Rindfleisch und Alkohol

Der Samstag war geprägt von einem höchst lehrreichen Gespräch mit Adelheid Wölfl und Tobias Flessenkemper. Frau Wölfl ist Südosteuropa-Korrespondentin der Tageszeitung „Der Standard“ und hat uns spontan Herrn Flessenkemper mitgebracht: Herr Flessenkemper ist Politikwissenschafter, beteiligt in verschiedenen EU-Projekten mit Schwerpunkt Südosteuropa und hat kürzlich die erste deutschsprachige Literatur zu politischem System in Bosnien und Herzogowina veröffentlicht.  Das Gespräch stellte sich als sehr informativ und umfassend heraus. Herr Flessenkemper versorgte uns mit detailliertem Fachwissen, Frau Wölfl hatte eine analytische sowie gesellschaftskritische Sichtweise Wölfls, da sie innerhalb der bosnischen Bevölkerung lebt, aber sowohl politisch, kulturell als auch ethisch ihr nicht angehört.

Es ist knapp vor 11 Uhr, wir warten in der kleinen Teestube „Franz & Sophie“ neben dem Musikkonservatorium in der Innenstadt. Am Tisch die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“, der Lokalbesitzer spricht Deutsch. Als wir ihm erzählen, dass wir uns mit Adelheid Wölfl treffen, sagt er fröhlich: „Ah, Adi kommt! Es scheint ihr Stamm-Teelokal zu sein.

Im Gespräch wird uns schnell klar, dass das Bild unserer Medien auf die Lage in Bosnien und Herzegowina sehr stark von der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Perspektive aus Westeuropa geprägt ist. Ein Beispiel hierfür ist, dass in fast jedem Artikel das Fehlen von Schweinefleisch und Alkohol in Arabisch finanzierten Malls als ein in Sarajevo breit diskutierter und emotional geführter Konflikt beschrieben wird. Laut Wölfl und Flessenkemper spielt dieses Verbot jedoch keine so große Rolle. Natürlich gebe es Leute, die die Lokale dieser Einkaufzentren nicht besuchen, weil sie keinen Alkohol trinken können, aber diese wären eindeutig ein sehr kleiner Kreis der gesamtgesellschaftlich kaum ins Gewicht fällt. In der Praxis ist der Verzicht von Schweinefleisch weit verbreitet, der Konsum von Alkohol aber allgegenwärtig. Sowohl Wölfl als auch Flessenkemper kennen keine einzige Person, die konsequent keinen Alkohol trinkt und sei es nur an Feierlichkeiten: der höchste Alkoholkonsum in der Stadt ist zu „Bayram“ dem islamischen Zuckerfest. Alkohol und Schweinfleisch sind in der bosnischen Kultur differenzierter zu betrachten und nicht gleichzusetzen, nur weil beides in der islamischen Kultur verrufen ist.

Panorama2_1
Traditionelle Markthalle ohne Schweinfleisch!

Die Beweggründer des arabischen Investitionsbooms sind vielseitig u.A. eine Folge der Wirtschaftskrise 2008, nach der westliche Geldgeber ihre Investitionen drastisch runter gefahren haben und die Araber als noch finanzkräftige Investorengruppe die Gunst der Stunde nutzten. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war in den Jahren 2012 und 2013, wo der arabische Tourismus so überhandnahm, dass er eindeutig als unangenehm empfunden wurde. Laut Wölfl sind seit dem die arabischen Touristenzahlen kontinuierlich zurückgegangen und in diesem Jahr signifikant gesunken. Heute besteht der arabische Tourismus nur mehr aus Kur- und „Medical-Tourismus“ für die arabische Mittelschicht, sowie Sex- und Alkoholtourismus junger Araber. Die entstandenen arabischen Großprojekte sind Resultate dieser Zeit und es hätte in Bosnien „eh niemand“ geglaubt, dass sie fertig gestellt worden wären, wie „alles“ in diesem Land. Flessenkemper und Wölfl vermittelten uns das Bild, dass diese Großprojekte ein Produkt der bosnischen Politik seien, um Gelder zu waschen bzw. um ihr eigenes Image aufzupolieren und somit politische Ziele durchzubringen. Eine Stahl- und Glaskomplex in einer Stadt, wo an jedem Gebäude mit Baujahr vor 1990 Einschusslöcher zu sehen hat eine ungemeine  Repräsentationswirkung. Arabische Finanziers haben sich zu diesem Zweck angeboten und eine es entstand Win-Win-Situation.

Panorama2
Eingang zum Untergeschoss einer Einkaufspassage im Stadtzentrum

Sarajevo City Center: Tobias Flessenkemper erzählt uns dass die Bebauung an dieser Stelle mit einem großen Volumen als Gegengewicht zum Parlament bereits im städtebaulichen Plan der Sozialisten aus den 60er Jahren vorgesehen war, aber nie umgesetzt worden ist. Der Bauplatz war über Jahrzehnte eine heruntergekommene Brache und wurde als Schandfleck in der Stadt wahrgenommen. Die Bevölkerung sah das Projekt, welches von dem bosnischen Präsidenten Izetbegovic stark forciert wird, kritisch: man glaubte bis zum Schluss nicht, dass das Projekt tatsächlich umgesetzt wird. Schlussendlich ist das Projekt, dann auch den städtebaulichen Vorgaben der 60er entsprechend umgesetzt worden. Nur die vorgesehenen Gebäudehöhen wurden um ein bis zwei Geschoße überschritten, was der Logik des Kapitals geschuldet ist. Der Größte gesellschaftliche Diskurs wurde über die massive Lichtverschmutzung durch die großflächigen Mediafassaden geführt. Hierzu gab es Bürgerproteste und massiven Widerstand der Anrainer. Diesbezüglich ist momentan ein Gerichtsverfahren am Laufen.

