ArchitektInnen, KünstlerInnen oder BewohnerInnen – wer plant eigentlich den Raum?

Und es ist dazu gekommen…es ist schon der vorletzte Tag der Expedition… ein Samstag, an dem man glauben würde, dass Menschen ihre Ruhe haben möchten und keine Zeit für uns hätten. Aber nein.. gleich 3 Interviews waren für heute vereinbart. Also ab an die Arbeit.

Als erster an der Reihe stand Architekt Bogdan Demetrescu, Senior Lecturer an der Polytechnischen Universität Temeswar. In den Jahren 2005 bis 2006 war er an der Neugestaltung des Trajansplatzes beteiligt. Die Administration habe anfänglich nicht gewusst, welche Maßnahmen am Trajansplatz notwendig seien. Es sei eine Baufirma beauftrag worden, deren Entwürfe rein “technisch” gewesen seien, das heißt, es sei lediglich auf Aspekte wie die Anzahl der Parkplätze geachtet worden, die Bäume seien gefällt worden. Als ein Gestaltungskonzept für den Platz erstellt werden sollte, sei der Umbau bereits im Gange gewesen. Insgesamt seien nur ca. 5 Wochen Zeit gewesen. Es habe dabei nicht den geringsten Dialog zwischen der Verwaltung und der lokalen Bevölkerung gegeben. Das Rathaus habe die Idee gehabt, am Platz Events zu organisieren, zusätzlich habe es unter der Oberfläche bereits Leitungen und einen Stromanschluss gegeben.

Ein Jahr nach Abschluss der Arbeiten habe man die lokale Bevölkerung befragt, wobei sich herausstellte, dass diese mit den Arbeiten im öffentlichen Raum sehr zufrieden gewesen sei. Weiters fragen wir nach der von Protopop Stancovici gestern angesprochenen Verbindung zwischen Kirche und Kreuz am Trajansplatz, welche durch ein Revolutionsdenkmal unterbrochen wurde. Er sagt, dass eine Verschiebung des Denkmals in der Vergangenheit undenkbar gewesen sei, da es sich um frische Wunden gehandelt habe. Für die Zukunft bleibe abzuwarten, ob eine Alternative denkbar sei. Generell habe man am Trajansplatz das Problem, dass die Gestaltungsmaßnahmen oft keine Relevanz für die lokale Bevölkerung gehabt hätten. Aufgrund der gegenwärtigen Entwicklungen meint Demetrescu, dass sich der Trajansplatz in nächster Zeit stark verändern werde, wobei jedoch generell mit großen bürokratischen Hürden zu kämpfen sei – beispielsweise habe die Genehmigung für den Umbau eines Café im Stadtzentrum ein Jahr gebraucht, wobei die eigentlichen Arbeiten innerhalb weniger Wochen abgeschlossen sein könnten. Beim Mall dauere der Prozess nur sechs Monate.

Im Vergleich dazu sei habe die Umwandlung des Stadtzentrums in eine FußgängerInnenzone auf der Idee einer Reduktion bzw. Entfernung des Autoverkehrs basiert. Dabei seien manche Dinge schiefgelaufen, beispielsweise die Entfernung der Bäume der Freiheitsplatz.

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Cristian im Gespräch mit Bogdan Demetrescu

Danach fahren wir zum Trajansplatz, um Victor Dragos und Andrei Ursu zu treffen, Mitglieder der Künstler und Aktivistengruppe Basca. Die jungen Künstler verlegen zurzeit ihr Theater in eine Seitengasse des Trajansplatzes. Obwohl die Kosten ein entscheidender Faktor bei der Standortwahl waren und sie mehr oder weniger durch Zufall auf diesen Ort gestoßen sind, haben dennoch beide von früher eine Verbindung zu diesem Ort. Mit der Theaterarbeit wollen sie u. a. die lokale Bevölkerung in Aktivitäten involvieren. Diese Gruppe ist von der Idee überzeugt, dass sie eine Änderung in ihrer Umgebung produzieren können.

Sie berichten von einer Überflutung des Stadtzentrums mit Schanigärten, es seien mittlerweile zu viele, es handle sich um eine Behinderung des FußgängerInnenverkehrs. Nicht dass sie schlecht seien, aber die Hälfte würde reichen. Auch sonst gäbe es im Stadtkern viele Maßnahmen, die für die Stadt nicht gut seien…z. B. das Fällen der Bäume am Freiheitsplatz, wo man die Proteste der Bevölkerung ignoriert habe.

