Der letzte Tag

Der letzte ganze Tag in Sarajevo liegt hinter uns, in den vergangenen Tagen haben wir unglaublich viel gesehen wie gelernt und erste Erkenntnisse formieren sich!

Einkaufen: Da wir die verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten von Sarajevo noch nicht in den Morgenstunden gesehen hatten, läutete der Wecker früh, um vor 9 Uhr im Zentrum seien zu können. Trotz regnerisch-kaltem Wetter war es überaus belebt: zahlreiche Bosnier auf dem Weg zur Arbeit, Pensionisten in den Cafés und mehrere Touristenführungen tummelten sich durch die osmanische Altstadt „Baščaršija“ und entlang der Gründerzeit-Einkaufsstraße „Ferhadija“.

Anschließend besuchten wir erneut das Sarajevo City Center, eine Stunde nach Öffnung gegen 11 Uhr war der Food Court gut besucht, die Geschäfte jedoch noch leer. Erstmalig betrachteten wir das „Playland“ für Kinder etwas näher, mit Spielgeräten und Automaten für alle Altersgruppen. Auffallend die vollständige Kommerzialisierung des Bereichs. Eine Entwicklung der letzten Jahre, die der Architekt Amir Vuk Zec bereits beschrieben hatte. Erstmalig besuchten wir außerdem die Gebetsräume der SCC, welche auch zwischen Morgen- und Mittagsgebet von mehreren Muslimen besucht wurden. Nach Verlassen des Gebäudes erkunden wir erstmalig die konträre Südseite des Einkaufcenters. Geprägt von verfallenen oder stark baufälligen Gebäuden, illegalen Mülldeponien und löchrigen Straßen.

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Das Sarajevo City Center von “hinten”

Kurz vor Mittag erreichten wir das „Skenderija Centar“, das vermutlich größte bestehende Einkaufszentrum aus sozialistischen Zeiten, gelegen im Untergeschoß alter Olympiasportstätten. Markant war der hohe Leerstand, sowie das sehr breit gefächerte jedoch zumeist preiswerte Angebot. Neben Bekleidungs- und Schuhgeschäften, gab es u.A. Kunstgalerien, Zahnärzte, Lampengeschäfte, eine Fahrschule sowie verschiedenste Kosmetikdienstleister.

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Galerie im Skenderija Centar

Viele Bosnier haben uns erzählt, dass man sich um die Mittagszeit für eine ausgiebige Kaffeepause trifft: Ab etwa 12.30 Uhr wurde es zunehmend voller, mit Besuchern aller Altersklassen.

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Café im Skenderija Centar kurz vor Mittag

Der weitere Weg führte uns erneut ins Zentrum, auch hier voll besetzte Cafés und trotz anhaltenden Nieselregens und konstanten 10°C ein belebtes Bild.

Glauben: Ein weiteres Tagesziel war der Besuch von möglichst vielen verschiedenen Moscheen. Leider standen wir außerhalb der Gebetszeiten, außer bei den touristisch Relevanten und Großen immer vor verschlossenen Türen. Eine der bekanntesten und ältesten Moscheen ist die „Gazi-Husrev-Begova-Moschee“ in der osmanischen Altstadt. Gegen Eintrittsgebühr und außerhalb der Gebetszeiten für Touristen zugänglich. Männer und halbherzig verschleierte Frauen konnten die prunkvollen Innenräume gemeinsam besuchen und auch das Fotografieren stellte kein Problem dar.

Unweit der König-Fahd-Moschee ist ein von Indonesien gesponserter Bau, die „Istiklal-Moschee“. Das zweitgrößte islamische Gotteshaus Sarajevos, welches wir zum Abendgebet besuchten. Der moderne Zentralbau liegt inmitten von Neubauten, Parkplätzen und dem einzigen öffentlichen Projekt der Nachkriegszeit, einer Schwimmhalle. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre und wir besuchen die geschlechtsspezifischen Bereiche. Uns fällt sofort das Fehlen jeglicher Verbotsschilder auf: im Vergleich zur König-Fahd-Moschee ist das Fotografieren und mitführen von Rucksäcken erlaubt. Die wenigen Muslime sind islamisch-modisch gekleidet, grüßen und suchen freundlich den Blickkontakt.

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l.o. Istiklal-Moschee; l.u. ottomanische Moschee nahe Stadtzentrum; r.o. König-Fahd-Moschee; r.u. Gazi-Husrev-Begova-Moschee

Die Fenster des Gebäudes erinnern an die der traditionellen osmanischen Moscheen, groß und ohne Sichtschutz, jedoch liegt der Gebetsraum im ersten Stock und ermöglicht nur die Sichtbeziehungen von innen nach außen, jedoch nicht von außen nach innen. Im Erdgeschoss befinden sich die Waschräume, die Koranschule und die Bibliothek.

Die zahlreichen osmanischen Moscheen, wie die Gazi-Husrev-Begova-Moschee, sowie die „Džamija-Ummu-Arif-Zabadne-Moschee“ – ein kleinerer Nachkriegsbau in Gribavica – zeichnen sich durch ihre Offenheit aus. Durch klare Fensterscheiben auf Augenhöhe lassen sich die Betenden beobachten. Die steht im Gegensatz zur uneinsichtigen König-Fahd-Moschee, bei der die Fenster nicht nur oberhalb der körpergroßen Sockelzone liegen, sondern auch aus undurchsichtigem Milchglas bestehen. Der Innenraum der osmanischen Moscheen ist deutlich farbenfroher und dekorativer gestaltet, was sicher auch historisch bedingt ist.

Verweilen: Das schlechte Wetter hat dem Leben im öffentlichen Raum nur wenig Einhalt geboten, die Parks und Sitzbänke sind mittelmäßig bevölkert, auffallend die hohe Anzahl an Regenschirmen.

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Männer beim Schachspiel auf dem Platz “Oslobodenja” im Stadtzentrum

Unser Forschungsobjekt – der Platz der Kinder – beherbergte heute erneut verschiedene Verkaufsstände für Bücher, regionale Lebensmittel und Kosmetikprodukte,  sowie Kunsthandwerk. Wenige Besucher schlenderten durch die nur teilweise geöffneten Stände. Eine Verkaufsfrau erzählte uns, dass sie die nächsten neun Tage auf dem Platz seien und dies mehrmals im Jahr. Die (kommerzielle) Nutzung des Platzes scheint ganzjährig stattzufinden.

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