Eine Schwäbin, ein Sozialwissenschaftler und ein Priester treffen sich im öffentlichen Raum…

Seit Beginn unserer Expedition versuchen wir, mit Angehörigen der Banater Schwaben in Kontakt zu treten. Grundsätzlich ist das gar nicht so einfach. Die meisten von ihnen sind spätestens nach dem Kommunismus nach Deutschland (ihre ursprüngliche Heimat) ausgewandert, nur wenige sind geblieben. In den vergangenen Tagen haben wir immer wieder Nachrichten geschrieben, eine Terminzusage konnten wir nicht kriegen. Gestern Abend jedoch die Wende: Wir sollen morgen (also heute) um 11 Uhr im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus (benannt nach dem berühmten Banater Dichter) erscheinen. Wir verspäten uns ein kleines bisschen, erkennen jedoch bereits im Eingangsbereich des Hauses, dass hier die deutsche Abstammung gepflegt wird. Wir fragen beim Portier nach Frau Singer, in deutscher Sprache, und werden verstanden.

Edith Singer ist Deutsche aus dem Banat und Vorsitzende des Ortsforums in Temeswar des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien. Sie ist als Gesprächspartnerin für uns besonders interessant, da sie eine der letzten VertreterInnen einer Volksgruppe ist, die diesen Raum (und in besonderem Maße auch den öffentlichen Raum) rund zwei Jahrhunderte geprägt hat. Die Informationen, die wir von ihr erhalten, sind äußerst vielfältig. Zum einen erzählt sie von vergangenen Zeiten…viele Gebäude seien früher im Kommunismus verwahrlost gewesen, seit den 1990ern habe die Stadt versucht, soweit es ihr möglich war, das Stadtbild wieder in Ordnung zu bringen. An schönen Gebäuden können man sich im Alltag erfreuen.

Dann aber sprechen wir ein sensibleres Thema an: Wie die verbliebenen Deutschen mit der Situation umgehen, dass nur noch so wenige von ihnen da sind. Sie erzählt uns vom Schock der frühen 1990er Jahre, als sich quasi über Nacht ganze Straßen und Dörfer leerten…darüber betroffen zu sein, heute kaum mehr Deutsch auf der Straße zu hören…vom guten Auskommen der verschiedenen Ethnien untereinander in der Vergangenheit, also einer authentischen Multikulturalität, die es viele Jahre lang gab…aber auch vom “Sich-Abfinden” mit der Situation, den gemeinsam mit jungen Interessierten organisierten Kulturprojekten, der Veränderung des Wohlstandes nach dem Kommunismus.

Wir versuchen dann, das Gespräch wieder auf den öffentlichen Raum zu lenken: Unsere Gesprächspartnerin zieht einen Vergleich zwischen den Paradezimmern in der Häusern der Banater Schwaben und dem historischen Stadtkern innerhalb Temeswars. Für sie ist der Vereinigungsplatz der wichtigste öffentliche Raum innerhalb Cetates, da hier der römisch-katholische Dom steht, der für viele Deutsche als Versammlungsort für die Kirchweihe fungierte. Die Neugestaltung des Freiheitsplatzes sieht sie hingegen kritisch: Einst sei er ein Ort gewesen, an dem die Menschen sich trafen…die jetzige Gestaltung verhindere das. Weiter betont sie die Wichtigkeit einer Unterstreichung des kulturellen Erbes, wobei sich Traditionen der Zeit anpassen müssten. Der Trajansplatz sei für sie immer zu weit entfernt gewesen, als dass sie zu diesem eine Verbindung aufbauen hätte können. Die Iulius Mall sei für die Menschen wichtig, insbesondere für die Jungen sei sie ein wichtiger Attraktor. Sie spricht sich für die Heranziehung einer breiteren Palette von SpezialistInnen sowie die bessere Beteiligung der Bevölkerung bei der Gestaltung von Plätzen aus. Frau Singer spricht perfekt Hochdeutsch. Zu guter Letzt bekommen wir noch eine Sprachsprobe des Schwäbischen.

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Plausch mit Frau Singer im Banater Schwaben-Dialekt

Wir begeben uns zur West Universität Temeswar, um mit Robert Reisz zu sprechen…er ist Professor sowie Dekan an der Fakultät für Politik-, Philosophie- und Kommunikationswissenschaften. Wir müssen in den siebten Stock, Aufzüge suchen wir vergebens. Am Weg nach oben erhalten wir einen Anruf vom gestern von uns kontaktierten serbisch-orthodoxen Priester am Trajansplatz. Wir werden in zehn Minuten erwartet. Der Stressfaktor steigt.

