Sarajevo – Eine islamische Stadt in Europa

Der heutige Tag startete mit einem herrlichen Frühstück mit Ajvar und Räucherkäse. Wohl genährt und hochmotiviert ging es anschließend erneut in die Stadt: Ohne festgelegtes Ziel haben wir uns bei kaltem aber klarem Herbstwetter durch die Stadt treiben lassen mit besonderem Fokus auf die von uns gewählten Lebensbereiche Einkaufen, Glauben und Verweilen, im Folgenden die ersten Eindrücke:

Glauben: Der Beiname „Klein-Jerusalem“ ist durch und durch passend, es gibt unzählige Moscheen und Kirchen aller Größen und Epochen. Überraschenderweise haben wir jedoch noch keine Muezzin zum Gebet rufen hören, lediglich einige 12Uhr Kirchenglocken. Die Sakralbauten sind sehr präsent, aber bis dato haben wir noch keine muslimischen Gebete, christlichen Messen, Hochzeiten oder Beerdigungen sehen können; die Wirkung nach außen ist verschlossen. Auch im öffentlichen Leben sind die verschiedenen Religionszugehörigkeiten kaum sichtbar.

Eine besondere Erkenntnis des heutigen Tages war etwas, was wir bereits wussten, uns dennoch positiv überraschte: 86 Prozent der Bevölkerung sind muslimischen Glaubens, das äußere Erscheinungsbild – speziell der Frauen – entspricht aber nicht der der verschleierten Muslima wie wir es aus Wien kennen. Die Sarajevoerinnen kleiden sich elegant und sexy, tragen gerne Make-Up und verdecken nur in seltensten Fällen ihr Kopfhaar. Es  bestätigt sich, dass der “bosnische Islam” europäisch orientiert und vergleichsweise liberal ist. Dies spiegelt sich auch in unserer AirBnB-Küche wieder: Im obersten Regal liegt ein Koran, eingewickelt in ein Kinderhandtuch mit Gemüseaufdruck, daneben stehen die Schnapsglässchen.

Koran mit Schnaps und Gemüse
Koran mit Schnaps und Gemüse

Verweilen: Der erste Eindruck des öffentlichen Lebens auf der Straße ist sehr europäisch, es wird flaniert, geflirtet, gequatscht und entspannt, ganz unabhängig von Alter oder Geschlecht. Es ist vergleichbar mit dem uns bekannten öffentlichen Leben in Serbien oder Kroatien.

Einkaufen: Zwei gegensätzliche Bereiche zum Einkaufen haben wir bereits erkundet, zum einen die historische Altstadt, mit engen Gassen und einer hohen Dichte an verschiedensten Geschäften, zum Anderen die eingeschossigen Versorgungszeilen vor den Plattenbauten aus sozialistischen Zeiten mit Konzum-Supermarkt, Apotheke oder Lampengeschäft.

sozialistische Versorgungszeile
sozialistische Versorgungszeile

Auf unseren Wegen durch die Stadt standen wir irgendwann vor einem schicken Kosmetiksalon mit dem Titel “Herbal Spa”, der Titel auch in arabischer Schrift. Nach kurzer Überlegung und einem Blick durchs Fenster entschieden wir uns einfach einzutreten und das Gespräch mit der Rezeptionistin “Adriana” zu suchen:

Arabisches Wellness in Sarajevo
Arabisches Wellness in Sarajevo

Herbal Spa ist eine kuwaitische Kette, die weltweit ihre Salons eröffnet, bewusst für die eigenen Landsleute. Laut Adriana besteht die Hauptkundschaft aus Touristinnen arabischer Länder. Die Hauptsaison für arabische Touristen umfasst aber nur etwa 2,5 Monate nach Beendigung des Ramadan. Es gibt wohl auch vereinzelt bosnische Kundinnen, aber laut Adriana bevorzugen die Bosnierinnen ein Kaffeehaus oder gehen Wandern bevor sie in einen Spa besuchen. Uns machte diese Aussage etwa stutzig, da in unserem Empfinden die Bosnierinnen erheblichen Wert auf Äußerlichkeiten legen und es viele z.B. lokale Friseursalons gibt. Wir haben die Preise nicht erfragt, vermuten aber, dass der Herbal Spa weit über dem Durchschnitt für z.B. eine Maniküre liegt und damit außerhalb der finanziellen Möglichkeiten der meisten Bosnierinnen.

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