Gegen die Mall hätten sie eine Phobie. Es habe einen Vertrag zwischen dem Mallbetreiber und der Stadt gegeben, um öffentliche Einrichtungen dort anzusiedeln. Die breite Masse sei mit der Mall jedoch sehr zufrieden…die Strategie der Stadt gehe auf. Selbst TouristInnen aus Serbien machten Tagesausflüge dorthin. Die Mall sei zu einem Wahrzeichen geworden. Das “Immobilienpotenzial” habe man voll ausgenutzt…man habe das Bedürfnis der Menschen nach Unterhaltung erkannt…etwas, was man im Kommunismus jahrzehntelang nicht gehabt habe. Heute habe man einen Vergleich und wisse, wie gut es den Menschen im Westen gehe.

Es stelle sich dabei jedoch die Frage, wie ganzheitlich die Entwicklung geplant worden sei. Der Bürgermeister habe vor einiger Zeit erklärt, dass dies das Zeitalter des Autos sei, dementsprechend versuche man, die ganze Stadt auf das Auto auszurichten. Am Trajansplatz habe sich der Bürgermeister mit dem Rausschmiss einiger illegal hausender Menschen gebrüstet…man kümmere sich jedoch nicht um deren weitere Zukunft…die Gegend werde bald gentrifiziert sein. Große Immobilienprojekte in der Umgebung wie ISHO fungierten als Katalysator. Wir erkundigen uns bei unseren Gesprächspartner nach möglichen Alternativen, also was die Stadt tun könnte, um eine Aufwertung des Trajansplatzes sozial ausgewogener zu gestalten. Man spricht von Investitionen in leistbares Wohnen (social housing)…man müsse dafür sorgen, dass alle BewohnerInnen zur Schule gehen könnten – zurzeit bestehe seitens der Verwaltung kein Interesse, diesen Menschen zu helfen. Insgesamt sei ein massiver Boom der Stadt in den kommenden Jahren zu erwarten – nicht zuletzt aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage…die Stadt werde jedoch zurzeit falsch entwickelt.

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Die Räumlichkeiten des neuen Theaters von Basca
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Mathias im Gespräch mit Dragos und Andrei von Basca
Kind im Trajansplatz
Die Welt braucht mutige Menschen.

Das letztes Interview unserer Expedition haben wir mit Oana Simionescu, Architektin und Mitgründerin der Plattform bei FOR. Sie glaube nicht unbedingt, dass der Trajansplatz gentrifiziert werde.. sie habe auf diese Themen schon vor 10 Jahren aufmerksam gemacht, damals als der Platz umgestaltet und das erste Haus saniert wurde. Wir fragen nach dem Grund, weshalb es noch nicht wirklich passiert ist und kommen auf die Hypothese, dass es etwas mit der Finanzkrise zu tun haben könnte. Diesmal, sagt sie jedoch, könne es womöglich tatsächlich passieren. Sie selbst plane, in nächster Zeit in diesen Stadtteil zu ziehen. Zusammen mit einigen Freunden sei sie auf der Suche nach einem passenden Grundstück, man wolle sich als Baugruppe ein Eigenheim errichten. Es sei ein guter Zeitpunkt, um zu investieren. Eine interessante Situation also, in der die Planerin selbst zur Bewohnerin wird.

Ihre Meinung zum Freiheitsplatz weicht etwas von den Ansichten unserer bisherigen InterviewpartnerInnen ab. Er sei jetzt schon besser, vor allem wegen der einheitlichen Oberfläche. Er sei ein raum voller Potential und die Änderungen, die man dafür machen müsste, wären leicht umsetzbar…der alte Platz sei ein Patchwork an verschiedenen unkoordinierten Planungen der Vergangenheit gewesen…darüber hinaus sei er von Auto bedeckt gewesen. Die nun fehlenden Elemente, z. B. städtisches Grün, könne man leicht ergänzen. Es werde schon jemand kommen und das tun.

Und bezüglich Mall: Nein, sie geht nicht gerne hin und empfindet die Mall auch nicht als Erholungsraum. Sie versteht aber sehr wohl, dann manche Leute sie Mall praktisch finden, vor allen wenn es um die Minimierung der Wartezeiten für Pässen usw. Sie hofft auf eine bessere Zukunft.

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Mathias im Gespräch mit Oana Simionescu

 

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Ein Abschlussbild. Jetzt müssen wir etwas trinken!

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