Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen

Wir sind seit Samstag bzw. Sonntag wieder zurück und blicken auf eine unglaublich spannende Zeit in Sarajevo zurück. Sarajevo – eine Stadt, auf die man sich einlassen muss, wo an allen Ecken und Enden Geschichte zum Vorschein kommt. Eine gemütliche Stadt, wo alles ein bisschen langsamer geht und die trotz ihrer Größe (ca. 300.000 EinwohnerInnen) pulsiert. Wir haben uns auf diese Reise vorbereitet, haben uns durch die Geschichte gearbeitet und hatten nach jedem Text das Gefühl, endlich alles verstanden zu haben. Aber wo! Zum Abschluss möchten wir euch einen kurzen Überblick über Sarajevo und unsere Reise (auch etwas abseits unserer Forschung) geben und hoffen, unsere Beiträge waren informativ und unterhaltsam.

Was uns ziemlich schnell klar wurde und doch ein bisschen überrascht hat: Sarajevo ist quasi ein Bergdorf und am Abend wird es kalt. Dass Sarajevo in einem Tal liegt und von teilweise sehr hohen Bergen umgeben ist, weiß man, wenn man sich mit der Belagerung der Stadt auseinander setzt. Aber irgendwie war uns das nicht so ganz bewusst, dass dann vielleicht das Klima etwas anders ist und dass es auf über 500 Metern vermutlich im September auch mal regnen kann (hat es auch).

Die Stadtstruktur ist vollends an diese Talform und die Lage angepasst: Vom östlich gelegenen osmanischen Stadtkern entwickelt sich die Stadt über Strukturen aus der Habsburger Zeit bis hin zu Hochhäusern und zahlreichen Wohnbauten in den Westen. Die Hänge sind geprägt von Einfamilienhausstrukturen und Zersiedelung. Dort fühlt man sich tatsächlich wie in einem Bergdorf, man grüßt sich, sitzt vor dem Haus, tratscht und schaut aufeinander. Adelheid Wölfl hat uns das so erklärt: Jedes Stadtviertel hat seine Moschee, seinen Bäcker und somit eine Art “Zentrum”. Wir würden da noch teilweise die Bushaltestelle als Element hinzufügen.

Blick auf die Stadt
Blick auf die Stadt
Spaziergang durch die Mahalas (Wohnviertel an den Hängen)
Spaziergang durch die Mahalas (Wohnviertel an den Hängen)
Spaziergang durch die Mahalas (Wohnviertel an den Hängen)
Spaziergang durch die Mahalas (Wohnviertel an den Hängen)

Wir haben uns ja bereits im Vorfeld der Forschungsreise mit dem Thema Ethnien, Gruppenbildungen und Abgrenzungsmechanismen sowie der Geschichte Bosniens detailliert auseinander gesetzt. Die Erfahrungen auf der Reise haben vieles bestätigt und vor allem veranlasst, dass wir uns den Kopf noch mehr darüber zerbrechen. Es gibt so viele Ebenen, die dabei eine Rolle spielen, so viele Meinungen, die alle irgendwie eine Berechtigung haben und die Thematik um einen weiteren Blickwinkel erweitern. Abschließend dazu kann man sagen, dass Bosnien leider ein gutes Beispiel dafür ist, in welche Richtung uns Nationalismus treiben kann und welche Macht korrupte politische Systeme und Medien haben bzw. wie tief sie Gesellschaften eigentlich spalten können. In vielen Gesprächen haben wir gemerkt, dass die tiefe Verwurzelung dieser gesellschaftlichen Trennung auch unbewusst funktioniert. Eine Autofahrt von Bihać nach Sarajevo durch die Republika Srpska kann zur mulmigen Angelegenheit werden, weil die Großmutter vor der Abfahrt ihre Sorgen äußert – obwohl man selbst eigentlich keine Bedenken hätte. Oder der Besuch in Sarajevo wird aufgrund der muslimischen Atmosphäre als eher unangenehm empfunden.

Sarajevo (und ganz Bosnien) ist geprägt von dieser Geschichte, und ja vor allem vom Krieg. Wir wussten das vor der Reise, und dennoch hat es uns überrascht, wie sehr die Wunden in der Stadt, z.B. bei den Gebäuden, noch ersichtlich sind. Seien es die vielen Friedhöfe oder Einschusslöcher in nahezu jedem zweiten Haus – uns wurde dadurch noch mehr bewusst, dass der Krieg eben erst 20 Jahre her ist. Wir beide sind zu jung, um Erinnerungen an diese Zeit bzw. Medienberichte verfolgt zu haben oder Ähnliches. Vielleicht wurde uns gerade deshalb erst auf der Reise klar, wie nahe vor wirklich kurzer Zeit Krieg herrschte und was das für die Menschen auf diesem Gebiet bedeutet.

Beitrag aus einer Ausstellung über den Wiederaufbau der Stadt
Beitrag aus einer Ausstellung über den Wiederaufbau der Stadt
Wir sind durch Zufall an dem Haus aus der Ausstellung vorbei gegangen - der rechte Teil trägt immer noch erhebliche Narben vom Krieg.
Wir sind durch Zufall an dem Haus aus der Ausstellung vorbei gegangen – der rechte Teil trägt immer noch erhebliche Narben vom Krieg.
Haus im Stadtteil Grbavica
Häuser im Stadtteil Grbavica

Doch vor allem der Blick aus Sarajevo raus, in das gesamte Land, wäre für eine weitere Vertiefung absolut notwendig. Wir haben schon kurz Mostar angeschnitten (leider ist es sich doch nicht ausgegangen, Mostar im Blog zu behandeln), doch auch die Reise mit dem Bus nach Wien von Sarajevo über Zenica, Doboj und schließlich über Slavonski Brod nach Kroatien bat einen ersten Einblick. Gerade wenn man etwa nur aus dem Busfenster beobachtet, wird das Interesse, sich näher damit auseinander zu setzen, erst so richtig geweckt. Wir haben uns beide regelrecht hineingestürzt in diese Thematik und werden da so schnell auch nicht mehr rauskommen – es bleibt noch einiges zu entdecken und zu erforschen.

Straßenverkauf nahe der Grenze zu Kroatien
Straßenverkauf nahe der Grenze zu Kroatien

Ein Tipp zum Schluss: VeganerInnen, Nicht-RaucherInnen, Fett-VermeiderInnen und KaffeverweigererInnen haben es in Bosnien nicht ganz leicht 😉

In diesem Sinne: Vielen Dank fürs Lesen – wir hoffen, wir haben Lust auf Sarajevo, Bosnien und die komplexe Geschichte dieses Teiles von Europa gemacht!

Ohne Kaffee geht gar nichts!
Ohne Kaffee geht gar nichts!

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