Am Anfang hatte das Sarajevo City Center vor allem im Büroturm mit großen Leerständen zu kämpfen, auch wurde das Swissotel erst vier Jahre nach der Eröffnung in Betrieb genommen. Laut Wölfl und Flessenkemper ist das Hauptproblem des Projektes, dass es keine Wirkliche Zielgruppe gibt. Für Araber ist das Angebot zu billig bzw. uninteressant, da sämtliche Flughafenterminals der arabischen Welt ein ausführlicheres Shoppingangebot aufweise. Für die meisten Bosnier ist das Preisniveau der großen internationalen Ketten zu hoch. Sie nutzen das Einkaufszentrum vorwiegend für Window-Shopping, was laut Flessenkemper seit der Einführung des Smartphones keine Zukunft mehr hat. Einzig die Sushi-Bar und das Cafe am Vorplatz sind eine Erfolgsgeschichte: die Sushibar ist die einzige der Stadt und das Cafe am Vorplatz besitzt eine überdachte Terrasse mit idealer Sonnenausrichtung – von Süden beschattet, von Westen die Abendsonne. Als wir am Abend noch einmal das Sarajevo City Center besuchten kam uns das Publikum sowohl ethnisch als auch sozial für Sarajevo überdurchschnittlich bunt durchmischt vor . Man hört Englisch, Arabisch, Deutsch und wie in den innerstädtischen Fußgängerzonen sind Menschen aller Art unterwegs. Im weiteren fiel uns sofort auf, dass die Kleidungsgeschäfte räumlich getrennte Bereiche für Männer und Frauen hatten. Entweder waren sie räumlich komplett getrennt oder über einen offenen Durchgang verbunden.

P1000495
Räumlich getrennte Frauen- und Männerabteilung bei Berksha

Die König-Fahd-Moschee wurde in den Medien oft als Zentrum salafistischer Extremisten am Balkan dargestellt. Diese Vorwürfe entsprechen jedoch nicht mehr der Realität, die bosnischen Behörden haben nach den Anschlägen des 11. Septembers streng durchgegriffen, auch da nachweislich Terroristen in der Moschee gewesen sind und das Problem hat sich in kleinere Moscheen und Räume u.a. nach Ilidza bzw. via You Tube in das Internet verlagert. Wölfl und Flessenkemper zufolge hat die König-Fahd-Moschee – entgegen unserer anfänglichen These – nicht zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen, sondern einen ausführlichen Diskurs über die Thematik hervor gebracht und somit zu einer Bewusstseinsschärfung in der Gesellschaft geführt.

_AKN9343
König-Fahd-Mosche zur Mittagszeit

Der Platz der Kinder wird laut Wölfl und Flessenkemper gut angenommen, dass die Eigentümer arabische Banken sind, ist der Bevölkerung nicht bewusst. Der Platz und das dazugehörende Einkaufszentrum, das BBI Centar werden eindeutig als bosnisch wahrgenommen. Das Programm am Platz ist ausgeglichen, sehr vielseitig und werde von „allen“ besucht. Dass es politische oder anders motivierte Einflussnahme im Genehmigungsprozess der Veranstaltungen von Seitens der Stadtregierung oder des Betreibers (BBI Centar) gebe, würden beide nicht annehmen. Parteipolitische Veranstaltungen im Freien finden nicht statt, sind in Bosnien, bis auf das Verteilen von Wahlwerbung, unüblich. Es ist ein beliebter Treffpunkt, an der Mauer entlang der Marsala Tita sitzen ganztägig Menschen. Eltern lassen an heißen Tagen Kinder im Springbrunnen am Platz spielen – sein Wasser gilt als besonders sauber.

Panorama_konzert_1
Abendveranstaltung auf dem Platz der Kinder: Save Balkan Rivers – Stop Dams!

Als wir am Abend erneut auf dem Platz kommen, findet ein Jazzkonzert statt. Es ist eine Protestveranstaltung von Naturschützern mit dem Slogan: „Save Balkan Rivers – Stop Dams!“ Das Konzert ist eine Mischung aus lebendigen Jazz, Protest und Kabarett: es wird ausgiebig getanzt und gelacht, sowie Sprechchöre gesungen. Biergeruch ist allgegenwärtig, leere Dosen stapeln sich um die Mülleimer. Das Publikum ist zwischen 20-50 Jahre alt und in unserem Empfinden ungemein alternativ.

P1000546
Bierdosensammlung auf dem Platz der Kinder

Das Konzert endete um 23:20 und wir schlenderten noch durch die nächtliche Innenstadt. Die Straßen und die meisten Gastgärten sind mittlerweile leer. Das Leben hat sich in Bars und Privaträume verlagert, trotzdem ist die Stadt alles andere als ausgestorben.

 

Ein Kommentar zu “Rindfleisch und Alkohol

Schreibe deinen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*
*