Seit 2017 ist Robert Reisz externer Berater bei der Erarbeitung eines “Barometers für Lebensqualität” in Temeswar. Die Untersuchungen basieren auf klassischer “Old-School-Statistik” (also Hausbesuche mit standardisierten Fragebögen) und decken u. a.Themenbereiche wie Zufriedenheit mit der allgemeinen Entwicklung der Stadt, der Infrastruktur und den öffentlichen Einrichtungen, dem Öffentlichen Verkehr, dem Angebot an Spielplätzen, der Wahrnehmung der städtischen Probleme durch die Verwaltung, dem Sicherheitsgefühl in der Stadt, der Luftqualität usw. ab. Die Untersuchungen sollen in Zukunft in regelmäßigen Abständen stattfinden, womit Trends bzw. Tendenzen erkannt werden sollen. Er berichtet von der generellen Erkenntnis, dass Temeswar eine attraktive Stadt für junge Menschen sei, oder anders gesagt: Wenn man hier jung und reich ist, fühlt man sich gut. Wenn man jung ist, ist man zufriedener, selbst wenn man nicht reich ist. Die Zufriedenheit mit dem öffentlichen Raum sei generell hoch, was er mit den Entwicklungen der letzten Jahren (z. B. der Umwandlung des Stadtkerns in eine FußgängerInnenzone) in Verbindung bringt. Die entwickelten Indikatoren sollen in Zukunft auf ganz Rumänien ausgeweitet werden. Die Arbeit beruht auf der Annahme, dass man Zufriedenheit mit sozioökonomischen Daten korrelieren könne. Meistens seien es junge und reiche Leute, die den öffentlichen Raum nutzen, was auch mit Konsum zu tun habe. Wir diskutieren dann die Möglichkeiten einer Triangulation quantitativer Daten mit qualitativen Aspekten, beispielsweise bei der Umgestaltung eines öffentlichen Raumes, wie im Falle des Trajansplatzes. So können wir die Informationen von verschiedenen Quellen aufeinander beziehen.

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Uni-Zeit ist Freizeit.
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Prof. Robert Reisz in seinem Büro
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Blick über die Stadt vom 7. Stock der West-Uni

 

Wir wollen nun möglichst schnell zum Trajansplatz gelangen, um Branislav Stancovici zu treffen. Er ist seit 25 Jahren Piester (Protopop) der serbisch-orthodoxen Gemeinde in Fabric. Wir unterhalten uns zunächst draußen. Wir erfahren, dass neben dem Sakralbau noch vier weitere Gebäude am Trajansplatz der Kirche gehören. Einst bestand eine Sichtachse zwischen der im 18. Jahrhundert erbauten Kirche und der Kreuzstatue auf der anderen Seite des Platzes. Nach der Revolution entstand zwischen den beiden Punkten ein zusätzliches Denkmal in Form einer großen Glocke. Jahre lang habe er versucht, das Denkmal seitlich verschieben zu lassen…vergebens. Es lässt sich dabei erkennen, wie die ursprüngliche Identität des Platzes in Form dieser Verbindung von dem Zeugnis eines weiteren historischen Ereignisses überlagert wurde. Nach einer Führung durch die Kirche begleiten wir ihn in sein Büro. Seine besondere Position als Verwalter eines beträchtlichen Teils der Gebäude um den Platz erlaubt es ihm seit Jahren, besondere Einblicke in die lokale Stadtentwicklung zu bekommen…und er teilt diese gerne mit uns. Er  zeigt uns Bilder vom Trajansplatz von vor hundert Jahren. Damals habe es hier ein reges urbanes Leben gegeben, die Menschen hätten sich am Platz versammelt, sich über die verschiedensten Themen ausgetauscht, die vielfältigen Unternehmen hätten zusätzlich Menschen von außen angezogen. Das alles habe im Kommunismus ein jähes Ende gefunden. Die Geschäfte seien gebündelt worden und aus den Gebäuden des Platzes verschwunden, es seien Menschen vom Land gefolgt, die kein Bewusstsein für die Stadt und die Bausubstanz gehabt hätten. Zusehends sei der Platz verkommen. Es habe in die letzten Jahren Initiativen zur Restaurierung der Gebäude gegeben. Begeistert zeigt er uns die Pläne für die Fassaden. Vor etwa 10 Jahren habe er von einer deutschen Entwicklungsgesellschaft den Tipp bekommen, die leerstehenden Objekte nicht mehr als Wohnungen zu vergeben, sondern sie stattdessen Unternehmen anzubieten. Obwohl es anfänglich kein Interesse dafür gegeben habe, seien mittlerweile fünf der Einheiten an Unternehmen vermietet.

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Priester und Zaun – die Wächter der Kirche
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Im Büro des Priesters werden Fassaden-Alternativen besprochen.
Mathias und der Priester
Mathias und Protopop Stancovici im Gespräch

 

Danach folgen Teswalks im Trajansplatz.

 

 

 

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