Künstliche Idylle vs. urbane Atmosphäre

Am fünften Tag unserer Expedition begeben wir uns erneut zur Iulius Mall, um unsere bisherigen Analysen zu vertiefen. Die Geschäfte im Einkaufszentrum haben sieben Tage die Woche geöffnet. Wir möchten uns deshalb auf die öffentlichen Einrichtungen innerhalb der Mall konzentrieren und einen genaueren Blick auf deren Wechselwirkung mit den sonstigen (vorwiegend kommerziellen) Nutzungen, aber auch mit dem halböffentlichen Raum und seinen verschiedenen Elementen werfen. Die von uns dabei betrachteten öffentlichen Einrichtungen sind folgende: ein Passamt (zum Beantragen bzw. Abholen von Reisepässen), eine Stelle einer Steuerbehörde mit Schaltern, eine Führerschein-Ausstellungsstelle, -Zulassungsstelle und -Prüfstelle. In diesem Beitrag soll unser Vorgehen exemplarisch dargestellt werden.

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Preisgünstige Betten laden die von den Behördenwegen erschöpften Stadtmenschen zum Ausruhen und Krafttanken ein.
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Die kleine Tochter eines Besuchers plantscht im Brunnen.
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Wer glaubt, hier ein Auto gewinnen zu können, liegt leider falsch…es handelt sich lediglich um ein Ausstellungsstück.
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Ansicht der Platzsituation um die Pass-Ausstellungsstelle von oben

Testwalks

Zunächst führen wir Testwalks durch: Von jeweils einem Eingang des Einkaufszentrums geht es zu den öffentlichen Einrichtungen. Wir wollen uns in jene Personen hineinversetzen können, die gerade einen Behördenweg vor sich haben. Jan Gehl verwendete diese Methode in der Forschung, um die tatsächlich benötigte Zeit für die Durchquerung von öffentlichen Räumen zu untersuchen. Ampeln und sonstige Hindernisse im Raum können die Zeit erhöhen oder die Durchquerung selbst unangenehm werden lassen (vgl. Gehl & Svarre 2013, 34). Seine ursprüngliche Methode ändern wir insofern ab, als wir versuchen, mögliche Elemente im Raum ausfindig zu machen, welche eine(n) vom ursprünglichen Ziel ablenken, zum Verweilen einladen oder ganz einfach dafür sorgen, dass man sich wohl fühlt oder das Gegenteil bewirken.

 

Kartierungen

Im nächsten Schritt sollen die beobachteten Elemente rund um die öffentlichen Einrichtungen in einer Karte verortet und die vor Ort gewonnenen Eindrücke bezüglich des Verhaltens der Menschen geschildert werden. Für die anderen öffentlichen Räume (Freiheitsplatz und Trajansplatz) wurden die Kartierungen bereits im Vorfeld erstellt. Die Mall befindet sich jedoch gegenwärtig im Umbau, deswegen konnte eine erste Kartierung erst vor Ort erfolgen. Unsere bisher gewonnenen Impressionen lassen sich verkürzt folgendermaßen darstellen: Es finden sich um die öffentlichen Einrichtungen diverse Elemente, die man normalerweise mit städtischem Freiraum in Verbindung bringen könnt, z. B. zahlreiche Sitzmöglichkeiten und Brunnen. Einerseits wirkt die hier geschaffene Atmosphäre künstlich, andererseits fehlt irgendetwas. Zum einen denken wir da an die vielen StraßenkünstlerInnen, die wir im alten Stadtzentrum sehen konnten. Als wir dort in einem Schanigarten saßen, wurden wir von einem kleinen Jungen angebettelt…hier müssen wir selbst aufpassen, nicht mit unserer Kamera aufzufallen…das Filmen und Fotografieren ist verboten, alle paar Minuten kommt uns ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes entgegen. Es lässt sich schwer in Worte fassen, doch irgendeine “urbane” Qualität, die wir wohl bisher im Stadtzentrum als selbstverständlich erachtet haben, fehlt hier ganz einfach…und ehrlich gesagt ändern da auch nichts die Goldtöne und ästhetischen Gestaltungselemente, denn rein optisch gefällt uns das Einkaufszentrum durchaus.

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Zu Mittag findet sich im Food-Court eine junge Frau, welche in einem Bürogebäude der Mall für einen internationalen Konzern arbeitet und gerne für ein spontanes Interview zur Verfügung steht. Die Frau ist der Ansicht, dass es unter anderem die Kombination aus Konsummöglichkeiten und “zu erledigenden” Behördenwegen ist, die den großen Erfolg des Einkaufszentrums ausmacht. Menschen können hier wichtige Erledigungen machen, z. B. einen neuen Pass beantragen, und die Wartezeiten sinnvoll anderweitig nutzen…es handelt sich hierbei wohl um eine Synergie, die das historische Stadtzentrum mit seiner jetzigen Gestaltung in dieser Form nicht bieten kann.

 

 

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Auch wir sind dem Mall-Zauber verfallen und können diesem raffinierten, Geschenke in Aussicht stellenden Spielautomaten nicht widerstehen.

 

Verwendete Literatur:

Gehl, J., & Svarre, B. (2013). How to study public life. Island press.

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