Der neue Monat

Der neue Monat, wie die neue Woche startete mit einer Straßenbahnfahrt im gleißenden Sonnenlicht durch die ganze Stadt: Um die Mittagszeit drängten sich auffallend viele Leute im Zentrum. Auf dem Hauptplatz in der Altstadt sahen wir erstmalig eine Vielzahl offensichtlich arabischer Touristen, aber auch andere Nationalitäten. Bei warmen 20°C schien es Ortsfremde wie Einheimische auf die Straße zu treiben, was ein erhebliches Verkehrschaos und eine bis an den Rand gefüllte Straßenbahn mit sich brachte.

Unser Weg führte uns nach Ilidza, einem suburbanes Zentrum, außerhalb von Sarajevo, angeblich Hauptgegend der arabischen Touristen. In Ilidza befinden sich die Quelle der Bosna, sowie eine schon seit römischer Zeit existierende Therme, eine Gegend, die uns von zahlreichen Bosniern ans Herz gelegt wurde.

Die Endstation der Straßenbahn bringt einen direkt ins Zentrum von Ilidza, dort herrschte buntes Gewusel, auch hier waren viele Menschen unterwegs, wir dachten uns, dass neben dem herrlichen Wetter auch die gefüllten Konten zum Anfangsmonat die Beweggründe sind. Nach einer ersten Schnupperrunde versuchten wir vergeblich ein Taxi zur Quelle der Bosna zu finden, ebenso wie eine italienisch-deutsch-bosnische Mutter mit ihren zwei erwachsenen Kindern. Im Gespräch erfuhren wir, dass in die Richtung der Quellen auch einen Bus gäbe und so stiegen wir alle gemeinsam dort ein. Die gesamte Familie hatte lange in Deutschland gelebt und sprach daher unsere Sprache. Wissbegierig stellten wir unsere Fragen. Auch die Mutter hatte ein sehr negativ geprägtes Bild von den arabischen Touristen: Jeder Mann habe fünf vollverschleierte Frauen und eine Horde von „50“ Kinder, sie seien dreckig, unhöflich und wurden sich wie Patriarchen aufführen. Sie und ihre Familie haben inzwischen eine Manufaktur für Möbel, Fenster & Türen unweit von Sarajevo. Die Kundschaft sei bosnisch, aber auch arabisch mit sehr unterschiedlichen Wünschen. Die Bosnier seien auf Funktion und Bezahlbarkeit aus, die Araber auf möglichst edle Materialien und moderne Schnickschnack (z.B. antibakteriell oder elektrisch betrieben). Die Frau brüskierte sich weiters über das „unzivilisierte“ verhalten der Araber. In den Luxuxhotel an die Sie ihre Einrichtungen verkaufen, ist ein respektloser Umgang gegenüber der Einrichtung keine Seltenheit: es geht viel kaputt, Schnitte von Jausenmessern sind an der Tagesordnung.

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Muslimische Touristen an der Quelle der Bosna

Unsere Haltestelle war gekommen und wir machten uns zu Fuß auf den Weg Richtung „Vreolo Bosna“. Dort angekommen erwartete uns eine wunderschöne Parkanlage, mit riesigen alten Bäumen, durchzogen von den Quellflüsschen der Bosna. Auffallend war, dass ein Großteil der Besucher arabischer Herkunft war, Familien, Eheleute und Männergruppen spazierten oder picknickten im Grünen. Hier sahen wir zum ersten Mal, bosnisch-salafistische Touristenführer: Einheimische, jedoch arabisch sprechende Männer mit Rauschebärten. Auf den unzähligen Verbotsschildern fällt uns auf, dass der Konsum von Alkohol an dem beliebten Picknickort verboten ist. Im öffentlichen Raum hatten wir das in Sarajevo noch nicht gesehen. Gegen Spätnachmittag fuhren wir zurück gen Ilidza, schließlich hatten wir viele Thesen gehört, die es zu überprüfen galt.

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Ladenfront in Ilidza mit arabischen Beschriftungen

Zurück in Ilidza hatte sich das Treiben etwas beruhigt, es waren vermehrt bosnische Jugendliche und junge Erwachsene unterwegs, die die immens hohe Anzahl an Shisha-Bars besuchten. Das Zentrum von Ilidza hat ein ganz anderes Flair als das Zentrum von Sarajevo. Es hatte den Charakter eines Ferienortes mit deutschen Biermarken, zahlreichen Hotels und auffallend vielen Anschriften in arabischer Sprache. Es gab auch Straßenverkäufer für islamisch religiöse Artikel: Koran, Kopfücher, Gebetsteppiche und Ketten.

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Straßenverkäufer von islamischen Artikeln in Ilidza

Das einzige bosnisch finanzierte Einkaufszentrum im Großraum Sarajevo – das Grand Centar – steht ebenfalls in Ilidza und kann auch als typisch bosnisch beschrieben werden, mit vergleichsweise preiswerten Materialien und Geschäften. Alle Notwendigkeiten der täglichen Versorgung sind vorhanden, mit Supermarkt, Fitnesscenter und DM, auch das Bauunternehmen ANS Drive, Bauherr unserer Forschungsobjekte, hatte ein leider bereits geschlossenes Kundenbüro.

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Grand Centar in Ilidza

Zum Abendessen wollten wir bewusst in ein örtliches arabisches Lokal gehen, nach einiger Suche entdeckten wir ein sympathisches Restaurant: Während wir noch über der Karte brüteten wurde uns im Sinne arabischer Gastfreundschaft eine Vorspeise serviert. Ungewiss, was für eine Suppe wir gerade genießen durften, fragten wir die Kellnerin, die sich jedoch Hilfe suchend an den einzigen anderen besetzten Tisch wandte. So kamen wir mit Herrn Mohamed Sharif Almaeeni ins Gespräch, einem Mann aus Dubai, der der General Manager eines internationalen Konzerns ist und arabisch finanzierte Projekte im ganzen Balkan durchführt. So unterhielten wir uns bei köstlichem Lamm Kebab und einer arabischen Kreation aus Huhn, Käse und Kalbfleisch über seine Arbeit und die Herausforderungen. Die wichtigsten Aussagen waren, dass die arabischen Projekte und Investitionen zu Beginn eine enorme Geschwindigkeit aufwiesen, zu schnell für die bosnische Infrastruktur, er dennoch überzeugt ist, dass die aktuell rückläufigen Investitionen wieder ansteigen werden. Er sieht eine „rosige“ Zukunft für arabische Projekte am Standort Bosnien, da andere muslimische Länder weitaus instabiler sind. Laut Herrn Almaeeni kam es zu einer Verlagerung, von Nahost, über die Türkei bis nach Bosnien. Einzig Druck der Europäischen Union (Bosnien strebt den Beitritt an), kann die arabischen Investitionen unterbinden.

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