Die Achse der Zerstörung. Turbowachstum vor Siedlungspolitik

Eines der wohl interessantesten Projekte im Öffentlichen Raum Tiranas hatten wir bis dato noch nicht besucht: den neuen Boulevard, bulevardi i ri genannt. Genau genommen ist dieser die Verlängerung der zentralen Achse Tiranas nach Norden hin bis zum Fluss Lumi. Hier geschieht wohl zurzeit eine der großflächigsten baulichen Entwicklungen in Albaniens Hauptstadt, durchaus auch brisant, geht es wie so oft um die Beseitigung von illegalem Wohnbau. Aber auch der Zugverkehr Albaniens hat mit dem Projekt sein vorzeitiges Ende endgültig gefunden.

Für den Besuch des Areals konnten wir wieder einmal auf lokale Unterstützung hoffen, so wollte uns Nebih, den wir bereits in Logu kennengelernt hatten, den Bereich unbedingt zeigen. Wir sagen gerne ja! Wir trafen uns in der Nähe des Skanderbeg Platzes und spazierten zuerst den schon länger bestehenden Bereich unmittelbar nördlich des Hautplatzes Tiranas hinauf. Hier wechselten sich noch Gebäude der kommunistischen Zeit mit farbloser 1990iger Jahre Architektur ab, hier und da fand sich ein Regierungsgebäude wieder, das auf die vielen umhergehenden Passant*innen schaute. Unmittelbar am 2. Ring hört diese Struktur auf und die schnurgerade, perfekt ausgebaute Achse zeigt nach Norden. Nur die Gebäude und die Menschen fehlen. Nach ein paar Schritten entlang der mit 4 Spuren, 2 Busspuren, 2 Fahrradwegen, 2 Erschließungsstraßen und einer möglichen Straßenbahnspur ausgestatteten Achse wissen wir auch, was hier komisch ist. Die Bebauung entlang der Straße ist entweder im Begriff abgerissen zu werden, befindet sich in einem desolaten Zustand oder zeichnet sich durch eine besonders ungeschickte Platzierung entlang der Straße aus. Oder platziert sich die Straße ungeschickt an die Gebäude? Die meisten der hier Siedelnden sind wohl Angehörige der Roma, so erzählt es uns Nebih. Und deren Behausungen entstanden zuhauf informell. Viele der Gebäude scheinen zum heutigen Zeitpunkt bereits abgerissen, hier und da können wir dennoch hinter den Bauzäunen auf einstöckige Gebäude hinabblicken, das Straßenniveau wurde wohl angehoben. Doch eine andere Frage: war hier nicht der Bahnhof? Bis 2014 konnte man hier noch Gleise finden, Züge fuhren da schon längst nichtmehr, aber irgendwie an dieser Stelle verlief die Trasse der ehemaligen Eisenbahn Albaniens, eine ausgestellte Lokomotive ist die einzige Erinnerung an vergangene Zeiten. Doch nun weiter, die Sonne brannte so langsam auf die hellen, penibel angeordneten Pflastersteine, hier alles neu, hinter dem Bauzaun alles alt.

Ein paar Hundert Meter weiter endet der Boulevard mitsamt seiner nicht enden wollenden Werbe-Renderings für prachtvollere Zeiten. Hinter dem Bauzaun Lärm, Staub und ein paar Arbeiter, die die Achse unermüdlich weiter durch die Wohnviertel treiben. Wir mussten hier links abbiegen, über ein Feld voller Müll – hier soll einmal ein Park entstehen – und durch einen kleinen Durchschlupf. Hier überfuhr uns fast ein Mofa, eine tote Schlange liegt auf dem Boden. Auf einmal befanden wir uns wieder in einer gewachsenen Siedlung, wie sie für Tiranas Urban Sprawl der 90iger Jahre typisch ist. Alles wirkte friedlich, ein Hund kam mit Müll im Mund vorbei. Plötzlich kreuzte wieder die Baustelle unsere Wege, wie eine zerstörerische Walze planierte sich der Pflasterstein durch die Vorstadt. Dann, ein wirklich bedrückendes Bild: Haufen voller Steine, Trümmerberge und aufgerissene Wasserleitungen vor uns. Kisten voller Hab und Gut der Menschen, die hier noch vor Kurzem lebten. Als wären sie über Nacht verschwunden und hätten dem Fortschritt Platz machen müssen. Wir bahnten uns einen Weg durch das Chaos, ein Sinnbild für kapitalorientiertes Stadtwachstum, wenn alles wirklich schnell gehen muss. Bald danach erreichten wir den Fluss, ein Fischer saß im Gras und suchte sein Glück. Wir waren von den Eindrücken etwas bedient und da die Hitze immer intensiver wurde, traten wir den Rückweg an. Das nächste Ziel sollte die Fakultät für Architektur und Urbanistik der polytechnischen Universität Tirana sein, an der Nebih auch studiert.

Nach einer halben Stunde kamen wir dort auch schon an, Nebih führte uns durch die Räume und zeige uns Ausstellungen sowie studentische Arbeiten, spontan hatte sich auch ein Professor angekündigt, der uns kennenlernen wollte. Eled Fagu war zugleich sehr von unserem Projekt angetan und wollte alles über unseren Fortschritt wissen. Netterweise konnte er uns sogleich auch ein spontanes Interview geben, in dem er aus seiner Sicht der Dinge die momentanen Geschehnisse im Öffentlichen Raum Tiranas wiedergab. Die Stadt sei gerade sehr spannend, wir würden zu einem guten Zeitpunkt kommen. Stimmt! So spontan das Treffen mit dem Professor war, so spontan wurde zugleich eine Präsentation organisiert. Thema: Öffentlicher Raum. Vortragende: Karina, Valentin und Joshua. Datum: Montag 27. Mai. Nebih ist sehr angetan von unserer Forschungsreise und will uns auch für seinen Blog interviewen. Er war es auch, der die Veranstaltung innerhalb eines Nachmittages mit dem Dekan kommuniziert und auch organisiert hat. Wir sind schon gespannt wie viele Studierende kommen werden. Auf Instagram wird unser Kommen bereits fleißig geteilt.

Morgen werden wir einen Ausflug nach Durres machen, auch auf Anraten von Saimir Kristo, dem Vize-Dekan der POLIS. Die Region wird im Volksmund schon „Durana“ genannt, eine große Ballungsregion ist im Entstehen und dabei wird die Stadt am Meer immer als das Anhängsel Tiranas abgetan. Ob das stimmt, wollen wir herausfinden und die 30 Kilometer auf der Autobahn dorthin fahren.

Bis morgen und ein gutes Wochenende wünscht euch das Tirana-Team!

 

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