Von vibrierenden Fensterscheiben und leeren Ämtern.

Beschreibung des gestrigen Abends:

Am Abend begeben wir uns zurück zum Freiheitsplatz, wo die Feierlichkeiten der vergangenen Tage immer noch weitergehen. Heute finden hier Konzerte der rumänischen Bands Byron und Phoenix (die identitätsstiftende Temeswarer Rockband schlichthin, deren Ursprünge bis in den Kommunismus zurückreichen). Es befinden sich derartig viele Menschen auf dem Platz, dass eine Überquerung fast unmöglich scheint. Wir schaffen es jedoch, uns durchzukämpfen und in eine der Seitengassen einzubiegen.

Hinter dem Gerichtsgebäude findet eine Technoparty statt, die gesamte Straße wird dadurch blockiert. Hunderte von Menschen sind am Tanzen, Essen und Trinken – und das, obwohl der Konsum von alkoholischen Getränken im öffentlichen Raum strengstens verboten ist – natürlich mit Ausnahme von Schanigärten von gastronomischen Betrieben.

Erneut kommt es uns so vor, als würde der gesamte Stadtkern vibrieren – als wären wir in eine große Open-Air-Disco geraten. Wir marschieren Richtung Vereinigungsplatz und bemerken, zu unserer Überraschung, einen unwahrscheinlichen Kontrast. Es ist ruhig, von der Rockmusik ist kaum mehr etwas wahrzunehmen…auch hier befinden sich sehr viele Menschen, doch sie stehen gemütlich beisammen oder sitzen in Grüppchen auf dem Rasen. Doch plötzlich ist aus der Entfernung Getrommel zu vernehmen, es zieht eine Ehrenformation in habsburgischen Uniformen samt Kanone ein. Nach einem abrupten Halten und Ausrichten präsentieren die einzelnen “Soldaten” (es handelt sich um Darsteller) ihr Gewehr und schultern dieses. Die begeisterte Menge stürmt auf die Traditionsbewussten zu und es folgt ein Selfie-Session. Wenn das nicht ein Beispiel für gelebtes Geschichtsbewusstsein und Identität ist.

Durch Zufall treffen wir einen Freund Cristians, der einst die Nikolaus-Lenau-Schule besuchte und Deutsch spricht. Wir beschließen, essen zu gehen, und zwar Pleskawita, eigentlich aus dem südslawischen Raum stammende Spezialität, die es im rumänischen Banat jedoch ebenfalls gibt. An verschiedenen Stellen äußert der Freund seine Meinung zum (neu gestalteten) öffentlichen Raum in der Innenstadt. Da wir unser Aufnahmegerät natürlich immer dabei haben, nutzen wir die Gelegenheit für ein spontanes Interview.

Die Lange Nacht der Museen will ausgenutzt werden. Wir besuchen den Barocken Palast, das bedeutendste Kunstmuseum der Stadt. Die Menschen drängen sich um den Eingang, als gäbe es dort etwas gratis. Ach ja: Der Eintritt ist heut frei. Die hier ausgestellte Kunst ist ebenfalls Zeugnis der ethnisch wie kulturell vielfältigen Geschichte des Banats, neben modernen Skulpturen und religiöser Kunst gibt es zahlreiche Porträts von Adeligen, wie z. B. vom habsburgischen Kaiser Joseph II. Eine junge Frau sticht aus der Menge hervor…sie ist sich bezüglich des für ein Bild verwendeten Materials nicht sicher und fährt kurzerhand mit dem Finger drüber. Dann bemerkt sie lautstark, dass es sich wie Holz anfühle. Dieser Vorgang wiederholt sich einige Male.

 

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Eine Technoparty legt die Straße lahm
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Ehrenformation beim Exerzieren
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Die Band Phoenix lässt Temeswarer Herzen höher schlagen
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Am Eingangsbereich des Barocken Palastes tümmeln sich die Menschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Tag…

…sind wir mit zwei KünsterInnen verabredet, welche direkt am Freiheitsplatz ein Atelier haben und sich unter anderem mit Kunst im öffentlichen Raum beschäftigen. Sie haben deshalb ein besonderes Bewusstsein für die gegenwärtigen räumlichen Trends entwickelt und liefern uns interessante Informationen und Sichtweise zu den verschiedensten Themen, z. B. den Erlebnis-Bedürfnissen der Menschen, den langsamen Veränderungen der typischen Nutzungsstrukturen, der Dynamik zwischen Stadtkern und Mall, der Rolle der Politik usw. Diese Wahrnehmung sind umso greifbarer, als die Musik der Feierlichkeiten das gesamte Atelier vibrieren lässt und man – wenn auch nur für einen kurzen Moment – in Partystimmung geraten kann. Die KünstlerInnen leiden jedoch unter Verwendung des öffentlichen Raumes und sehen das Ganze weit weniger entspannt. Insgesamt sind wir begeistert von den gewonnen Einblicken. (Anmerkung: Den Freiheitsplatz werden wir uns wieder ansehen, wenn die Feierlichkeiten vorbei sind, um einen Vergleich anstellen zu können.)

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Künstleratelier am Freiheitsplatz

Im Anschluss an das Interview geht es erneut zur Iulius-Mall…

…die gestern gewonnenen Eindrücke wollen überprüft, die Informationen vertieft werden. Beim Betreten des Einkaufszentrum sehen wir, dass in einigen Gängen Verkaufsstände mit Schmuck und sonstigem Firlefanz stehen, wie man diese sonst vielleicht von Jahrmärkten kennt. Schon länger war uns bewusst, dass sich in der Mall einige öffentliche Einrichtungen befinden…wir beginnen, nach diesen zu suchen. Wir entdecken eine KFZ-Zulassungsstelle, eine Stelle der Steuerbehörde, eine Führerschein-Prüfstelle sowie -Ausstellungsstelle, ein Passamt, ein Postamt…Da heute Sonntag ist, haben diese Einrichtungen (anders als die Geschäfte, die haben alle offen) geschlossen. Wir werden an einem anderen Tag wiederkommen und uns die Dynamik öffentlicher Einrichtungen innerhalb eines halböffentlichen Raumes genauer ansehen.

Aufzug
Im Aufzug gibt es keine Entfaltung – wir wissen den öffentlichen Raum zunehmend zu schätzen

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