1 Kilometer Park

Heute stand unser erstes Experteninterview mit Saimir Kristo, dem Vizedekan für Architektur und Design an der Polis Universität an. Am Tag davor haben wir uns extra noch informiert, wie wir denn zu der für österreichische Verhältnisse weit außerhalb liegenden Universität kommen würden. So weit so gut, sollte doch nicht so schwer sein. An der Station angekommen kam dann doch die große Verwirrung. Wir fragten eine Person, gekennzeichnet mit Warnweste und äußerst kompetent wirkend, nach dem Bus zum Einkaufszentrum QTU. Er verwies uns auf die andere Seite des Platzes. Dort fragten wir erneut ältere Männer, die den Anschein erweckten für den öffentlichen Verkehr zu arbeiten. Nach einer kurzen Diskussion wollten sie uns auf die andere Seite des Zentrums schicken. Verwirrt nahmen wir diese Aussage zur Kenntnis und fragten den Busfahrer im danebenstehenden Bus. Dieser verwies uns auf den Pepsi Stand nebenan. Diese Verkäuferin verwies uns wiederum auf die schon vorher angefragten Männer. Puh! Aber dann kam die Erleuchtung. Der ältere Mann deutete auf einen wegfahrenden Bus ca. 50 Meter vor uns. Er verständigte uns wir sollten uns doch beeilen. Wir erblickten die Aufschrift QTU. Nah endlich! Wir waren schon kurz davor ein Taxi zu nehmen, als wir uns in den alten BVG-Bus setzten, nicht ohne, dass der ältere Mann den Busfahrer noch ob unseres Zieles instruierte.

Pünktlich kamen wir dann in der Polis Universität an, die Sekretärin erwartete uns schon im Eingang. In einem sehr transparenten Besprechungszimmer ausgestattet mit Fenster anstatt von Wänden inmitten der Polis Universität breiteten wir unseren Urban Carpet aus. Überhaupt wirkte hier jede Wand transparent. Saimir begrüßte uns herzlich und konnte uns nach einer kurzen Einführung, warum auf dem Tisch ein vollgeschmierter Teppich liegt, nur beeindrucken. Sein Wissen über Tirana, aktuelle Projekte, die politische Situation in Albanien oder die U4-Verbindung in Wien ließen unser Aufnahme-Handy merklich Akku verschwitzen. So erzählte er uns nicht nur von der baulichen Strukturierung Tiranas, sondern auch von eigenen Problemen in der Stadt einen kostenlosen Fußballplatz für sein Hobby zu finden. Insgesamt waren seine Antworten so umfangreich, dass wir morgen erst einmal eine Transkript-Session im Kaffeehaus unseres Vertrauens starten müssen. Immer wieder wurden wir auch von vorbeigehenden Studierenden interessiert beobachtet. Nach dem Austausch von kleinen Geschenken – das Buch ´Visions for a new Tirana´ für uns und Mozartkugeln sowie Mannerschnitten für ihn – führte uns Saimir in die Bibliothek und zeigte uns nützliche Literatur. Nach der Literaturstudie verabschiedeten wir uns noch der Sekretärin. „Was, ihr seid ja immer noch da?“. Tatsächlich verbrachten wir doch gut fünf Stunden in der Polis Universität. Die Zeit geht wohl hier unten in Albanien um einiges schneller rum.

Am Heimweg machten wir dann noch einen Umweg über den Parku 1 Kilometer. Der Name ist Programm. Neben den auf der nördlichen Seite durch gesichtslose in die Höhe steigende Appartementblocks streckt sich eine ca. 20 Breite grüne Promenade. Die Südseite wirkt dagegen noch fast ländlich. Neben heruntergekommenen Sportplätzen, Basketballplätzen ohne Basketballkörbe und Zäune ohne Maschendraht reiht sich Sitzmobiliar aus Holz. Cafe´s und Bars findet man hier wie gefühlt an allen urbaneren Stellen zu genüge. Wir entschieden uns für die nächste Spontanintervention mit unserem Urban Carpet. Fazit: richtiger Ort zur Falschen Zeit. Wir konnten zwar mit unserem Zielpublikum ins Gespräch kommen und uns neue Orte zeigen lassen. Jedoch bemerkten wir am Heimweg – es war dann schon so ca. 18:00 Uhr – um die jüngere Generation zu erreichen, muss man später rauskommen. Alle Straßen waren voll mit Jungen Menschen, die es alle eilig hatten, die verkehrsbelärmten Hauptstraßen zu passieren. Unser Heimweg führte uns dann noch durch eine der städtebaulich interessantesten Gegenden Tiranas. Die bereits von Saimir erwähnten Strukturen im Stadtzentrum zeigten sich uns nun bildhaft vor Augen. Riesige kommunistische Scheiben- und Zeilenbauten türmten sich hinter den zumeist erdgeschosshohen orientalisch anmutenden Bauten der ottomanischen Zeit auf. Die Kleinteiligkeit mit all dem Charme von halböffentlich verwinkelten Gassen und Straßen wurde so in das strenge Korsett der diese flankierenden und umrahmenden diktatorischen Interventionen gezwängt. Sollte etwa die Vergangenheit zugunsten des damals propagierten starken und selbstständigen Albanien von den neugierigen Augen der Passanten der großen Boulevards abgeschirmt werden? Zumindest wir denken uns: ja. Und auch Saimir schilderte uns ähnliche Zusammenhänge. Auf dieses Thema werden wir aber in den nächsten Tagen genauer eingehen. Morgen steht der nächste Universitäts-Besuch an, dieses Mal an der Epoka-Universität.

Insofern bis morgen!

Schreibe deinen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*
*