Früher war alles besser.

Am letzten Tag unserer Forschungsreise besuchen wir am vergangenen Freitag den Trebević, quasi den Hausberg Sarajevos. Der Trebević hat in den letzten Jahrzehnten in der Geschichte Sarajevos immer wieder eine bedeutsame Rolle gespielt: Kriegsschauplatz, Erholungs- bzw. Freizeitgebiet und natürlich wurden auch hier Wettkämpfe der Olympischen Spiele 1984 ausgetragen.

Beschwerlicher Aufstieg mit der Seilbahn
Beschwerlicher Aufstieg mit der Seilbahn

Wir erklimmen den Berg mithilfe einer Seilbahn, die erst seit April diesen Jahres wieder in Betrieb ist und im Krieg zerstört wurde. Einige Minuten unterhalb der Seilbahnstation befindet sich in mittlerweile von Minen befreitem Gebiet mit der alten olympischen Bobbahn ein Relikt vergangener Zeit, eine Erinnerung an die glorreichen Olympischen Spiele vor dem Krieg. Wir gehen die Bobbahn bis zum Ziel hinunter, sind dabei nicht die einzigen, denn die Überreste der Bahn sind längst zu einer Sehenswürdigkeit für TouristInnen geworden. Doch je weiter wir gehen, umso weniger Menschen begegnen uns und wir bekommen eine Vorstellung davon, wie das sein muss – die Olympischen Spiele quasi vor der Haustüre. Und wie das sein muss, wenn genau dieser Ort nur wenige Jahre später zum Kriegsschauplatz wird.

Erkunden der Bobbahn der Olympischen Spiele 1984 - wir sind nicht alleine.
Erkunden der Bobbahn der Olympischen Spiele 1984 – wir sind nicht alleine.
Graffitis auf der Bobbahn
Graffitis auf der Bobbahn
Ruinen rund um die Bobbahn
Ruinen rund um die Bobbahn
Ruinen rund um die Bobbahn
Ruinen rund um die Bobbahn

Die Olympischen Spiele waren nicht nur für Sarajevo ein Ereignis – die ganze Welt war zu Gast in Jugoslawien. Wir sprechen dabei von jenem Staat, der nach dem zweiten Weltkrieg aufbauend auf das Königreich Jugoslawien (1918-1941) als Föderative Volksrepublik Jugoslawien (später in Sozialistische Föderative Volksrepubik Jugoslawien umbenannt) gegründet wurde. Jugoslawien, Tito, Blockfreiheit, Kommunismus, Arbeitsplätze und das friedliche Leben in Einheit – fast wie im Paradis. Ein romantisiertes Bild, das nicht selten von vor allem vielen jungen Menschen, die Jugoslawien eigentlich gar nicht mehr erlebt haben, gezeichnet wird. In wirtschaftlich äußerst schlechten Zeiten (z.B. Arbeitslosenquote von über 50% bei den 15-24 Jährigen), wo viele Probleme zusätzlich durch nationalistische Gedanken von Seiten der Politik sowie der Medien konstruiert werden, erscheint Jugoslawien vielen wie ein leuchtender Stern am Himmel. Diese Jugonostalgie wird ersichtlich besipielsweise im Umgang mit den Olympischen Spielen, die nach wie vor in der Stadt präsent sind, oder mit dem Café Tito, einer der Treffpunkte für Jugendliche schlecht hin. Jugoslawien, z.B. auch die Musik aus vergangener Zeit, liegt definitiv im Trend.

Graffiti in der Innenstadt Sarajevos
Graffiti in der Innenstadt Sarajevos
Friedhof auf Tennisplätzen am Gelände der Olympischen Spiele
Friedhof auf Tennisplätzen am Gelände der Olympischen Spiele
Olympischer Flair ist nach wie vor präsent
Olympischer Flair ist nach wie vor präsent

Die Jugonostalgie hält jedoch oftmals nur so lange an, bis die Aussichtlosigkeit überwiegt Dann gibt es für viele nur eine Möglichkeit: Auswandern. Bosnien verliert pro Jahr mehrere Zehntausend EinwohnerInnen, die sich auf der Suche nach einem besseren Leben ins Ausland aufmachen. Bei knapp 3,5 Mio. EinwohnerInnen ist dies natürlich für die Zukunft keine rosige Aussicht. Mirza, unser Interviewpartner von vor ein paar Tagen (wir haben ihn übrigens im Café Tito getroffen), war immer einer jener in seinem Bekanntenkreis, die bleiben und zu einer erfolgreichen Zukunft Bosniens ihren Beitrag leisten wollen. Doch mittlerweile setzt auch bei ihm eine gewisse Frustration ein. Eine Familie jedenfalls kann er sich in Bosnien nicht vorstellen – sollte er Kinder bekommen, wird er (spätestens dann) vermutlich das Land verlassen.

Morgen wird es noch einen abschließenden Blogeintrag geben, wo wir unsere Reise Revue passieren und euch an den wichtigsten Erkenntnissen Teil haben lassen.

 

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