GORIZIA UND NOVA GORICA – ERSTE EINDRÜCKE

PRIMO GIORNO / PRVI DAN 19.05.2019

Unsere Reiseroute

Geschafft!!! Wir sind nach einer langen Nacht im Zug endlich in Gorizia angekommen. Man merkt sofort: Die Stadt ist sehr grün. Es regnet viel und stark. Wie kommen wir nun ins Zentrum?

Wir warten unter einer großen Platane und lautem Vogelgezwitscher auf unseren Bus, welcher uns in die historische Altstadt bringen soll, wo auch unsere Unterkunft ist.

Hier wartet auch schon Fabrizio(58 Jahre), unser Airbnb Host auf uns. Er ist sehr freundlich, gesprächig und mitteilungsbedürftig. Er erzählt uns viel über die Stadt. Vieles, dass wir auch zuvor nicht wussten.

Er berichtet von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in Gorizia offenbar nach dem Krieg neue Viertel auf der italienischen Seite gegründet haben sollen. Die Bewohner dieser Viertel sollen alle bilingual aufgewachsen sein und hätten bilinguale Schulen gegründet. Fabrizio ging als einziger, italienischer Junge(seine Eltern kommen ursprünglich aus Bari und Ancona) auf eine dieser Schulen und wurde deshalb in die “Communità slovena” aufgenommen.Bildschirmfoto 2019-05-24 um 21.36.15

 

Die Unterkunft befindet sich im Zentrum der Stadt an der Via dei Rabatta. Fabrizio verfügt über einen großen Balkon mit einem herrlichen Ausblick zu einem semi-öffentlichen Garten, das sich später als der botanische Garten Nova Goricas entpuppt.

 

Erste Grenzüberquerung

Er hat uns spontan vorgeschlagen uns nach Nova Gorica zu fahren und uns auf dem Weg interessante Bereiche zu zeigen. Er müsse sowieso dort etwas arbeiten. Trotzdem nimmt er sich die Zeit und führt uns zunächst durch Gorizia. Auf dem Weg erzählt er viel über wichtige Orte zur Orientierung in der Stadt. Unter anderem die Statue von Carlo Michelstaedter(ein berühmter Philosoph aus Gorizia), die den Eingang in die Via Rastello markiert und somit ein beliebter Treffpunkt im öffentlichen Raum ist, u.v.m.

Noch relevanter für unsere Recherche waren seine Beschreibungen von den Grenzübergängen. Er teilt uns mit, dass es vier Grenzüberschreitungen gibt. Wir fahren über den Grenzposten Casa Rossa. Dieser Übergang soll v.a. von Autofahrern genutzt werden. Gorizia und Nova Gorica seien von einem Hügel getrennt. Die Gegend hier ist sehr hügelig und sehr grün. Jetzt verstehen wir, warum dieser Grenzübergang nicht so attraktiv für Fußgänger ist. Schließlich wäre der Weg über den Hügel zu Fuß zu beschwerlich, außerdem ist die Stadt Nova Gorica von hier aus sehr weit weg. Am Grenzübergang San Gabrielle angekommen, zeigt er auf Häuser mit einer kahlen Front. Es sollen jene Häuser sein, die aufgrund der Grenzziehung geteilt worden sind und Familien, Freunde und Verwandte von einander getrennt haben sollen. Bildschirmfoto 2019-05-24 um 18.37.55

Wir fahren weiter auf slowenischer Seite entlang der Gleise und sehen auch schon westlich den ehemaligen Bahnhof von Görz. Fabrizio kommentiert, dass der alte Bahnhof zuvor italienisch war, aber dass er nach dem Krieg von Jugoslawien einverleibt wurde und dass man daher einen neuen Bahnhof in Gorizia erbaut habe. Er unterrichtet uns auch über die Ausführung jugoslawischer Züge, die sich vehement von westeuropäischen Zügen unterscheiden. Sie seien breiter, daher könne man den ehemaligen Bahnhof nicht von italienischer, österreichischer, etc. Richtung und umgekehrt nicht befahren.

