Was uns Straßennamen sagen

Bosnien ist seit Jahrhunderten geprägt von Vielfalt – osmanische (muslimische), orthodoxe, katholische, jüdische, atheistische und nicht-religiös geprägte Teile der Geschichte, die Spuren in der Stadt hinterlassen. Wir haben auf unserem Weg durch die Straßen Sarajevos Zeugen dessen gefunden: Straßennamen.

Die Geschichte der Ulica Konak
Die Geschichte der Ulica Konak
Ansicht der Ulica Konak
Ansicht der Ulica Konak

Im Rahmen der Vorbereitung auf die Forschungsreise haben wir uns intensiv mit der Rolle von Symboliken für die Identitätsbildung von Ethnischen Gruppen und für das Zugehörigkeitsgefühl einzelner Personen auseinander gesetzt. Symboliken werden bewusst oder unbewusst eingesetzt, sie können Aussagen transportieren, andere diskriminieren, offen oder subtil. Neben offensichtlichen Symbolen wie Flaggen oder religiösen Zeichen, ist auch die Namensgebung von Orten oder Gebäuden identitätsstiftend.

Die Benennung von den verschiedensten Straßen basiert auf vielerlei Gründen. Viele der ursprünglichen Namensgebungen in Baščaršija (osmanischer Kern Sarajevos) sind auf Handwerke, denen zur Zeit der osmanischen Herrschaft an diesem Ort nachgegangen wurde, oder Handelsorte zurückzuführen. Diese wurden jedoch in Laufe der Jahrhunderte oftmals geändert und angepasst.

Osmanischer Flair in Baščaršija
Osmanischer (und touristischer) Flair in Baščaršija

Ein Beispiel von vielen stellt die Ulica Oprkanj dar. Oprkanj ist eine Bezeichnung für einen überdachten Straßenmarkt und wurde seit dem 16. Jahrhundert bis 1921 für diese Straße verwendet. In diesem Jahr wurde die Straße umbenannt – und zwar nach Danilo Ilić. Danilo Ilić war ein bosnischer Serbe, aufgewachsen in ebendieser Straße, der sich in seiner Jugend der Mlada Bosna anschloss. Er rekrutierte einige Beteiligte des Attentates an Franz Ferdinand und Sophie, unter anderem war er ein enger Freund Gavrilo Princips (Mörder von Franz Ferdinand und Sophie). Schlussendlich wurde er 1915 nach österreich-ungarischem Gesetz erhängt. Nach einem kurzen Intermezzo von 1941-1945 blieb der Straßenname bis 1993 erhalten. Während des Zweiten Weltkriegs war Bosnien Teil jenes Gebiets, dass unter Verwaltung (und Terror) des Ustaša-Regimes stand. Nach 1993 wurde der alte Name Oprkanj wieder eingesetzt – zu diesem Zeitpunkt wurde Sarajevo bereits ein Jahr von den Truppen der Armee der Bosnischen Serben, verbliebenen Einheiten der Jugoslawischen Volksarmee sowie Paramilitärs belagert.

Die Geschichte der Ulica Oprkanj
Die Geschichte der Ulica Oprkanj
Ansicht der Ulica Oprkanj
Ansicht der Ulica Oprkanj

Dieses Beispiel zeigt, dass Straßennamen im historischen Kontext für verschiedene Zwecke vereinnahmt wurden und politische Botschaften transportieren können. Je nachdem, wie die politische Lage in Sarajevo war, wurden Straßennamen teilweise angepasst.

Blickt man hinter die Kulissen, können wortwörtlich an jeder Straßenecke Symboliken versteckt sein. Sie beeinflussen nicht direkt unseren Alltag oder spielen für jeden Einzelnen eine Rolle, aber sie verallgegenwärtigen die Geschichte und haben eine übergeordnete identitätsstiftende oder ausgrenzende Wirkung.

Zum Abschluss noch zwei weitere Beispiele:

Die Geschichte der Ulica Ferhadija
Die Geschichte der Ulica Ferhadija
Die Geschichte der Ulica Sarači
Die Geschichte der Ulica Sarači

 

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