ansässige Filmproduktionsgesellschaft, welche im Besitz des albanischen Staats war. In ihrer Glanzzeit während der 1970er und 80er Jahren produzierte sie bis zu 14 Filme pro Jahr. Der Charakter Kinostudios spiegelt sich auch durch die Firmensitze verschiedener Fernsehsender, Radiosender, Medienunternehmen und Kunstschulen für Film und Multimedia wieder. Auch das Kulturministerium ist hier ansässig.

Im einzigen Park Kinostudios breiteten wir wieder unseren Urban Carpet aus. Das hiesige Publikum, dominiert durch spielende Kinder und auch (Brett)spielenden Menschen der Generation +60, war zwar nicht unsere Zielgruppe, dennoch konnten wir aber mit ein paar jugendlichen über öffentlichen Raum reden. Generell war die Stimmung in der Bevölkerung ganz anders als in unserem Besuch von Kombinat. Wird auch wohl der Tageszeit geschuldet sein, so sind wir bereits um zehn Uhr vormittags nach Kombinat aufgebrochen, doch der Kinostudio Besuch begann erst um sechs Uhr abends. Viel mehr Menschen waren draußen auf der Straße und deutlich mehr Kinder. Während der Teppichmethode wurden wir umzingelt von einer Gruppe von ca. zehn jungen Burschen, alle um die zehn Jahre alt. Sie protzten durch Schimpfwörter mit ihren Englischkenntnissen und fragten uns viele Dinge, die wir geschuldet durch sprachliche Differenzen nicht verstanden. Zum Glück vielleicht. Sie belagerten uns quasi, fassten uns am Arm und so wurden wir auch Opfer einer Attacke durch einen hernsausenden Fußball. Sie verfolgten uns durch den ganzen Park. Wir ergriffen die Flucht.

Wir eilten ins nächste Viertel, welches durch kommunistische Plattenbauten geprägt war. Einzelne Stockwerke oder Wohneinheiten wurden renoviert und hatten eine Dämmung auf der Fassade, andere Teile des Blocks blieben kahl. Der Städtebau zur kommunistischen Zeit Albaniens sah eine Blockrandbebauung mit Innenhof vor. Er existiert doch, der öffentliche Raum am Stadtrand. Zwar bietet dieser kein hochqualitatives Design oder ist nicht selten durch das KFZ verstellt, aber er wird genutzt, hauptsächlich durch Kinder, Jugendlichen die es sich noch nicht leisten können in Bars und Cafés abzuhängen und älteren Frauen (ihr männliches Pendant befindet sich wahrscheinlich zurzeit im nächstgelegenen Café).

Der Kälte und einbrechender Dunkelheit geschuldet machten wir uns wieder auf den Weg von Kinostudio nach Kino, einer hippe Bar in einer ehemaligen Villa im nicht weniger hippen Stadtteil Blloku. Das Bier ist mit umgerechnet drei Euro für albanische Verhältnisse richtig teuer, doch der Schuppen ist voll. Mit Eneida und Mirjana ließen wir den Stadtspaziergang Revue passieren. Sie klärten uns auf, dass die jungen Albaner*innen auch ihr letztes Geld im Monat für ein Getränk in den angesagtesten Bars ausgeben. Um zu sehen und gesehen werden. Eine längere Abstinenz gleich einem Gesichtsverlust. Man muss zeigen wer man ist.

Gëzuar und bis morgen,

Euer Tirana Team

Schreibe deinen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*
*