Tag 2: Lwiw. Crashkurs Ukraine

Bahnhof: Zwischen Regenwasserozeanen im Kopfsteinpflaster und rot markierten Radwegen

Die Stadt Lwiw befindet sich in Veränderung; das zeigt sich am Bahnhofsvorplatz. Am Ausgang empfängt uns ein schickes Rendering. Der Vorplatz soll vor allem fußgängerfreundlich umgebaut werden. Auch die Fahrradspur – wie sich später herausstellen sollte, gefühlt die einzige der Stadt – sticht ins Auge. Die 50 Meter Radparadies passen nicht ganz zwischen Autokolonnen, Baufahrzeuge und rumpelnde Straßenbahnen. Fußgänger*innen werden jedoch trotz aller autogerechter Planung „im Großen und Ganzen doch respektiert“ (erstaunte Aussage aus dem Team). Im Rendering sind auch einige Wiener bekannte zu finden: Ein ULF vermittelt Modernität. Tatsächlich verkehren hauptsächlich … und alte Berliner Straßenbahnen. Trotz allem bleibt eine ukrainische Stadt, die im Rendering vermittelten Bilder wirken eher ums Image bemüht.

Kirche: Ausblick (mit) ohne Rechnung, aber dafür Heiligenunterstützung in jeder Lebenslage

Einige Meter weiter lädt uns die Kirche von Olga und Elisaweta ein, einen Blick vom Kirchturm über die Stadt zu werfen. Für 20 Griwnja wird uns diese Erfahrung angeboten. Rechnung schreibt die Kirche keine, ob wir den Ausblick wagen…?

Von oben sehen wir – neben einem romantisch nebeligen Panorama – dass das Fassaden-Fenster-Verhältnis in Lwiw ein anderes als in Wien zu sein scheint. In Wien scheint der Grundsatz zu gelten: Fassade erhalten, Kastenfenster erdulden. Lwiw ist hier stärker auf die Funktion bedacht: Die Fassade darf ruhig bröckeln, Hauptsache die Fenster sind neu und voll funktionstüchtig.

3 Denkmal: Was man sehen soll, kann, darf und muss? Politische Persönlichkeiten ukrainischer Geschichte und wie sie uns wo anschauen

Direkt nebenan machen wir am Stepan-Bandera-Platz erste Bekanntschaft mit einem zweifelhaften Volkshelden. Doch auch abseits der großen Monumente hat Lwiw hat interessante Gegensatzpaare zu bieten: So finden wir etwa ein unsaniertes Gebäude, das aber am obersten Stockwerk die Wolja – das ukrainische Wappen – fein säuberlich in Farbe gestrichen hat. Der Rest verfällt weiter. An der Iwan-Franko-Universität Lwiw, die aus der Habsburgerzeit stammt, wurde die Wolja hier an die Front eingesetzt, als wäre es schon immer dagewesen – als wäre die Universität schon immer ein Symbol ukrainischer Identität gewesen. Iwan Franko selbst, der Namensgeber der Universität, hatte jedoch seine wichtigsten Werke noch auf Deutsch geschrieben. Sowjetisches Erbe wirkt, als ob es unsichtbar gemacht werden sollte; übertüncht mit wahlweise ukrainischen Nationalsymbolen oder habsburgischen Verweisen. Beim TU-Gebäude, das architektonisch eine eindeutig sowjetische Sprache spricht, haben Nutzer*innen eine ukrainische Flagge in Fenster gehängt.

Die Omnipräsenz ukrainischer Flaggen weist darauf hin, dass es sich keineswegs nur um hoheitliche Markierungen handelt, sondern durchaus auch um eine gelebte Dimension des Raums.

 

Die Ukraine – ein paar große Worte

Im vollbesetzten Zug von Lwiw nach Czernowitz wandert das Gespräch schnell von Einzelbeobachtungen zur großen Frage, wie die heutige Ukraine mit ihrer wechselhaften Identität umgeht. Multikulturalität scheint immer stärker geleugnet zu werden, die ukrainische Sprache hat sich zur obersten Priorität entwickelt. In den letzten Jahren häufen sich Umbenennungen von Straßen und sogar ganzer Städte.

Der Nationalismus ist dabei eng verknüpft mit einer pro-europäischen Haltung. Doch was bedeutet das, wenn selbst Anhänger*innen des rechtsextremen Prawyj Sektor, sowohl Partei als auch paramilitärische Organisation, die EU-Flagge in Graffitis verwenden? Einig scheinen die Europäer*innen in wenig mehr als in einer Abwendung von Russland.

Für das Nachvollziehen der komplexen und widersprüchlichen Verflechtung von Ukraine und Russland bis heute ist die historische Beziehung zwischen diesen Gebieten von Bedeutung: die Konstruktion von Nationalismus im Stalinismus mit etwa der Aufbaurhetorik, hier besonders als Beispiel das Donezk-Becken als eines der wichtigsten industriellen Zentren überhaupt der UdSSR. Prestigeprojekte, Staudämme zur umfassenden Elektrifizierung: Der größte davon wurde in der Ukraine errichtet. Die umfassenden Spuren, die von mehrheitlich russischsprachigen Städten und Regionen in der Ukraine bis zu bürokratischen Festlegungen wie der Bahnstreckenkilometrierung, ausgerichtet nach Moskau, nun mit einer Absolutheit zu tilgen, scheint schizophren. Mit der Abweisung des Aggressors Russland scheint Verantwortung außerhalb des Landes geschoben zu werden.

Während wir uns an die Aufführung tanzender Kinder in Trachtengewändern auf einer Bühne am Glacis erinnern, zeigt das T-Shirt eines Jugendlichen im Zug stolz den Schriftzug: I’m Ukrain – I love freedom.

 

Artefakt #002
IKONE des Hl. Georg
Gefunden in der Armenischen Kirche in Lwiw, Krakiwska Uliza 16-18.
Fotografiert um 15:26 Uhr.

002 Ikone

Laminiert für langfristige Begleitung und Schutz durch die Kraft der Ikone. Das Bild ist mit Gold graviert. Das unterstreicht die Heiligkeit. Die Farben sind dick aufgetragen und bilden kleine Reliefs. Das Kreditkartenformat erleichtert die Tragbarkeit der schützenden Ikone direkt an der Brust, in der Geldtasche oder auch in der Jackentasche.

Die Ikone wirkt wie ein Rettungsring. Wenn alle Stricke reißen, dann bleibt die Ikone. Sie steht uns bei und lässt ihre schützende Hand über uns walten. Nimm‘ sie überallhin mit, sie kann dir Unterstützung sein. Die Ikone soll von nun an unsere Begleiterin sein. Sie vermittelt uns: Sei nicht leichtsinnig, überlasse nichts dem Zufall. Lass die Ikone an deiner Seite ihre Kraft entfalten.

 

 

Swag GIF

Das Czernowitz-Team nach der erfolgreichen Ankunft am Zug

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