Wir steigen im Zentrum Nova Goricas, an der Cankarjeva Ulica, aus. Dort erkunden wir das Zentrum und essen zu Mittag.

Zusammenfassend zur Begegnung mit Fabrizio können wir sagen, dass unsere Begleitung über die Grenze in allen ihren Facetten überwältigend war. Nicht nur weil sie so spontan, unerwartet, intensiv und schnell verlief, sondern weil er viel bestätigen konnte, was wir bereits über viele Wochen über Texte, Karten und Berichte untersucht haben; und darüber hinaus uns mehr Informationen gegeben hatte, denen wir nun nachgehen wollen.

Wir möchten zum Beispiel prüfen, ob die gezeigten Häuser neben den Grenzübergängen tatsächlich durch die Grenzziehung getrennt worden sind. Ein anderer Aspekt, der uns interessiert, ist die Prüfung, ob der Grenzübergang wirklich nur von Autos befahren wird oder ob nicht andere Nutzer den Raum für sich beanspruchen, da dieser Bereich zunächst sehr weitläufig wirkte.

Unsere Recherche muss nachgehen, ob hier die Rede von einer oder zwei Städten ist. Biographien, Sichtweisen und Nutzungen erklären die Rezeption des öffentlichen Raums entlang der Grenze bzw. an den bestehenden Grenzüberquerungen. Das macht aus Gorizia/Nova Gorica zu einem hervorragendem Beispiel, dass man den Menschen nicht vom öffentlichen Raum getrennt betrachten kann. Aus diesem Grund ist das Porträt von Fabrizio und seiner Rezeption für uns so wichtig. Im Laufe dieses Blogs stellen wir euch noch mehr Görzer vor 🙂

Transalpina Platz

Nach dem Mittagessen sind wir die Hauptüberquerungsstrasse Erjavceva Ulica entlang gelaufen, um wieder zur Grenze zu gelangen. Die Strasse ist sehr gerade, breit und lang aber auch sehr grün und gesäumt von Linden auf breiten Grünstreifen parallel zur Straße und Fahrradwegen. Endlich an der Grenze angekommen stehen wir vor den Eisenbahnschienen und dem Mona Liza Nightclub 🙂

Nun wollen wir entlang der Gleise zum Transalpina Platz kommen. Westlich des Weges sind viele sehr alte, prächtige Villen mit großen Gärten, wobei ihnen gegenüber ein grüner Zaun die Grenze weiterhin markiert. Parallel zum Weg entlang der italienischen Villen und hinter diesem Zaun verlief eine weitere, slowenische Strasse, die zum Transalpina Platz führte. Hier wird ganz besonders die Absurdität der Präsenz zweier Straßen, die zum gleichen Ziel führen, deutlich.

Der Transalpina Platz hat uns etwas enttäuscht. Beeindruckend war, dass die Gebäude aus der Habsburger Zeit weiterhin in guten Zustand sind. Er heißt eben auch Europa-Platz, weil er zwei Staaten an einem Punkt vereint und somit über eine Symbolkraft der Union verfügt, die vor allem aktuell mit dem Hintergrund der Brexit und EU-Debatte ein enormes Potential der alltäglichen Begegnung für Europäer enthält. Unsere Erwartungen diesbezüglich wurden auch gleich gesprengt, als ersichtlich wurde mit welcher Wertschätzung dieser Platz gebraucht wird. Er wurde hauptsächlich als Parkplatz genutzt. Der Platz war leer. Offenbar kommt keiner hierher. Die alte Mauer wurde durch einen Zaun bis zum Platz herum ersetzt und auf dem Platz mit Blumenkästen weitergeführt. Hat denn niemand den Drang diesen Zaun, der keinen sichtbaren Zweck dient, zu entfernen?

Betül und Carolina

Schreibe deinen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*
*