Verweilen und Glauben in Sarajevo

Heute ging es an das erste Interview: Seit Monaten schon hatten wir hatten einen Termin mit dem PR-Beauftragten des BBI Centers. In der Shopping Mall angekommen fragten wir am Infostand nach dem Büro von Herrn Sead Živalj. Nachdem wir irgendwann den Namen richtig ausgesprochen hatten, begegneten uns erstaunte Blicke und uns wurde der Weg durch eine Glastür in die Rezeption des angrenzenden BBI-Büroturmes geschildert. Dort an der Rezeption die gleiche Situation: Erstaunte Blicke. Nachdem wir einen Ausweis vorgezeigt hatten, kündigte die Empfangsdame uns telefonisch an.

Im Büro von Mr. Živalj angekommen steht uns ein sehr freundlicher Mann in seinen 50ern gegenüber, dahinter die Aussicht durch die Glasfassade des 8 Stockes hinab auf den Platz der Kinder, den dahinter liegenden Park sowie die umliegende Hügelkulisse. Zu Beginn des Interviews stellte sich heraus, Herr Živalj ist der Generaldirektor der BBI Real Estate u.a. auch PR-Beauftragter.

Mr. Živalj war interessiert und bemüht, jegliche Fragen zu beantworten. Wir hatten den Eindruck, dass er Freude daran hatte, seinen Arbeitsalltag durch ein Gespräch mit ausländischen Studenten aufzulockern.

Zu Beginn besprachen wir über die Standortvorteile ausländischer Investoren in Bosnien: Mr. Živalj beschreibt Bosnien als ein Land mit sehr vielen ungenutzten Ressourcen, gut ausgebildeten Arbeitskräften und einem immens hohen Potential für wirtschaftliches Wachstum. Der größte Nachteil sei die schwierige politische Situation und die damit verbundene komplizierte Bürokratie mit ihren oft endlosen Entscheidungsprozessen.

Entgegen unserer Annahme haben die arabischen Eigentümer keinen Einfluss auf die Bespielung, des in ihrem Privatbesitz befindlichem Platz der Kinder. Entschieden wird in Zusammenarbeit mit der Sarajevoer Stadtverwaltung. In der Regel fragen Interessenten bei der Stadtregierung an, diese leitet das dann an die BBI Real Estate weiter. Die planerische Programmgestaltung des Kalenders liegt bei der BBI Real Estate. Offen und zugänglich sei der Platz der Kinder laut Herrn Živalj für ausnahmslos alle, wie weit die Stadtverwaltung jedoch aus politischen Motiven aussiebt, können wir zurzeit noch nicht beurteilen. Zumindest müssen bei kommerzieller Nutzung Gelder an die Stadt gezahlt werden. Das BBI Center bekommt als Eigentümer von diesen Einnahmen lediglich 30%. Diese Regelung war Bedingung seitens der Stadt, um nach Abschluss des Baus im Grundbuch eingetragen zu werden.

Mit Stolz beschreibt Herr Živalj das BBI Center sowie die BBI Real Estate als Bauherrn, Besitzer und Manager als bosnisches „Produkt“. Einzig und allein die Geldgeber seien aus dem Ausland.

Nach dem Interview ging es mit der historischen Straßenbahn ans  Westende der Stadt: Dort steht zwischen gigantischen Plattenbaustrukturen und unzähligen Autos die größte Moschee des Balkans, die König-Fahd-Moschee, ein moderner Zentralbau mit kalt-nüchternem Charakter.

Beim Betreten der Anlage fällt uns sofort auf: Fotografieren Verboten und das bereits im Vorhof. Als wir uns dem Eingang zum Gebetsraum nähern, werden wir sofort von einem Security aufgegriffen: Fotografieren verboten, Rucksack verboten, Frauen nur im Frauenbereich! Der Rucksack muss mit den Schuhen im Freien bleiben. Wir trennen uns:

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König Fahd Moschee

Rafael: Als ich das Innere der Moschee betrete, höre ich von hinten noch einmal „No Pictures!“.

Im Inneren beten vereinzelt Männer, andere sitzen am Rand und lesen laut im Koran. An der Rückwand sitzen ein paar alte Männer auf 08/15 Plastikgartensessel, in Gesprächen vertieft. Es sind alle Altersgruppen vertreten mit vielen Alten und einigen Buben. Ich durchquere den hinteren Bereich und setze mich an der Seitenwand auf den Teppichboden.

