Die Stadt der Friedhöfe

Wir besuchen heute das Sarajevo von Nedad Memić. Der PR-Berater, Journalist und Philologe stammt aus Sarajevo, lebt in Wien und wir haben ihn im Juli im Café Jelinek getroffen. Wir haben mit ihm über die Beziehung der ethnischen Gruppen in Bosnien zueinander gesprochen und über Orte, die hierfür eine Rolle spielen.

Im Laufe der Vorbereitungen zur Forschungsreise haben wir uns viel mit Grenzen und Grenzräumen beschäftigt. Im Gespräch mit Nedad wurde jedoch schnell klar, dass eigentlich die verbindenden Orte für das Leben in dieser multikulturellen Stadt viel wichtiger sind. Orte, die für alle ethnischen Gruppen eine (vielleicht unterschiedliche) Bedeutung haben. Dabei wird Ort nicht als geographisch fixes Element im Raum verstanden, sondern eher als Ortstyp, wie etwa Friedhöfe.

Friedhöfe, die in ganz Sarajevo verteilt sind und die immer wieder zwischen den Häusern in den steilen Straßen der Mahalas (Wohnviertel mit osmanischen Strukturen) auftauchen. Auf nahezu jeder öffentlichen Grünfläche sind Grabsteine aus vergangener Zeit zu finden.

Muslimische Grabsteine aus osmanischer Zeit auf einer Grünfläche in Kovači
Muslimische Grabsteine aus osmanischer Zeit auf einer Grünfläche in Kovači

Betrachtet man die Grabsteine und ihre Inschriften näher, wird klar, warum hier so viele Menschen begraben sind: Viele sind Zeugen des Krieges und einer Zeit, in der Sarajevo die vermutlich schlimmsten Jahre seit Bestehens der Stadt erlebte. 1.425 Tage, von 1992 bis 1996, wurde die Stadt während des Krieges belagert – die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. Etwa 11.000 Menschen verloren während dieser 4 Jahre ihr Leben. 11.000 Menschen, die begraben werden mussten. Hierfür fehlte einerseits der Platz, andererseits war es durch die Belagerung und den ständigen Beschuss durch Scharfschützen unmöglich, die alten Friedhöfe zu verwenden.

Grabstein im Vorhof einer Moschee in Kovači
Grabstein im Vorhof einer Moschee in Kovači

Im Sarajevo von heute ist dadurch der Krieg allgegenwärtig. Insgesamt kamen während des Bosnienkrieges rund 100.000 Menschen ums Leben, unzählige persönliche Verluste waren auf allen Seiten zu beklagen. In einem Interview vor der Reise erzählte uns eine Frau aus Banja Luka folgendes: “Jeder hat gelitten, jeder hat ein Recht, wütend zu sein. Man muss nicht vergleichen und sagen, das ist ja nicht so schlimm, was dir passiert ist, schau mich an. Alle haben gelitten, auch ich, als Serbin, wurde bedroht und sah mich gezwungen zu gehen. Meine Freunde gingen teilweise schon vor mir, Freunde starben, ich habe vielleicht nicht direkt Krieg erlebt, aber ich habe auch gelitten.”

Die Integration der Friedhöfe in das Stadtgefüge hat uns dies heute verdeutlicht. Friedhöfe sind Orte der Trauer, Orte des Verlustes – und zwar für alle Religionen und ethnischen Gruppen.

Grabsteine am alten Muslimischen Friedhof in Alifakovac
Alter Muslimischer Friedhof in Alifakovac
Blick auf den Friedhof von Alifakovac
Blick auf den Friedhof von Alifakovac

 

 

 

 

 

 

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