Bosnien – klein, aber komplex

Wir haben heute Mirza Ajnadžić getroffen. Mirza ist Journalist und befasst sich unter anderem mit dem Thema Ethnizität in Bosnien. Anschließend an unser gestriges Gespräch und den Erkenntnissen daraus sind wir durch Mirza weiter in die Materie eingetaucht.

Ethnizität ist in Bosnien durch das Dayton-Abkommen, durch das der Krieg beendet wurde, in der Verfassung und im gesamten politischen System verankert. Beispielsweise kann nur jemand Präsident werden, der sich eindeutig zu einer der drei größten Volksgruppen (Bosniaken, Serben, Kroaten) bekennt. Weiters sind viele Posten dreifach besetzt, um keine Volksgruppe zu benachteiligen. Mirza sieht sich als Staatsbürger Bosnien und Herzegowinas, und somit zu keiner der drei ethnisch konnotierten Gruppen zugehörig – dadurch kann er beispielsweise kein politisches Amt bekleiden.

Politisches System in Bosnien und Herzegowina - etwas komplex
Politisches System in Bosnien und Herzegowina – etwas komplex

1995 waren diese Festlegungen nötig, um Frieden im Land herzustellen, jedoch sieht Mirza den heutigen Bosnischen Staat und das politische System als Produkt einer nicht zu Ende gedachten Regelung. Das Dayton-Abkommen meißelt die ethnischen Trennung des Landes in Stein, es herrscht zwar Frieden, doch ein richtiges Ende der nationalistischen Auseinandersetzungen wurde dadurch nicht erreicht.

In Vorbereitung auf die Forschungsreise haben wir uns mit Ana Mijić vom Institut der Soziologie der Universität Wien getroffen. Sie hat uns vom Schulsystem in Bosnien erzählt und, wie sich dort die ethnische Trennung der Gesellschaft weiterführt. In Bosnien gibt es bosnische, serbische und kroatische Schulen, die in der Form geregelt wurden, um allen Kindern den Unterricht in ihrer Muttersprache (Bosnisch, Serbisch und Kroatisch) und in Hinblick auf die jeweilige Religion und Geschichte zu ermöglichen. Ana Mijić erzählte uns von einem Gebäude, durch das in der Mitte eine Mauer geht, rechts und links werden Kinder unterschiedlicher Volksgruppen unterrichtet. Doch es gibt auch andere Beispiele: Im Juli 2017 protestierten SchülerInnen in einigen Städten Bosniens gegen diese Trennung (Wölfl, 2017), denn die Segregation in Bildungseinrichtungen festigt die Teilung der Gesellschaft von Kindesalter an.

Doch eine Veränderung der derzeitigen Situation ist nicht in naher Zukunft zu erwarten, da politische AmtsträgerInnen kein Interesse daran hätten. In jeglichen Interviews wurde uns das unglaublich korrupte bosnische politische System geschildert, in dessem Interesse (Machterhalt) nationalistische Tendenzen weiter gefestigt werden. Dies hat auch starke räumliche Auswirkungen: Mirza hat uns von Interviews erzählt, in denen es um die Wahrnehmung der Grenze zwischen den Entitäten (Republika Srpska und Förderation Bosnien und Herzegowina) ging. In diesen Gesprächen kam mehrfach auf, dass die jeweils andere Entität kaum besucht wird und somit räumlich kein Zusammenhang besteht. Ein Blick auf das Straßensystem sowie den Öffentlichen Verkehr bestätigt diese Annahme – Straßen gehen oftmals entlang der Grenze, aber nicht regelmäßig darüber, Straßen enden, Busverbindungen zwischen den Entitäten bestehen teilweise spärlich.

Die Grenze zwischen den Entitäten im Süden Sarajevos, abgesehen vom Schild, auch ersichtlich an der Straße und dem Gehsteig
Die Grenze zwischen den Entitäten im Süden Sarajevos, abgesehen vom Schild, auch ersichtlich an der Straße und dem Gehsteig

Die Frage, die sich uns heute erneut aufwarf, ist, wie ein Staat in dieser Konstellation funktionieren kann und wie Bosnien in 10 Jahren aussieht – vor allem in Anbetracht nationalistischer Politik, hoher Arbeitslosigkeit, starker Abwanderung sowie zunehmender Aussichtslosigkeit, dass sich an dieser Situation bald etwas ändert.

Mirzas Wunsch für die Zukunft: Dass Ethnizität nicht mehr alles in Bosnien vereinnahmt und lähmt. Mensch ist Mensch, und sie alle sind Teil einer Gesellschaft, die sich gemeinsam weiterentwickeln kann.

Die Ewige Flamme in Sarajevo steht für jeglichen Antifaschismus und gegen Nationalismus
Die Ewige Flamme in Sarajevo steht für jeglichen Antifaschismus und gegen Nationalismus

Quellen:

Wölfl, A. in Der Standard: Segregation in bosnischen Schulen soll enden, 10. Oktober 2017, https://derstandard.at/2000065640686/Segregation-in-bosnisB, zuletzt aufgerufen am 05.09.2018.

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