Der Doyen der Temeswarer Stadtplanung

Der heutige Tag stellt für uns ein besonderes Highlight dar: Wir erhalten die Gelegenheit, Radu Radoslav, Baudirektor der Stadt in den Jahren 1997 bis 2006 sowie Universitätsprofessor für Stadtplanung am Polytechnikum in Temeswar, zu interviewen. Obwohl es wahrscheinlich übertrieben wäre, Radoslav als den “Robert Moses” Timisoaras zu bezeichnen, hat er dennoch viele Jahre die Geschicke der hiesigen Stadtplanung gelenkt und die Entwicklung des Raumes maßgeblich geprägt.

Radoslav schloss sein Architekturstudium an der Ion Mincu Universität in Bukarest im Jahr 1975 ab und erwarb ebenda 1998 seinen Doktor in Urbanismus. Schon seit vielen Jahren führt Radoslav einen Blog zu Stadtentwicklungsthemen, in erster Linie mit Fokus auf Temeswar. Seine Beiträge erschienen 2017 gesammelt als Buch.

Radoslav liefert interessante Einblicke, da er bis heute in der lokalen Stadtplanung involviert ist, z. B.:

Zunächst hat er etwa zwanzig Minuten die Geschichte der Stadt und wichtige Etappen in der Planung seit der Eroberung durch die Habsburger erklärt, z. B. dass sie nach der Eroberung durch die Habsburger völlig neu aufgebaut wurde – die einzige Stadt Europas, die komplett neugebaut wurde, die letzten Abtragungen der Stadtmauer erst sehr spät erfolgten, ambivalente Positionen zu Fußgängerbereichen, eine generell positive Einstellung der Iulius Mall gegenüber… darüber hinaus berichtet er von Initiativen zur Wiederaufwertung des Trajansplatzes, an den en er beteiligt war, die jedoch nicht umgesetzt wurden…

Zwei große Fehler habe es in Temeswar in den letzten Jahren gegeben: Einerseits sei die Umwandlung des Stadtkerns in eine FußgängerInnen-Zone viel zu schnell erfolgt. Das habe zu rasanter Gentrifizierung geführt. Darüber hinaus habe die Nominierung Temeswars als Kulturhauptstadt Europas 2021 der Stadt angesichts dieser problematischen Vorentwicklung den Todesstoß versetzt.

Er gibt uns außerdem für unseres weiteres Studium und Berufsleben einen Tipp: Stadtplanung sei eine hoch komplexe und schwierige Angelegenheit, man müsse verstehen, dass das Geld entscheide und der Planer / die Planerin auf die Situation so einwirken müsse, dass das Geld in die richtigen Maßnahmen fließe.

 

Am Abend…

…(ca. um 19.00 Uhr) beginnt es zu regnen. Es ist ein Platzregen. Nach ungefähr zwanzig Minuten ist das Gröbste überstanden. Wir folgen dem Regenbogen. Am Ende entdecken wir jedoch keinen Goldtopf, sondern befinden uns am Freiheitsplatz. Wir nützen die Chance, um die Auswirkungen dieses Naturereignisses auf den öffentlichen Raum im Stadtkern und das in ihm stattfindende Leben zu untersuchen. Wir stellen fest, dass die Straßen jetzt viel ruhiger sind, größtenteils spazieren nur noch vereinzelt Menschen durch den Stadtraum, die Schanigärten sind leer, die Sessel eng an die Tische gerückt. Wir steigen ins Auto und fahren Richtung Iulius Mall. Wir möchten überprüfen, ob sich das Leben ganz einfach in die geschützten Bereiche des Einkaufszentrums verlagert hat. Obwohl dort um halb neun am Abend die Geschäfte noch fast zur Gänze geöffnet sind und in einigen Bereichen des Gebäudekomplexes noch ein reges Leben beobachtet werden kann, ist es auch hier insgesamt viel ruhiger geworden.  Die meisten Geschäfte sind leer, obwohl die Mall noch bis 1 Uhr in der Früh geöffnet sein wird – wenn auch nicht alle Geschäfte.

 

 

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Der Freiheitsplatz ist nach dem Platzregen leer.
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Ähnlich verhält es sich mit den Schanigärten.
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In Teilen der Mall ist auch noch abends reges Leben.
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Dem Modell kann der Regen jedoch nichts anhaben.

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