Absurdität der künstlichen Diversität?

Wir haben heute Adelheid Wölfl getroffen, Standard Korrespondentin in Südosteuropa. Sie hat uns an ihrem reichhaltigen Wissen über die Region, über Bosnien, über Sarajevo teilhaben lassen. Aufkommender Nationalismus beschäftigt und prägt die Region wie nie zuvor, Menschen und ihre Identitäten werden von politischen Strukturen instrumentalisiert.

Wir haben uns der Frage gestellt, inwiefern eigentlich der Ausdruck “Ethnische Gruppen” der Realität entspricht, und wie diese Einteilung der Menschen (an sich ein äußerst fragwürdiger Ausdruck), die in Bosnien leben, zustande gekommen ist. Wir waren immer der Ansicht (aufgrund fundierter Literaturrecherche, in der genau dies vermittelt wird), dass Ethnische Gruppen in Bosnien stark über die religiöse Zugehörigkeit definiert werden, doch ein ganz anderer Aspekt kam im Laufe des Gespräches mit Adelheid Wölfl auf: Zugehörigkeiten zu religiösen Gruppen werden seitens nationalistischer Gedanken zur Bildung von ethnischen Gruppen instrumentalisiert, wobei nicht die tatsächliche Ausübung der Religion eine Rolle spielt, sondern oftmals allein der eigene Name definiert, welcher Gruppe man anzugehören scheint.

Bosnien und auch die restlichen Staaten des ehemaligen Jugoslawiens sind geprägt von Nationalismus – Parteien instrumentalisieren diese Themen für den eigenen Machterhalt und forcieren damit eine Spaltung der Gesellschaft (siehe Entwicklungen im Kosovo bzw. immer wieder aufkeimende Abspaltungstendenzen der Republika Srpska). Ein Phänomen, das, vielleicht nicht ganz in dieser Form und vor allem nicht mit dieser Vergangenheit, auch in Österreich zu beobachten ist.

Streetart in Sarajevo
Streetart in Sarajevo

Wir haben in unserem ersten Blogeintrag bereits über Friedhöfe berichtet, doch dabei haben wir uns hauptsächlich mit der Rolle im Stadtgefüge und der Symbolik des Ortes beschäftigt. Adelheid Wölfl hat uns noch eine andere Seite aufgezeigt: Traditionen werden von anderen religiösen Gruppen übernommen – so beispielsweise die Niederlegung von Blumen (typisch katholische Tradition) an muslimischen Gräbern, was so nur in Bosnien zu finden ist. In unserer Vorbereitung auf die Reise wurde auch mehrfach erwähnt, dass man sich gegenseitig zu den jeweiligen religiösen Feiertagen gratuliert und diese respektiert.

Blumenschmuck auf muslimischen Gräbern in Kovači
Blumenschmuck auf muslimischen Gräbern in Kovači
Muslimische Gräber mit Blumenschmuck auf einem Friedhof in Koševo, katholische Gräber im Hintergrund
Muslimische Gräber mit Blumenschmuck auf einem Friedhof in Koševo, katholische Gräber im Hintergrund

Bosnien ist ein Land mit unglaublich komplexer Geschichte, die sowohl trennende als auch verbindende Ereignisse beinhaltet. Der zurzeit immer stärker aufkommende Nationalismus, der laut Wölfl noch nie so stark war wie heute, trägt jedenfalls nicht zur Stabilisierung der Region bei. Blickt man nach Europa, zeigt sich, dass es leider auch hier ähnliche Tendenzen gibt. Eigentlich gäbe es doch genug Ereignisse, die zeigen, dass dies nicht der richtige Weg zum friedlichen Zusammenleben ist. Die Bestätigung dafür haben wir heute hautnah im “Museum der Verbrechen gegen Menschlichkeit und Genozid” erlebt – Bosniens Geschichte zeigt deutlichst, wohin Nationalismus führen kann.

Am Ende des Museums, am Ende unserer Emotionen
Am Ende des Museums, am Ende unserer Emotionen

Ein Kommentar zu “Absurdität der künstlichen Diversität?

Schreibe deinen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*
*