Der Innenraum ist wie der Außenraum kalt und hell gehalten – Marmorplatten, weißer Putz,  große, kahle Flächen. Nur der smaragdgrüne Teppichboden und der gigantische Lüster in der Mitte wirken als Kontrastmittel sowie als Luxuselement – alles in allem karg, nüchtern und „modern“.

Auf dem zweiten Blick fallen mir die vielen langen Bärte und die nüchterne Kleidung der Männer auf, die in Schwarz-Weiß, Grau- und Brauntönen gehalten sind. Einige tragen bodenlange, islamische Gewänder. Ein paar zwischen den betenden Männern herum laufende Buben lockern die ansonsten ruhige und  besonnene Atmosphäre auf.

Immer mehr Männer kommen herein, das Abendgebet steht kurz bevor. Als der Muezzin zum Gebet ruft, nehmen die Männer an der Vorderwand in Richtung Mekka Schulter an Schulter Stellung zum Gebet. Manche nehmen im hinteren Bereich Platz für ein 30-Sekunden-Gebet alleine, bevor sie nach vorne eilen. Andere nehmen den Koran aus den Fächern der Seitenwand, um noch ein paar Sätze zu lesen, bevor sie sich zu den anderen gesellen. Der Imam kommt herein, das gemeinsame Gebet beginnt. 15 Minuten später endet das Gebet und der Großteil der Männer eilt aus der Moschee. Ein Teil bleibt zurück ins Gebet vertieft.

Christine: Schon vor dem Moscheegelände fühle ich mich eingeengt in meinem Tun. Nach Eintreten in den Frauenbereich durch den Seiteneingang mache ich mich auf den Weg auf die Empore. Oben angekommen bin ich anfangs die einzige Person, jedoch traue ich mich nicht ganz bis an die Brüstung heran (man schaut in den Männerbereich), um den Raum im Ganzen wahrnehmen zu können. So setze ich mich in den mittleren Bereich der Empore auf den Boden und lasse den Raum auf mich wirken:

Der Innenraum ist aus edlen Materialien, jedoch sehr schlicht gehalten. Das äußere wie das innere Erscheinungsbild unterscheidet sich deutlich von den bis dato gesehenen Moscheen: Es bestehen keine Sichtbezüge zwischen Innen und Außen, die vorhandenen Fenster haben Milchglas. Hinzu kommt das Publikum, welches zumeist dem stereotypischen Bild islamischer Glaubensangehöriger entspricht. Die König-Fahd-Moschee erscheint deutlich konservativer, als die bis zu dem Zeitpunkt gesehenen liberalen Pendants.

Kurz vor Beginn tippt mir eine ältere bosnische Dame auf die Schulter und erklärt mir in gebrochenem Deutsch, ich solle mich bitte nach hinten setzen. Die Begründung habe ich nicht verstanden, jedoch zeigt sie mit einem Lächeln auf einen Plastiksessel und bringt mir extra noch ein Sitzkissen. Bis zum Abendgebet haben sich sieben Frauen und zwei Kinder eng aneinander in der vorletzten Reihe der Empore aufgereiht, einzig ein junges aber bereits Kopftuch tragendes Mädchen daddelt von der letzten Reihe am Handy. Rückwirkend denke ich, dass sie die rituellen Waschungen nicht durchgeführt hatte und somit „nicht würdig“ war vor Gott zu treten.

Das Gebet war hat wenig Elan und die wenigen Frauen wirken etwas verloren in dem riesigen Raum. Nach Beendigung des Abendgebetes setzen sich nahezu alle Frauen in die letzte Reihe, um erneut allein zu beten.

Rafael hatte mir im Vorhinein erklärt, es gehöre sich nicht, vor betenden Gläubigen entlang zu laufen, so bleibe ich sitzen und genieße die Ruhe. Nach Beendigung kommt die bereits erwähnte ältere Dame erneut auf mich zu und wir unterhalten uns in gebrochenem Deutsch: Sie erklärt mir, dass die König-Fahd-Moschee zum Stamm der Sunniten gehöre und diese großen Wert auf Reinlichkeit legen. Sie selber sei bereits dreimal nach Mekka gepilgert, aber erst seit sie in Rente ist. Ich erzähle ihr, dass ich in diesem Jahr in Jerusalem gewesen sei, dem Schmelztiegel der abrahamistischen Religionen, woraufhin sie antwortet, dass wir doch alle zum gleichen Gott beten. Diese Toleranz gegenüber anderen Religionen überrasche mich positiv.

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